Zusammen ist man weniger allein
Ein Wohlfühl-Film mit Audrey Tautou: Vier sehr unterschiedliche Menschen raufen sich zu einer Lebensgemeinschaft zusammen und helfen sich gegenseitig bei der Verwirklichung ihrer Träume.

Camille (Audrey Tautou) lebt zurückgezogen in einer kleinen, kalten Wohnung unter dem Dach, in einem großen Mietshaus in Paris. Sie arbeitet als Putzfrau, weil sie keinen Ehrgeiz hat, und träumt davon, von ihrem Zeichentalent zu leben. Außerdem isst sie viel zu wenig und magert dramatisch ab. Dass sich eine solche Hungerkünstlerin ausgerechnet in einen Koch verliebt, ist eine von jenen Drehbuchideen, von denen man nicht so genau weiß, ob man sie hübsch oder berechenbar finden soll. Letzteres, weil es einfach zu gut ineinander greift, aber dann wiederum greift einfach alles in diesem Film gut ineinander - die Konflikte, deren Lösungen, die Charaktere und nicht zuletzt die Schauspieler, die Regisseur Claude Berri routiniert zu einem harmonischen Ensemble vereint.
Berri, Jahrgang 1934, dreht seit den frühen sechziger Jahren Filme, außerdem arbeitet er als Produzent und Drehbuchautor. Er war an Werken wie Der Liebhaber (L’Amant, 1992) von Jean-Jacques Annaud, Meine Nacht bei Maud (Ma nuit chez Maud, 1969) von Eric Rohmer oder Der Stellvertreter (Amen, 2002) von Costa-Gavras beteiligt, Regie geführt hat er zum Beispiel bei Germinal (1993) oder Die Hochzeit (Mazel Tov ou le mariage, 1969). Präsident der ehrwürdigen Cinémathèque Française ist er außerdem. Seine neueste Arbeit stützt sich auf die Romanvorlage der Schriftstellerin Anna Gavalda, ein Buch, das auch in Deutschland lange auf den Bestsellerlisten stand. Der Publikumserfolg ist zu gleichen Teilen dem gefälligen Stil der Autorin und ihrer plakativen humanistischen Botschaft zu verdanken. Beides gilt auch für die Verfilmung.

Zusammen ist man weniger allein (Ensemble, c’est tout) ist ein freundlicher Film, der es gut mit seinen Figuren und mit dem Zuschauer meint. Es geht, wie der Titel schon verrät, um Wahlverwandtschaften: Vier einsame Menschen finden zueinander, und zwar Generationen übergreifend. Da ist, neben Camille, ihr ebenfalls aus dem Leben gefallener Nachbar Philibert (Laurent Stocker). Er entstammt einem alten Adelsgeschlecht, trägt Fliege, stottert, verkauft Postkarten und träumt von einem Leben als Schauspieler. Sie treffen sich im Flur, laden sich gegenseitig zum Essen ein, und schließlich zieht sie in seine großbürgerliche Wohnung, wo eine Art Wohngemeinschaft der Außenseiter entsteht. Philibert hat bereits dem launischen Franck (Guillaume Canet) Unterschlupf gewährt. Der ist von der neuen Mitbewohnerin zunächst gar nicht begeistert. Er ist überhaupt von gar nichts begeistert, außer von seiner Oma Paulette (Françoise Bertin), dem vierten einsamen Menschen des Films, um die Franck sich rührend kümmert und die schließlich ebenfalls zum WG-Mitglied wird. Einen Traum hat auch Franck, nämlich den von einem eigenen Restaurant. Am Ende gehen alle Träume mehr oder weniger in Erfüllung, am schönsten der von Philibert, der sein Stottern überwinden und tatsächlich als Komiker auf der Bühne stehen wird. Leider bleibt diese Szene eine bloße Illustration - man sieht Philibert mit einem begeisterten Publikum kommunizieren, aber man hört ihn nicht, stattdessen ist die Tonspur nur voll von Musik. Das ist schade, weil hier die Chance zu einem hübschen Kabinettstückchen vertan wurde, auf das die schräge und einnehmende Darstellung des Comédie-Française-Mitglieds Laurent Stocker eigentlich die ganze Zeit über hinarbeitet.

Diese Unterlassung ist symptomatisch für den ganzen Film. Regisseur und Drehbuchautor Berri hat eine Wohlfühl-Geschichte gedreht, die dank der Schauspieler zwar eine überzeugende Grundstimmung hervorrufen kann, in der die Details aber vernachlässigt werden. Alles geschieht auf wundersame Art und Weise immer zum rechten Zeitpunkt, und Konflikte lösen sich auf, noch bevor sie richtig entstanden sind. Die Zuneigung zu liebevoll gezeichneten Verlierertypen, zu den unterschiedlichsten, von der Norm abweichenden Lebensentwürfen ist so sympathisch wie belanglos. Und so schnell, wie man sich geborgen fühlt in der Gesellschaft seiner Figuren, so schnell hat man den Film, dem sie entstammen, wieder vergessen.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 08.08.2007
Kommentare zu Zusammen ist man weniger allein
Lisa 25.08.2007 19:07
stimmt gar nicht...
man vergisst den film nicht so schnell!!!
mich hat der film sher bewegt....
ich saß im kino und war einfach glücklich...
ich finde das ist ein sehr schöner film
Katrin 26.08.2007 11:54
Die Kritik ist vollkommen berechtigt, der Film hat auch bei mir gemischte Gefühle hinterlassen. Wundervolle Schauspieler, aber die Details fehlen.
Martin 27.08.2007 18:52
Für mich ist der Film hervorragend; einer der besten seit Jahren. Die Kritik, es fehlten die Details und man vergesse den Film schnell wieder, ist völlig unberechtigt. Nein, der Film zeigt auf schöne Weise, daß es im Leben nicht darauf ankommt, alles zu verstehen, sondern sich von der Liebe leiten zu lassen. Und wenn sich Dinge dann wie von selbst ergeben, ist es vielleicht weder Zufall noch Schicksal, sondern die Erfahrung einer liebenden Macht, die größer ist als die bescheidene Logik der Menschen - Gott ?
Fazit: sehr empfehlenswert !
mrsnici77 29.08.2007 12:02
Wenn man "Die fabelhafte Welt der Amelie" gesehen hat, erwartet man vermutlich einen ähnlichen Film, der einen genauso glücklich macht. Ich kann für mich behaupten, dass ich nach "Zusammen ist man weniger allein" nicht so begeistert war. Erstens fehlten auch mir kleine Details, die bei "Amelie" den Film erst richtig lebendig gemacht haben und zum zweiten spielte für mich die Filmmusik eine große Rolle, die ich bei "Zusammen..." nicht so gelungen fand und die auch meiner Meinung nach viel zu sehr in den Hintergrund gerückt ist. Yann Thiersen hat bei "Amelie" soviel dazu beigetragen, dass dieser Film so erfolgreich war bzw. ist.
Mein Fazit also: Wenn man das Buch nicht gelesen hat und einen schönen französischen Film sehen will, der aber auf gar keinen Fall mit "Amelie" verglichen werden darf, ist man in "Zusammen ist man weniger allein" gut aufgehoben. Ein netter französischer Film, der einem ein positives Lebensgefühl gibt, wenn man aus dem Kino kommt. Nicht mehr und nicht weniger.
edlon 31.08.2007 11:58
Wichtige, gesellschaftliche Konflikte werden in "Zusammen ist man weniger allein" thematisiert.
Arbeit und trotzdem Not sowie
der Umgang mit den Alten.
Ich kann verstehen, daß der Film gefällt, weil er diese Thematik liebevoll antippt.
Jedoch hätte man aus diesem Stoff mit diesen tollen Schauspielern ein edles Werk machen können.
Empfehlung für die HFF: Verwendung als Negativvorlage in Dramaturgie.
Marina 29.09.2007 18:55
Ich fande den Film sehr schön, irgendwie anders wie andere Filme... Lag auch daran, dass ich zum ersten Mal alleine im Kino war.
Die Kritik stammt wahrscheinlich von Leuten, die das Buch vorher gelesen haben. Bei Buchverfilmungen mit vorheriger Buchlektüre schneiden die Filme meist schlechter ab, da man sich in Bücher in der Regel viel intensiver und über einen längeren Zeitraum hineinversetzt, und diese eben viel detaillierter sind, was im Kinofilm kaum möglich ist.
dorian 06.10.2007 04:31
ich habe den film zusammen mit 4 (!) weiteren besuchern im odeon (mannheim) gesehen. er hätte sicherlich mehr zuschauer verdient! die kritik kann ich nicht nachvollziehen: ein rundum gelungenes werk mit tiefenschärfe, ausgefeilten charakteren, tollen schauspielern - und sehr viel gefühl. und einer wichtigen botschaft. wohltuend in einer zeit, in der computergenerierte spannung und spezialeffekte das maß aller dinge im kino sein sollen. ich bevorzuge menschen, die ihr fach verstehen. mehr braucht es nicht für vorzügliche unterhaltung, die noch monate für gesprächsstoff sorgt.
saskia 10.10.2007 14:57
sehe das wie dorian, nur dass ich finde, der film hat nicht nur eine wichtige botschaft, sondern gleich mehrere. finde ihn leicht und tief zur gleichen zeit und einfach wunderschön und intelligent.
Lola 1234 03.12.2007 22:51
ich hab den Film heute gesehen .. der Kino saal war total voll und ich saß in der 2. reihe. Ich fand diesen Film einfach wunderbar man konnte schmunzeln über szenen auch lachen aber auch traurig sein .. mir hat der Film sehr gut gefallen. Auch die Filmmusik war mal etwas anderes .. Mein Fazit einfach ein Traum dieser Film :)
Sophia 09.12.2007 20:00
also ich habe wahrscheinlich einen großen fehler gemacht, in dem ich den film direkt nach dem buch gesehen habe.
ich muss sagen - der abend war für mich echt gelaufen. ich fand den film echt schlecht...
es war einfach eine ganz ganz andere stimmung, viele gedanken der personen und hintergründe, die natürlich nicht erwähnt wurden, weil es einfach zu viel gewesen wäre, haben allerdings in keinster weise die stimmung vom buch aufbringen können.
wahrscheinlich würde ich jetzt was anderes sagen, wenn ich das buch nicht gelesen hätte, aber das wollte ich trotzdem erwähnt haben!
Christoph 06.01.2008 23:10
Ich habe den Film erst heute gesehen. Die letzten Abende habe ich damit verbracht das Buch zu lesen. Ein Fehler vielleicht, aber einer den ich nicht bereue.
Ich habe das Kino nach einer gequälten halben Stunde verlassen. Nichts, aber wirklich gar nichts was dieses Buch so wertvoll macht ist nur annähernd umgesetzt worden. Da treffen sich drei stinknormale Leute unter ungeklärten Umständen in einer Wohnung. Die gesamte Tragik dieser Menschen, die Unfähigkeit mit dem eigenen Leben klarzukommen, sich anderen zu öffnen, das Leben zu lieben fehlt.
Es ist einfach nicht unwichtig ob Camilles eine Matratze auf dem Boden ist oder eben, wie im Film, ein rudimentäres Bett. Es ist keineswegs die Essenz von Philibert das er stottert, die Essenz ist doch wohl wie schwer es ihm fällt mit anderen in Kontakt zu treten. Das Stottern ist doch nur die Folge seiner Schüchternheit. Franck kümmert sich keineswegs rührend um seine Großmutter wie im Film. Es kostet ihn immense Überwindung sich notgedrungen mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen vor der er in die Arbeit und seine unpersönlichen Beziehungen flüchtet.
Für Menschen die nie wie Camille auf der Strasse gelebt haben, die nicht verstehen welche Bedeutung der "Kaminofen" hat (der es scheinbar nichteinmal ins Drehbuch geschafft hat), Die keine Kindheit wie Philibert oder Franck hatten, mag dieser Film beim Popcorn genießbar sein. Für alle anderen empfehle ich dringend das Buch.
"... warten, bis man den Grund berührte, von dem man sich abstoßen konnte, um wieder an die Oberfläche zu gelangen."
Ich hatte wirklich nicht viel erwartet, aber das war der erste Film den ich nicht länger sehen konnte.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Zusammen ist man weniger allein
Originaltitel: Ensemble, c’est tout
Frankreich 2007
Laufzeit: 97 Minuten
Regie: Claude Berri
Drehbuch: Claude Berri
Produktion: Claude Berri
Darsteller: Audrey Tautou, Guillaume Canet, Laurent Stocker, Françoise Bertin, Béatrice Michel, Alain Sachs, Firmine Richard
Kinostart: 16.08.2007
DVD-Angaben
Titel: Zusammen ist man weniger allein
Vertrieb: Universal Pictures
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 92 Minuten
Extras: Making of; Original-Kinotrailer; Programmvorschau
Verleih ab: 28.02.2008
Verkauf ab: 28.02.2008
Copyright Zusammen ist man weniger allein
Fotos: © Prokino
BERLINALE 2012

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