Zombieland

Ein Zombiefilm, der mehr Roadmovie als Horrorstreifen ist, ein fast existenzialistisches Drama der Identitätsfindung, das extrem locker als Komödie daherkommt.

Zombieland

Es ist etwas an Woody Harrelson, vielleicht an seiner Physiognomie, das ihn zu einer perfekten Besetzung macht, wenn es gilt, dem Weltuntergang mit großer Begeisterung ins Auge zu blicken. Natürlich kann der Mann auch stille Rollen, das hat er oft bewiesen, aber seinen sanftmütigen Christen in Transsiberian (2007) zum Beispiel nimmt man ihm nur mit Mühe ab.

Vielleicht ist es auch ein später Nachhall aus seiner Darstellung des todesverachtenden Mickey in Natural Born Killers (1994), dem Film, der Harrelson bekannt machte: Die gleiche irrwitzige Offenheit fürs Apokalyptische wie bei Mickey, die Begeisterung beim Blick in den sich öffnenden Krater eines Vulkans, die er dem Verschwörungsparanoiker Charlie Frost in Roland Emmerichs Vernichtungsorgie 2012 (2009) verleiht – und nun ist er Tallahassee, ein einsamer Hasardeur in einer Welt voller Zombies, der Welt von Zombieland.

Zombieland

Wer hätte gedacht, sinniert Tallahassee darin einmal, dass das Einzige, worin ich wirklich gut bin, ausgerechnet das Töten von Zombies ist? Und in der Tat zeigt der Sprücheklopfer für diese Aufgabe großen Sportsgeist und nimmt sich ihrer mit Schusswaffen, Sportgeräten und Heckenscheren an. Tallahassee entwickelt das Zombietöten, wie sein Begleiter Columbus (Jesse Eisenberg) feststellt, zu einer Kunstform.

Der Ton macht schon deutlich: Zombieland, der erste Langfilm von Regisseur Ruben Fleischer, will keine ernsthaft-blutige Zombiegeschichte sein. Zum Geschäft der Zombiezerteilung, das dem Genre in seiner postklassischen Form grundlegend ist, stehen der Film und seine Figuren in ironischer Distanz. Das gibt den Erzählton vor, den Columbus als Erzähler aus dem Off bestimmt, aber auch die Positionierung innerhalb des Horror-Subgenres – und um diese kommt ein Zombiefilm leider nie herum.

Zombieland

Es fällt zuallererst auf, dass diese „United States of Zombieland“, die Columbus in seinen ersten Worten ausruft, weitgehend frei von Zombies sind. In den Minuten des Vorspanns, der sich stilistisch offenbar viel von dem aus Watchmen – Die Wächter (Watchmen, 2009) abgeschaut hat, ist der Weltuntergang noch in vollem Gange, da spritzt Blut, Zähne zerlegen Menschenfleisch. Danach gibt es zwar noch ab und an Rückblenden, die Filmhandlung aber ist fest in einer bereits postapokalyptischen, sehr abgeklärten Realität angekommen.

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In dieser sind die vier Protagonisten – zu den zufälligen Weggefährten Columbus und Tallahassee gesellen sich noch die Schwestern Wichita (Emma Stone) und Little Rock (Abigail Breslin) – tatsächlich fast allein. Über weite Strecken des Films fahren sie durch unbewegte Landschaften, auf den Highways gibt es gelegentliche Ansammlungen von Auffahrunfällen, und dann liegt auch einmal ein abgestürztes Flugzeug malerisch herum.

Natürlich kommt es am Ende noch zu einem großen, blutigen Showdown, aber auch dieser wird nicht wirklich ausgewalzt. Fleischer interessiert sich zwar zum einen sicherlich dafür, ein möglichst großes Publikum für seinen Film zu gewinnen (auch für Resident Evil: Extinction, 2007, verzichtete man zugunsten besserer Vermarktbarkeit auf den gröbsten Splatter), zum anderen hat er aber einen völlig anderen Fokus, für den das postapokalyptische Amerika nur die – allerdings durchaus treffende – Dekoration bietet.

Zombieland

Zombieland ist zuallererst: ein Entwicklungsroman als Zombiefilm, oder vielleicht auch umgekehrt, und weil es sich um Film handelt, ist er natürlich zuallererst ein Roadmovie. Alle Figuren sind unterwegs, und weil sie ihre „wirklichen“ Namen nicht nennen wollen – alle scheinen sich einig zu sein, dass enge emotionale Bindungen schädlich sind, wenn das Gegenüber jederzeit zu einem Zombie werden könnte –, geben sie sich die Namen jener Orte, zu denen sie unterwegs sind.

Zombieland

Natürlich ist das ein Witz, denn diese Orte sind alle längst Nicht-Orte, menschenleere Albträume, heile Welt allenfalls noch in Erinnerungen. Alle Kontinuität zur prä-apokalyptischen Welt ist verloren gegangen, die Hölle scheint immer schon in den anderen zu liegen: Mit solch fundamental-ängstlichem, nachgerade existenzialistischem Weltschmerz hat sich vor allem Columbus gut in seinen Phobien eingerichtet.

Columbus ist nicht nur Erzähler, sondern zugleich Protagonist: Der klassische Loner, der immer nur einsam vor dem Computer saß und keine Beziehungen zu Freunden oder Familie hatte. Das ist nun sein Start-, fast Evolutionsvorteil, und mit strengen, an seinen diversen Ängsten orientierten Regeln kommt er durch die Tage. Da wird Zombieland ganz spielerisch, denn diese Regeln werden als Schriftzüge ins Bild eingeblendet und fallen gelegentlich scheppernd zu Boden; und während sonst Toiletten selten große Rollen im Film spielen, ist es Columbus’ Lieblingsphobie, beim Stuhlgang von einem Zombie, oder schlimmer noch, einem Clown, überrascht zu werden.

Zombieland

Solche Ironisierungen sind kein reiner Selbstzweck. Fleischer sowie seine Autoren Rhett Reese und Paul Wernick wollen gar nicht verbergen, dass ihre Geschichte Welten davon entfernt ist, ein furchterregender Horrorfilm zu sein oder sich den Fans des Subgenres anzubiedern: Wenn die Protagonisten fröhlich mit Anspielungen auf andere Filme hantieren, so gehören Zombiefilme nicht dazu. Stattdessen zelebriert Zombieland die Lust an der Zerstörung heiler kapitalistischer Warenangebote, als die vier Reisenden die Inneneinrichtung eines kleinen Ladens zerlegen, zu klassischer Musik, fast wie Kubrick seine Protagonisten in Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange, 1971) wüten ließ.

Solche Handlungen sind folgenlos, wichtig sind, da wird der Film zum Ende hin ganz beschaulich, natürlich die anderen. So wird die Mannwerdung Columbus’, die zugleich Identitätsfindung ist, zuletzt in einer höchst klassischen Erzählung versteckt, in der der weiße Ritter seine Prinzessin aus dem Turm retten muss, vor dem das Monster lauert. Dazu muss er zunächst seine Regel brechen, nie den Helden zu spielen. Dass außerdem seine Prinzessin Wichita zuvor bis auf einen die sie umringenden Zombies schon erledigt hat, macht das Ende von Zombieland sympathisch, modern und leichtfüßig.

Harrelsons Tallahassee spielt in diesem Showdown die Rolle des schwarzen Ritters, der alle Gefahr auf sich zieht und sich mitten ins Getümmel stürzt, Blut und Schrecken verbreitend, in den womöglich sicheren Tod hinein. Er tut es mit einem breiten Grinsen.

Trailer zu „Zombieland“


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Kommentare


RainerF

Großartige Kritik, danke dafür.

Ich habe am Wochenende diesen Film gesehen.
Ich habe mich schon lange nicht mehr im Kino so gut unterhalten gefühlt.






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