Zum Abschied Mozart

Nachdem in Rhythm is It! vor allem sozial benachteiligten Jugendlichen über gemeinsame Projektarbeit neue Perspektiven aufgezeigt werden sollten, beobachtet die Dokumentation Zum Abschied Mozart die Auswirkungen eines musikalischen Experiments auf eine ganz andere Schülerklientel.

Zum Abschied Mozart

In Zeiten von ausufernden Diskussionen über neue „Unterschichten“ und Schreckensmeldungen aus Problembezirken deutscher Großstädte, wächst anscheinend die Sehnsucht nach einer positiven Utopie. Vielleicht eine verkürzte Schlussfolgerung, aber der Arthouse-Hit Rhythm is It! (2004), den knapp eine halbe Million Zuschauer sehen wollten, bediente wie auch Sönke Wortmanns WM-Dokumentation Deutschland – Ein Sommermärchen (2006) geradezu lehrbuchmäßig das Bedürfnis nach einem neuen Gemeinschaftsgefühl, abseits aller sozialen Unterschiede. In Rhythm is It! übten Schüler aus verschiedenen Bezirken Berlins – viele davon mit Migrationshintergrund – begleitet von den Berliner Philharmonikern und unter Leitung von Sir Simon Rattle eine Tanzaufführung zur Musik von Strawinskys Le Sacre du Printemps ein. Überzeugend verbanden die Filmemacher die besondere von den Jugendlichen eingebrachte Perspektive mit den Elementen einer klassischen Musikdokumentation.

Zum Abschied Mozart

Mit den Eindrücken von Rhythm is It! im Hinterkopf mutet der Film des Schweizer Regisseurs Christian Labhart beinahe wie aus einem Paralleluniversum an. Zwar führen auch in Zum Abschied Mozart Schüler ein großes klassisches Stück auf, ansonsten weisen beide Filme in ihren jeweiligen Ausgangskonstellationen und den kulturellen Backgrounds kaum Schnittmengen auf. Labhart und sein Team besuchten für rund sechs Wochen eine gut behütete, Rudolf Steiner Schule im Züricher Oberland. Auf die private Bildungseinrichtung, der sich Steiners besser unter dem Schlagwort der „Waldorfpädagogik“ bekannt gewordenen Lehre verpflichtet fühlt, gehen vor allem Kinder aus reichen Elternhäusern. Ausländische Kinder sucht man – bis auf wenige Ausnahmen – vergebens. Was den Anlass der Aufführung angeht, so handelt es nicht um ein gut gemeintes Education-Projekt, sondern um die Abschlussarbeit einer Klassengemeinschaft, die nach zwölf gemeinsamen Jahren demnächst getrennte Wege gehen wird.

Der Film greift drei Protagonisten aus der Gruppe der Absolventen heraus, die in Interviews zu Wort kommen und auch außerhalb der eigentlichen Chorproben von Labhart mit der Kamera begleitet wurden. Während die introvertierte Rebecca aus einem konservativen, gläubigen Elternhaus stammt und sich gerne zurückzieht, um zu lesen und ihre Brieffreundschaften zu pflegen, eckt die in Sri Lanka geborene Wanja mit ihren radikalen linken Ansichten mitunter an. Sie glaubt an das Ideal einer egalitären Gesellschaft, für das sie notfalls auch bereit wäre, an einem gewaltsamen Umsturz teilzunehmen. Solche Ambitionen sind Stefan – einem leidenschaftlichen Skater und Snowboarder – fremd. Er ist der ruhende Pol der Gemeinschaft, der des Öfteren Konflikte schlichten und zwischen einzelnen Schülern vermitteln muss.

Zum Abschied Mozart

Mit der Fokussierung auf diese drei in ihren Ansichten recht unterschiedlichen Jugendlichen erhält Zum Abschied Mozart trotz der zunächst groß und unübersichtlich erscheinenden Klassenstruktur einen sehr persönlichen Ton. Der Zuschauer bekommt ausreichend Zeit, um Rebecca, Wanja und Stefan näher kennen zu lernen. Im Zuge dessen wird er sicherlich auch so manches Vorurteil revidieren müssen. Labharts Dokumentation entwickelt sich peu à peu zu einem Porträt heutiger Jugendkultur – zumindest eines ganz speziellen Ausschnitts derselben, die einen krassen Gegenentwurf zu den entpolitisierten und gelangweilten Pubertierenden der üblichen im TV ausgestrahlten Schreckensberichte repräsentiert.

Dafür lässt sich der Film erst an zweiter Stelle auf eine Analyse der Gruppendynamik und des musikalischen Themas ein. Die Tatsache, dass ausgerechnet Mozarts Requiem von den Schülern aufgeführt werden soll, eine Totenmesse, wird von dem Leiter des Chorprojektes, Thomas Gmelin, und einigen Schülern zwar in Ansätzen diskutiert, letztendlich jedoch nicht weiter vertieft. Für Labhart selber scheint von Mozarts Musik durchaus eine spirituelle Kraft auszugehen, die er in mit einzelnen Sätzen des Requiems unterlegten Landschaftsaufnahmen zum Ausdruck bringen möchte. Diese Einschübe unterbrechen immer wieder die teils hektischen, teils konzentrierten Chorproben. In Verbindung mit dem Duktus des fast ausnahmslos gesprochenen Schweizerdeutsch verleihen sie seiner Dokumentation einen ruhigen, entspannten Charakter, der sich grundlegend von dem vitalen Streetworking-Charme eines Rhythm is It! unterscheidet.

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