Zum Vergleich

Auf Baustellen und Produktionsanlagen dreier Kontinente sammelt und organisiert Harun Farocki Bilder und Töne ganz unterschiedlicher moderner Arbeitswelten.

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Auf drei Kontinenten wurde gedreht für Zum Vergleich: in Afrika, Asien und Europa. Auf der afrikanischen Baustelle zu Beginn ist das gesamte Dorf an der Arbeit beteiligt: Männer, Frauen, Kinder. In Indien herrscht rationalisierte und gegenderte, aber noch nicht mechanisierte Arbeitsteilung, hier balancieren Frauen bis zu zehn schwere Ziegelsteine auf einmal auf ihrem Kopf, vom Ziegellager zum Lastwagen. Auf den europäischen Produktionsanlagen sind keine Frauen (und nur sehr wenige Männer) mehr zu sehen. Die chaotisch anmutende ad-hoc-Organisation beim Hausbau in Afrika weicht der (im Bild: zentralperspektivischen) Rationalisierung der einzelnen Arbeitsschritte in modernen Produktionsanlagen. Am Ende dann: spätindustrieller Roboter-Barock, die einzelnen Arbeitsschritte lassen sich filmisch nicht mehr zu einem sinnhaften Ganzen vereinen.

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Thema des Films ist Arbeit. Der vielleicht nachhaltigste Reiz dieses schönen Films liegt darin, dass er fast nichts anderes macht, als ruhig, ausführlich und mit der notwendigen Distanz, aus der Respekt für das Dargestellte ebenso spricht wie das Interesse daran, den Vorgang in seiner Gänze wahrnehmen zu können, Menschen bei der Arbeit zu beobachten.

Ziegelsteine hat sich der Dokumentar- und Essayfilmer Harun Farocki ausgesucht als Fallbeispiel für eines seiner produktionstechnisch bislang aufwändigsten Projekte. Was ihn an diesem speziellen Objekt interessiert, wird vielleicht in den kurzen Zwischentiteln sichtbar, die das Werk gliedern. Signiert werden die Titel mit schematischen Darstellungen von Ziegelsteinen, erst einem, dann zwei nebeneinander, dann einer kleinen Ziegelsteinkette. Der Ziegelstein ist auf vielen Baustellen dieser Welt die kleinste, diskrete Einheit, aus ihm kann man Schulen ebenso errichten wie Gefängnisse. Die Beschaffenheit des Ziegelsteins als kleiner, schmuckloser Quader zielt darauf ab, die eigene Spezifik zu verleugnen und sich in den Dienst eines Ganzen zu stellen, in dem das Einzelne rückstandlos verschwindet.

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Gleichzeitig ist natürlich auch der Ziegelstein eine materielle Entität. Es existieren keine zwei exakt identischen Ziegelsteine. Das Interessante für diesen Film ist dann gerade, dass der Ziegelstein zur perfekten Serie tendiert, durch harte Arbeit gezwungen wird, dort aber nie ganz ankommt. Die Materie widersetzt sich wieder und wieder ihrer Bändigung. Noch in hochmodernen Industrieanlagen muss jeder einzelne Ziegel nach seiner rein mechanischen Fertigung von Hand auf seine Konsistenz überprüft werden. Freilich hat sich die Aufgabe des Menschen bei diesem Herstellungsmodus verschoben: von der Produktions-, zur Kontrollinstanz.

„Das Material wird ausgebreitet; der Film selbst zieht nicht den Vergleich“, sagt Farocki über sein Werk. Der jeweilige gesellschaftliche Kontext vor allem, in dem die Arbeit vonstatten geht, bleibt konsequent ausgeblendet. Die bereits erwähnten kurzen, ökonomischen Texteinblendungen vermitteln Informationen zum jeweiligen Ort, zum Alter der Produktionsanlagen und – in den Fällen, in denen das Bild alleine nicht genügend Informationen transportieren kann – zum unmittelbaren Ablauf der Produktion. Im Gegensatz zu vielen seiner früheren Werke verzichtet Farocki vollständig auf einen Voice-Over-Kommentar. Zum Vergleich unterlegt seine stets funktionalen Bilder ausschließlich mit Originalton.

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Zum Vergleich ist eine Art Ergänzung und Parallelprojekt zu Farockis Videoinstallation Vergleich über ein Drittes aus dem Jahr 2007, die das Material, das später zum Film wurde, als Doppelprojektion organisierte und ordnete. Das Moment der Gleichzeitigkeit geht im traditionellen 16mm-Filmformat zwangsläufig verloren. Die dem Film eigene zeitliche Linearität könnte sich statt dessen einer teleologischen Fortschrittserzählung andienen, die die über den Globus verteilten Arbeitsräume als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen hierarchisieren, mit dem sonderbaren schweizer Computerprogramm, das digitale Pixel in Baumasse für eine potthässliche Berghütte übersetzt, als logischem Endpunkt. Der Film versucht einem derartigen Narrativ entgegenzuwirken, insbesondere in seiner zweiten Hälfte, wo Zum Vergleich alternative Produktionsmethoden in Afrika und Asien vorstellt, die nicht nur auf technologische, sondern auf unmittelbar soziale Innovationen zielen. Zum Beispiel, wenn in Indien Ziegelsteine erst nach dem Bau gebrannt werden und die dabei entstehende Hitze verwendet wird, um weitere Steine zu brennen, die den Bau des Hauses zu finanzieren helfen.

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