Žižek!

Slavoj Žižek bekommt in dem ihm gewidmeten Dokumentarfilm die Möglichkeit zu einer atemberaubenden, fast atemlosen One-Man-Show. Diese Gelegenheit nutzt er.

Žižek!

Wer je das Vergnügen hatte, Slavoj Žižek einmal leibhaftig erleben zu dürfen, hat vielleicht eine Ahnung, was ihn in diesem Film erwartet. Žižek!, der sich ganz um den slowenischstämmigen Philosophen und Kulturkritiker dreht, nimmt dessen Namen nicht nur in den Titel, sondern versieht ihn auch noch mit einem emphatischen Ausrufezeichen.

Der Film wirkt dank seines Protagonisten, als sei die Kamera dauernd in Bewegung. Dabei überwiegen ruhige Einstellungen, die vor allem eins zeigen: Žižek. Gelegentlich zeigt die junge Regisseurin Astra Taylor auch Bilder von den Orten, an denen die Aufnahmen entstanden sind – Buenos Aires, New York, Boston: der Philosoph ist ein gefragter Redner – und lässt den Film mit schnellen Schnitten auch in diesen Momenten Fahrt aufnehmen. Ansonsten ist es Žižek, der allein durch sein fast pausenloses Sprechen und Gestikulieren Geschwindigkeit evoziert und erzeugt. Wenn Žižek redet, ist er ganz physische Präsenz und Vitalität.

Gelegentlich, im Fahrstuhl, auf dem Sofa, findet der Film dann auch zu ruhigeren Momenten mit dem Philosophen, aber die sind rasch vorbei, wenn den Mann ein neuer Gedanke anspringt, und sei es nur die Frage, ob die Filmcrew denn schon etwas gegessen habe? Da gebe es doch dieses Café, aber auch woanders könne man gut essen… Und kaum hat Žižek einen Vortrag vor großem Auditorium in Argentinien beendet, da blickt er schon auf sein Handy, wirkt fast ruhelos, als ziehe es ihn schon weg. Einen Moment später aber fällt ihm noch eine Anmerkung ein, eine Ergänzung zu seinem Vortrag, die er unbedingt sofort loswerden muss. Diesen Mann, das legt der Film sehr nahe, treiben rasend schnell aufeinander folgende Gedanken um, er ist immerzu ganz wach. Da liegt er, scheinbar unbekleidet, in einem riesigen Bett – ist’s früher Morgen, ist’s eine Inszenierung für die Kamera? – und sinniert schon über Sinn und Zweck von Philosophie.

Žižek!

Die Fragen, die Žižek umtreiben, der oft als „Popstar“ der Gegenwartsphilosophie bezeichnet wird, sind gerne groß und umfassend: Probleme der Philosophie, der Politik, was Realität und was Liebe ist. Der marxistisch und psychoanalytisch geprägte Poststrukturalist ist unter anderem durch Arbeiten bekannt geworden, in denen er sich mit Jacques Lacans Fortentwicklung der Psychoanalyse sowie mit der Entstehung des Subjekts auseinandergesetzt hat. Zuletzt sorgte er auch durch ein Buch über Lenin für einige Aufregung.

Es ist vielleicht müßig, auch nur ansatzweise auf die Themen eingehen zu wollen, die er in Žižek! anreißt – dafür redet der Mann viel zu schnell und zu viel, springt vom Wesen des Universums zum Wesen der Liebe, und streift bald darauf Fragen nach Wahrheit, das Subjekt und nicht zuletzt den Kapitalismus, bevor er sich Gedanken zum Verhältnis von Freiheit, Ordnung, Gemeinschaft und Faschismus macht. Die Inszenierung vergrößert die Komplexität noch, wenn Animationen und Zwischentafeln hinzukommen oder mit englischen Untertiteln versehene Videoaufnahmen Lacans eingeblendet werden, die Žižeks Stimme zugleich kritisch kommentiert. Da springen die Assoziationen und Bedeutungen so schnell hin und her wie in manchen der besten postmodernen Texten.

Dass Žižeks Monolog – denn fast nur er redet hier – nicht zur rein philosophisch-psychoanalytischen Reflektion gerät, verdankt der Film den biographischen Einsprengseln, Žižeks Nachdenken über seine Wirkung in der Öffentlichkeit sowie seine eigene selbstironische Haltung dazu: „I cannot tell you how much I hate it“, sagt er mit Nachdruck, und lächelt dazu. So reflektiert Žižek nicht nur sich selbst und seinen ununterbrechbaren Wortfluss ironisch von außen („As you can imagine, i talked quite a lot, too much.“), sondern analysiert sich auch ein wenig selbst – er habe Angst zu verschwinden: „If I stopped talking people would think that there is nothing there.“

Žižek!

Und auch der Film erlaubt sich gelegentlich eine etwas distanziertere, ganz konsequent also postmodern-ironische Haltung zu seinem eigentlich so geliebten Subjekt/Objekt Žižek: Wenn er ihn etwa über Psychoanalyse nachdenken lässt, während er zwischen zwei Toilettenschüsseln sitzt. Oder wenn die Kamera ganz nah seine wild gestikulierenden Hände in den Blick nimmt, nachdem er sich kurz vorher leicht despektierlich über Lacans Gestik ausgelassen hat.

Dass es einen Film über ihn geben würde, war vielleicht nur eine Frage der Zeit – nicht nur, weil es nach Derrida (2002) von Kirby Dick und Amy Ziering Kofman logisch war, diesen anderen „Popstar“ ebenfalls im Film zu portraitieren. Zumal Slavoj Žižek dem Medium sehr zugetan ist: Er hat sich aus philosophischer Sicht insbesondere mit dem populären Film allgemein und zum Beispiel 2000 in dem viel beachteten Aufsatz „Die zwei Seiten der Perversion“ mit Matrix (The Matrix, 1999) auseinandergesetzt. In The Pervert’s Guide to Cinema (2006) spielt Žižek gleich – immer entlang seiner eigenen Denkwege – den Reiseführer durch die Welt des Kinos. Nur noch wenig untypischer für sein Metier dürfte da sein, dass er zur DVD-Fassung von Children of Men (2006) einen eigenen Audiokommentar beigesteuert hat.

Man darf davon ausgehen, dass er auch sein Interesse an apokalyptischen Filmen wie diesem selbstkritisch betrachtet. Denn es sollte uns doch irritieren, merkt er an einer Stelle in Žižek! an, dass es uns anscheinend leichter fällt, das Ende der Welt zu imaginieren als einen Wandel unseres politischen Systems.

 

Kommentare


sjdartha

hey slavoj,
du bist ein genialer zeitdenker..#
.. und ich möchte von herzen gerne einen tag und nacht mit dir über die zukünftige welt philosophieren.. wege und licht sehen..
.. reimundthies[at]yahoo.de *






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