Zurück im Sommer
Mein Vater, der Tyrann. In Dennis Lees prominent besetztem Familiendrama dreht sich alles um einen langjährigen Vater-Sohn-Konflikt.
Was passiert wenn eine Coming-of-Age-Geschichte im Stil von Stephen Kings Stand by Me (1986) mit den Zutaten eines klassischen Familiendramas vermischt wird? Das Ergebnis könnte sich in etwa so wie Dennis Lees Langfilm-Debüt Zurück im Sommer (Fireflies in the Garden) anfühlen. Die erste US-Produktion der deutschen Senator Film ist als Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart angelegt, zwischen familiären Spannungen einerseits und einem nicht immer glaubwürdigen Harmoniebedürfnis andererseits. Ein tragischer Unfall dient Lee dabei als Fixpunkt, der alle Ereignisse in ein Davor und Danach unterteilt.
Bereits in der Eröffnungsszene wird klar, entlang welcher Fronten die Konflikte in diesem Film verlaufen und welche Parteien sich zunächst scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen. Ein schüchterner Junge (Cayden Boyd) muss sich während einer Autofahrt von seinem herrischen Vater (Willem Dafoe) immer wieder aufs Neue verbale Demütigungen und Drohungen anhören. Auch wenn die Mutter (Julia Roberts) zu ihrem Sohn hält und ihn zu verteidigen versucht, eskaliert die Situation schließlich. Michael, so der Name des Jungen, wird von seinem Vater aufgefordert, das Auto zu verlassen und zu Fuß nach Hause zu gehen. Dass es gerade in Strömen regnet, scheint den alten Herrn nicht weiter zu interessieren.
Der Konflikt zwischen Vater und Sohn ist auch viele Jahre später nicht beigelegt. Als Michael (Ryan Reynolds), der irgendwann seine Heimatstadt im Mittleren Westen verlassen hat, um in New York zu leben und zu arbeiten, anlässlich einer Familienfeier an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, brechen alte Wunden wieder auf. Auslöser ist der plötzliche Tod seiner Mutter, die bei einem Autounfall ums Leben kommt. Michael erinnert sich an die Ungerechtigkeiten seines Vaters und an jenen titelgebenden Sommer, in dem seine nicht wesentlich ältere Tante Jane (Hayden Panettiere / Emily Watson) bei ihnen lebte.
Die Idee, ein tragisches Ereignis wie den Tod der Mutter oder des Vaters als Anknüpfungspunkt für ein Familienporträt zu nehmen, bei dem der verloren geglaubte Sohn in den Schoß seiner engsten Verwandten zurückkehrt, ist keineswegs neu oder besonders innovativ. Viele amerikanische Independent-Produktionen wie Elizabethtown (2005) oder Garden State (2004), mit denen sich Zurück im Sommer thematisch und stilistisch vergleichen lässt, greifen auf ein sehr ähnliches Szenario für ihre tragikomischen Kleinstadtstudien zurück. Im Laufe der Handlung kommt es dabei stets zu einer vorsichtigen Annäherung zwischen dem Sohn und dem Rest der Familie. Es wächst wieder zusammen, was zusammen gehört.
Lee verbindet mit der Handlung von Zurück im Sommer sehr persönliche Erfahrungen. Auch seine Mutter starb bei einem Autounfall, was die Geschichte in Auszügen zu einer autobiografischen macht. Andere Elemente sind wiederum nur Fiktion und haben sich so nie ereignet. Vor allem das schwer belastete Vater-Sohn-Verhältnis, das wird Lee in Interviews nicht müde zu betonen, ist frei erfunden.
Fortlaufend wechselt der Film zwischen den Ereignissen in Michaels Kindheit und der Trauerarbeit der Familie hin und her. Dabei ist der Blick zurück trotz aller Demütigungen durch den Vater auch ein nostalgischer. Es sind Erinnerungen an eine Zeit, in der die Weizenfelder kräftiger als heute zu leuchten scheinen und der Regen irgendwie klarer und reiner war. Zumindest suggerieren uns das die gesättigten Bilder von Kameramann Danny Moder. Der Coming-of-Age-Teil, der neben Michaels Entfremdung vom Vater auch seine erste schüchterne Freundschaft zu einem Mädchen – ausgerechnet seiner Tante – schildert, bildet in diesem Fall das dramaturgische Fundament. Doch als solchem mangelt es ihm an Substanz.
Viel mehr als die ständige Ablehnung und Verurteilung durch den Vater zeigt Lee nicht. Die liebevolle und innige Beziehung zur Mutter bleibt eine Randnotiz und auch Michaels besondere Freundschaft zu seiner Tante Jane, auf die sich der Film später immer wieder bezieht, wirkt in ihrer Darstellung mitunter recht verkürzt. Überhaupt werden viele Konflikte nur angerissen, was den Eindruck verstärkt, dass sich Lee in der Sezierung familiärer Strukturen allenfalls an der Oberfläche bewegt. Die Affäre der Mutter mit einem Kollegen (Ioan Gruffudd) ihres Mannes und Michaels Versöhnung mit seiner Ex (Carrie-Anne Moss) sind für die eigentlich zentrale Vater-Sohn-Geschichte kaum von Belang, zumal sie von Lee zu schnell abgehandelt werden, als dass man sich auf sie einlassen könnte.
Beachtlich ist in jedem Fall, wie viele renommierte und bekannte Namen Lee für sein Debüt gewinnen konnte. Julia Roberts, Willem Dafoe, Ryan Reynolds, Emily Watson, Carrie-Anne Moss: Die prominente Darstellerriege weckt Erwartungen, die der Film letztlich nur bedingt einlösen kann. Zwar gelingt es Lee, in den Rückblenden zumindest ein Gefühl für Michaels Isolation und die wenigen unbeschwerten Momente seiner Kindheit zu vermitteln, am Ende gehen solche Nuancen jedoch in einem auf Harmonie getrimmten, viel zu zahmen Finale unter, das in seiner Darstellung der heilen und glücklichen (Groß-)Familie manches an Glaubwürdigkeit verspielt.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 02.07.2008
Kommentare zu Zurück im Sommer
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Zurück im Sommer. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Film-Angaben
Titel: Zurück im Sommer
Originaltitel: Fireflies in the Garden
USA 2008
Laufzeit: 99 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Dennis Lee
Drehbuch: Dennis Lee
Produktion: Marco Weber, Vanessa Coifman, Sukee Chew
Bildgestaltung: Danny Moder
Montage: Dede Allen, Robert Brakey
Musik: Javier Navarrete
Darsteller: Ryan Reynolds, Willem Dafoe, Emily Watson, Cayden Boyd, Hayden Panettiere, Julia Roberts, Shannon Lucio
Kinostart: 07.08.2008
DVD-Angaben
Titel: Zurück im Sommer
Vertrieb: Senator
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 95 Minuten
Extras: Interviews
Verleih ab: 28.01.2009
Verkauf ab: 25.02.2009
Copyright Zurück im Sommer
Fotos: © Senator
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Aktuelle Filme
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Panik im Needle Park
R: Jerry Schatzberg
Neu im Kino
02.02.2012
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
26.01.2012
Michael
R: Markus Schleinzer
Ein riskanter Plan
R: Asger Leth
The Artist
R: Michel Hazanavicius
Arirang
R: Kim Ki-duk
Drive
R: Nicolas Winding Refn
19.01.2012
Amer - Die dunkle Seite deiner Träume
R: Bruno Forzani, Hélène Cattet
Kriegerin
R: David Wnendt
J. Edgar
R: Clint Eastwood
Faust
R: Aleksandr Sokurov
Mein liebster Alptraum
R: Anne Fontaine
Once Upon A Time in Anatolia
R: Nuri Bilge Ceylan
Die Muppets
R: James Bobin
Demnächst im Kino
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
In Darkness
R: Agnieszka Holland
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Der Preis
R: Elke Hauck
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Aktuell im TV
Berlin is in Germany
So 05.02, 21:40 Uhr, kultur (ZDF digital)
Goldenes Gift
So 05.02, 23:45 Uhr, BR
Motel
Mi 08.02, 22:10 Uhr, Kabel Eins
Waltz with Bashir
Nacht von Mi auf Do, 08.02-09.02., 02:00 Uhr, arte




















