Zodiac – Kritik

Er hat´s wieder getan. David Fincher zeichnet das Porträt eines Serienkillers. Chronologisch, historisch, episch, in seiner Schlichtheit fast reduktionistisch. Seltsam unseltsam wirkt das in Anbetracht von Finchers bisherigem Werk.

Zodiac

Detective Mills (Brad Pitt) erschießt vor den Augen von Detective Somerset (Morgan Freeman) den Serienmörder John Doe und vollendet damit dessen grauenvollen Masterplan.

Zwölf Jahre nach Se7en erzählt David Fincher wieder die Geschichte eines Killers, diesmal nicht fiktiver, sondern historischer Natur. Doch nicht nur dies unterscheidet Zodiac von seinem Vorgänger. Fast scheint er wie ein Gegenentwurf.

Zodiac beschreibt auf der Oberfläche genauso wie Se7en die Jagd nach einem Serienmörder im Stile eines Spiels zwischen den Protagonisten, das sich auf Seiten der Ermittler als Puzzle darstellt. Dies sind diesmal nicht nur die Polizisten William Armstrong (Anthony Edwards) und Dave Toschi (Mark Ruffalo), sondern vor allem die Journalisten Paul (Robert Downey Jr.) und Robert (Jake Gyllenhaal).

Zodiac

Beide arbeiten beim San Francisco Chronicle, bei dem 1969 das Bekennerschreiben eines Mörders eingeht. Der Mann, der sich bald Zodiac nennt, liebt das Spiel mit der Öffentlichkeit, mit den Journalisten und Polizisten. Robert, eigentlich als Cartoonist eingestellt, ist von den Rätseln des Killers fasziniert. Mehr noch als für die anderen entwickelt sich die Dechiffrierung der Botschaften und in letzter Konsequenz der Identität des Serientäters zu seiner Lebensaufgabe, bei der er abwechselnd seine Familie einbezieht, sie in Gefahr bringt, oder zu verlieren droht.

Dies alles sind klassische Plotelemente, die Stoff für reichlich emotionale und physische Höhepunkte bieten könnten. Das Faszinierende an Zodiac ist jedoch, mit welcher Beiläufigkeit, ja beinahe Stoik, Fincher seinen epischen Stoff entfaltet. Die Verbrecherhatz kommt ohne genretypische und in Se7en von Fincher noch selbst zelebrierte Verfolgungsjagden aus. Action, Thrill, Suspense, Technik – alles ist auf ein Minimum reduziert. Dieser Purismus ist neu im Werk Finchers, der sich wie kaum ein anderer Regisseur seiner Generation innerhalb des Hollywood-Studiosystems den Rang eines Autorenfilmers erarbeitet hat.

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Spike Lee, ebenfalls ein Filmemacher mit eigener Handschrift und großem Wiedererkennungswert, evozierte in seiner Serienkiller-Chronik Summer of Sam (1999) vor allem die brodelnde Atmosphäre eines Mid/End-Seventies-New York zwischen Disco und Punk. Fincher spannt einen noch weitaus größeren historischen Bogen, wobei er nie auch nur in die Nähe eines Period-Pictures oder einer Form des Ausstattungskinos gerät. Der Regisseur kümmert sich wenig um das topographische Gesamtbild seiner Lieblingskulisse San Francisco. Wieder ist die Stadt fast ständig in tiefes Nachtdunkel gehüllt und natürlich wird sie von Regen heimgesucht. Doch die Orte wirken unwirklicher denn je. Die Metropole ist immer nur in kleinsten Ausschnitten zu sehen und ergibt nie ein Ganzes. Sie setzt sich zusammen aus Büros, Bars und Diners, sowie Straßenecken, an denen immer wieder gelbe Fahrzeuge, Busse, Taxis oder PKWs zum Stehen kommen. Diese nächtliche Szenerie ist in mattes Licht getaucht, das dem auf HDV gedrehten Material eine besondere Schummrigkeit verleiht.

So bleibt Finchers Welt auch in Zodiac eine mythisch überhöhte, in sich geschlossene, ein Mikrokosmos. Seine Reflexion einer barbarischen, nur scheinbar zivilisierten Welt, die sich vor allem über Männergemeinschaften definiert, erhält durch den historischen Stoff jedoch eine neue Verankerung in der Realität. Fincher unterstützt diesen Prozess durch seine erzählerische Zurückgenommenheit und den Verzicht auf technische Spielereien oder inszenatorische Extravaganzen früherer Filme. Auf dieser Ebene erscheint Zodiac wie ein Konzentrat. Dasselbe ließe sich in Hinsicht auf dessen Genreeinordnung sagen.

Zodiac

In seiner Geradlinigkeit, dem beinahe spröden Duktus und der offensichtlichen Bezugnahme auf seine semidokumentarische literarische Vorlage erinnert Zodiac an Richard Brooks´ eindringliche Capote-Verfilmung In Cold Blood (1967). Allerdings ist die Rekonstruktion der historischen Ereignisse bei Fincher viel mehr eine Rekonstruktion der journalistischen Puzzlearbeit als eine der Taten. Entsprechend nimmt der Film nie die Perspektive des Täters ein, was ihn, vor allem bei den wenigen, unspektakulär in Szene gesetzten Morden, vor einem Ausleuchten sadistischer Täterphantasie und Weiden am Opferleid wie in dem kontroversen Ted Bundy (2002) von Matthew Bright, bewahrt.

In seiner Verweigerung jeglicher Täterpsychologisierung erinnert Zodiac an seinen radikalsten und vielleicht wichtigsten Vorgänger, Henry: Portrait of a Serial Killer (1986), wo jedoch die Täterperspektive den Rahmen gab. Hier wie dort wird vor allem eines deutlich: die Schwierigkeit, einen Mann ausfindig zu machen, der scheinbar wahllos Unbekannte tötet, zu denen er sonst in keinem Kontakt stand. Die Ermittlungen werden durch die verschiedenen bundesstaatlichen Zuständigkeitsbereiche und Zodiacs manipulatives Medienspiel erschwert. Gerade in diesem Fall erweisen sich sogenannte Trittbrettfahrer als größter Ablenkungsfaktor. Bei der Suche nach einem Serienmörder kommt dem Erkennen eines Tatmusters die Schlüsselfunktion zu. Fast unmöglich, wenn die Morde nicht mehr zuzuordnen sind und Zodiac Taten für sich in Anspruch nimmt, die er gar nicht begangen hat – oder einfach das Muster wechselt.

Zodiac

So erzählt Zodiac dann doch, wenn auch strukturell und formal unterschiedlich, genauso wie Se7en von der Ohnmacht eines Ermittlungsapparates gegenüber einer kreativen kranken Seele.

Während der Film beinahe unwirklich und fast ohne gesetzte Höhepunkte an einem vorbeizieht, tun sich dann doch immer wieder die für das fincher´sche Werk so typischen Brüche auf, etwa wenn in der Kontrastierung von Einblendungen und Kalenderblättern eine seltsame chronologische Diskontinuität erzielt wird. So bietet die scheinbar aalglatte Oberfläche zunehmend winzige Widerhaken, in denen sich der Zuschauer verfangen kann. Bis zu einer Texteinblendung am Ende, die zunächst klassisch und inhaltlich genreaffin wirkt, aber letztlich doch der fincher´schen Ambivalenz Raum gibt. Ähnlich war der Regisseur bereits bei Panic Room (2002), seinem letzten Projekt, verfahren, das auf der Oberfläche einen Mainstream-Thriller verkörperte, am Ende in Form eines Kameraeffektes jedoch ein klares Signal der Verunsicherung sendete und sich der Eindeutigkeit widersetzte.

So schimmert durch einen über weite Strecken befremdlich konventionell wirkenden Film immer wieder das zersetzende Potentials seines Regisseurs durch, der sich hier ganz dem Sujet unterordnet.

 

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