Zwei Girls vom roten Stern – Kritik

1966 – Papas Kino bebt (10): Bei der Hatz um eine Superwaffe treffen sich Lilli Palmer und Curd Jürgens zum Saufduell im Séparée – im Auftrag der Münchner Lach- und Schießgesellschaft.

Zwei Girls vom roten Stern 06

Eine „Weltvernichtungsmaschine“, pflaumt Dr. Strangelove den russischen Spion im Pentagon wütend an, sei doch sinnlos, solange man ihre Existenz geheim halte – und in der Tat, noch bevor die Sowjets ihr ultimatives Abschreckungsmittel stolz der Welt präsentieren können, kommt die Waffe in dem Film von 1964 zu ihrem ersten und für immer letzten Einsatz. Zwei Jahre später, in einem weit farbenfroheren und weniger dystopischen Setting, stellen die Amis ihr charmantes Gegenstück „Jonny“ – einen Strahlen-Zauberkasten, der jedes beliebige Ziel auf der Welt per Knopfdruck zerstören kann – denn auch nach allen Regeln der PR-Kunst im Genfer UNO-Palast vor, Fernverbiegung der Eiffelturmspitze inklusive, die Stiftung des Weltfriedens im Sinn. Der Film allerdings fiel im Gegensatz zu Kubricks Klassiker fast dem Vergessen anheim.

Zwischen Kabarett und Genrestück

Zwei Girls vom roten Stern 02

Zwei Girls vom roten Stern ist ein interessantes Hybrid: Zum einen aus dem Stall der legendären „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“, mit Gründer und Leiter Sammy Drechsel als Regisseur, Hausschreiber Klaus Peter Schreiner als Drehbuchautor und Beteiligung des gesamten Ensembles, ist die Spionage-Farce zugleich eine starbesetzte deutsch-französische Großproduktion, und diese beiden Kräfte bremsen einander ein wenig aus, machen den Film aber auch zu einem schillernden Unikat. Während man den stets auf Pointen zielenden Dialogen stilistisch die Herkunft aus dem Kabarett anmerkt, ist der Film doch gleichzeitig ein mit nicht wenig Lust auf die große Leinwand gebrachtes Genrestück und eine ortskundige Reise durch Spionagefilm-Settings, von halb ausgeleuchteten Kongresshallen über konspirative Treffen in Straßencafés bis zu durch die Nacht bretternden TEE-Zügen, mit Genf und seinen prunkvollen Uferpromenaden als Zentrum sowie Wien, New York und Moskau als Satelliten (der Schwenk über den Roten Platz sieht allerdings wie ein abgefilmtes Foto aus).

Der satirische Zugriff auf das Gleichgewicht-des-Schreckens-Thema bleibt freilich wenig zupackend und kommt über milden Spott auf Russen-und-Amis-Stereotype kaum hinaus. Die Hatz um „Jonny“ bildet vor allem den Hintergrund für die Begegnung der russischen Offizierin Olga – einer der beiden „Girls“ aus dem Titel, die als sowjetische Delegation nach Genf geschickt werden – mit ihrem US-Kollegen Dave, mithin von Lilli Palmer und Curd Jürgens, die auf der Anreise nach Genf von einem schusseligen Schaffner in ein Nachtabteil zusammengelegt werden und auf einem von vielen Wodkaflaschen gesäumten Parcours zum Paar werden. Herzstück ihrer Liaison wie des Films ist ein Saufduell im luxuriösen Séparée – ein Ablenkungsmanöver, während die Russen „Jonny“ entführen wollen –, das Olga haushoch gewinnt. Was auch damit zu tun haben mag, dass Curd Jürgens schon vorm ersten Schluck leicht angesäuselt wirkt. Während er seine Figur überhaupt mit leicht spröder Distanz eher karikaturenhaft anlegt, spielt Lilli Palmer ihre Olga mit warmer Hingabe als eine vom Leben versehrte Trinkerin mit Herz. (Das andere „Girl“ Anja, bei fast gleicher Haarfarbe und Uniform als charakterliche Antipode skizziert, bleibt dem Titel zum Trotz eine Nebenfigur.)

Spion spielen am Genfer See

Zwei Girls vom roten Stern 05

Um das Pärchen wuseln auf wirren Nebenpfaden viele Spione, Diplomaten und Politiker herum. Da gibt es den notorisch klammen Doppelagenten Ballard (Daniel Gélin), der zum Spielball zweier tumber Geheimdienstchefs wird, entführt von einer noch weiter im klandestinen Hintergrund agierenden Bande, die sich im Hinterzimmer eines als Bridge-Club getarnten Bordells trifft – recht chargierend verkörpert vom Lach-und-Schießensemble selbst, mit Dieter Hildebrandt als ziegenbärtigem Kunstmaler. Diese Bande arbeitet ihrerseits einem Mister X zu, der wiederum für beide politische Lager tätig ist. Dramaturgisch und plottechnisch funktioniert das alles nur sehr eingeschränkt, doch es macht Spaß, diesen Leuten beim Spione-Spielen zuzusehen. Zum Beispiel bei einer slapstickhaften Beschattungsaktion in Genfer Hinterhöfen, bei der die Verfolger ihrem Zielobjekt entweder im Synchronschritt am Rücken kleben oder ihm auf unwahrscheinlichen Abkürzungen den Weg abschneiden.

Kunststoffkugeln in Eastmancolor

Zwei Girls vom roten Stern 04

Es sind solche inszenatorischen Tupfer, die viel vom Reiz des Films ausmachen: Unter der Bettdecke hervorlugende lackierte Zehennägel im Rasierspiegel des Schlafwagenabteils, die erst der Kamera und dann Dave auffallen. Ein jäh hinterm Schaffner in der Abteiltür auftauchender Mann, der ein Beweisfoto schießt. Ein einfühlsamer Kellner, der die hinter den Trink-Duellanten aufgehängten Spiegel im Vorbeigehen unauffällig umdreht. Oder „Jonny“, der auf einer morgenfeuchten Wiese am Genfer See ein paar in Eastmancolor schimmernde Kunststoffkugeln zerballert. Wer ein Faible für 60er-Jahre-Designs hat, der hat in Zwei Girls ohnehin viel zum Schwelgen – und es ist schwer vorstellbar, dass eine Bahnhofshalle on screen viel schöner aussehen kann als die des Wiener Westbahnhofs mit ihren zeittypischen Neonreklamen vorm satten Violett der Morgendämmerung.

Obwohl Zwei Girls Drechsels einzige Kinoarbeit ist, wirkt er auf genuin filmischem Boden beinah trittsicherer als auf seinem Hausterrain der satirischen Dialoge, bei denen sich Hintergründiges an Fades und Flaches reiht. Die zwei „Girls“ auf Führungspositionen etwa liefern den frauenrechtlich noch eher unbeleckten Herren Anlass zu halbgaren Frotzeleien, zu denen der Film in schalkhafter Balance zwischen Bespötteln und Mitkichern bleibt (und damit im Gestus zwischen den Stühlen von Papas Kino und seinen sich als progressiv verstehenden Nachfahren). Wenn Olgas und Daves süßes Geheimnis zuletzt der Weltöffentlichkeit bekannt wird, dann bringt das zwar Yellow Press und internationale Diplomatie erst mehr in Wallung als vorher „Jonny“, führt die Kalte-Kriegs-Satire zuletzt aber in recht seichte Gewässer. Am Ende steht statt der Apokalypse nur die Ehe.

Trailer zu „Zwei Girls vom roten Stern“


Trailer ansehen (1)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.