Zoology

Einer Zoo-Angestellten in der russischen Provinz wächst eines Tages ein Schwanz. Wie ein Großstädter, der einen kurzen Ausflug aufs Land macht, hat Ivan I. Tverdovskiys Film über die Eingeborenen gut Lachen.

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Das erste Bild zeigt eine Frau in Nahaufnahme, wie sie schmatzend und schlürfend ihr Essen zu sich nimmt, wie ihr dabei die Brühe das Doppelkinn herunterfließt. Zu Tisch sind Angestellte eines Zoos, alle weiblich. Auffallend unattraktiv, mit fleischigen oder schlaffen Gesichtern, meist Frauen um die fünfzig sind es, die in Ivan I. Tverdovskiys Zoology Unsinn und Böses reden. Nach diesem Gesichtstyp gecastet, in viel zu enge Zweiteiler hineingezwängt, kauen oder brüllen sie in die Kamera hinein, sind bei allem aufs Äußerste gemein. Wir sind in einer russischen Provinzstadt am Meer, hier liegt der Zoo, hier herrscht ein Klima der Degeneration und der Perfidie, alles Andersartige wird nicht toleriert. Was sucht der Film hier, worauf will er hinaus? In diesem Russland darf nichts aus der Reihe tanzen, aber auch der Film ist bemüht im Gleichschalten. Wir sehen graue Stadtfetzen, ein bisschen Meer, Treppenhäuser, einen Gang im Ärztehaus, in dem, wie gesagt, viel Weibergeschwätz über die Bühne geht. Wir sehen eine ins Erdgeschoss eines hässlichen Plattenbaus eingebaute Kirche, die wir als solche alleine durch die schief dahinmontierte Kuppel-Attrappe wiedererkennen. Wir verschlucken uns an einer Bulette, wie sie unappetitlich auf einem Teller landet und wie sie dabei mehr zum state of the art als zu einem Stand der Dinge wird.

Das Vorspiel ist heiter

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Die darauffolgenden Bilder können der schlürfenden und schmatzenden Einleitung nur noch wenig beifügen. Selbst dann nicht, als der Hauptfigur von einem Tag auf den anderen ein Schwanz wächst. Sie heißt Natalia (Natalia Pavlenkova), ist Mitte fünfzig, lebt mit ihrer Mutter, war nie mit einem Mann zusammen, arbeitet wie die anderen im Zoo. In den Zuständen und Verhältnissen, die trotz Überspitzung als realistisch verstanden werden wollen, ist Natalia gleich zu Beginn eine Außenseiterin, später – die schlichtweg Fremde. Dieser Schwanz, der ihr wächst – sehr groß, von verstörendem Anblick – weckt ihre Libido. Statt mit diesem Malheur gleich für Aufregung zu sorgen, legt sich der Film seinerseits einen Liebesstrang zu. Der Radiologe Petja (Dmitry Groshev) sieht Natalias verwandelten Körper, bleibt sachlich, macht seine Arbeit. Bald trinken Natalia und Petja, die zwei Lebendigen, heimlich Alkohol, rutschen in Metallwannen durch die Gegend, küssen sich mit Leidenschaft. Für eine Weile ist es so, als ließen sich in der hässlichen Stadt Freiräume finden, als könnte man im falschen Leben ein richtiges führen. Natalia färbt sich die Haare, schminkt sich ausgiebig, schneidet den langen Rock allzu kurz. Mit ihr zusammen tänzelt der Film vor dem Spiegel, stellt den Popsong, der vom Ausbruch in die Wildnis erzählt, auf laut, gönnt ihr das, was er ihr anfangs versagte. Das Vorspiel ist heiter, aber kommen wird, was kommen muss.

Der Film gibt, der Film nimmt

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Zoology macht sein Ding überdeutlich, aber was will der Film noch mal mit dem Schwanz, was will er mit der Gemeinheit und dem Schiss in den Gesichtern? Weder schreibt er eine Geschichte des Trotzens noch die eines Ausbruchs, noch die eines tragischen Einzelschicksals. Wie ein Großstädter, der einen kurzen Ausflug aufs Land macht, hat Tverdovskiys Film über die dort Lebenden gut Lachen. Mit Süffisanz erzählt er physiognomisch, schließt die äußere Hässlichkeit zwangsläufig mit der inneren kurz, nimmt alles eins zu eins. Von den vielen Defiziten, die hinter der intellektuellen Malaise seiner Figuren stecken, registriert er nur die abgekratzte Fassade. Amüsiert zieht er mit Natalia und Petja durch die Gegend, klettert über den Zaun, schmunzelt dort über eine weitere Zumutung. Die Kamera bleibt an den beiden nah dran, aber der Ort, vom dem aus der Film seine Stränge zieht, ist auf sicherer Distanz. In einer Sexszene, die nachts im Zoo spielt und ganz anders verläuft, als Natalia sich erträumt hatte, schließt sich endlich der Kreis. Und damit er sich schließt, muss einer von den beiden buchstäblich in den Schwanz beißen. Natalia erfährt nun auch dieses Mal keine Liebe, macht sich vielmehr zum Affen und zum Opfer. Mit autoritärer Geste gibt und nimmt Zoology, liebt dabei niemanden, bringt seine Figuren vielmehr als Freakshow zur Aufführung, reiht seine set pieces, bewirtschaftet die schäbigen Oberflächen, kommt bei allem auf seine Kosten. Am Schluss, als Natalia nun wirklich nicht weiter kann und weiß, schneidet er hart ins Schwarze. Nicht einmal für sich selbst hat Zoology Geduld.

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