Ziemlich beste Freunde

Frankreichs sensationeller Erfolgsfilm über eine unmögliche Männerfreundschaft ist Unterhaltungs- und Gutfühl-Kino erster Güte.

Ziemlich beste Freunde 1

In Frankreich gibt es momentan (fast) nur ein einziges Thema: die unfassbare Box-Office-Karriere von Ziemlich beste Freunde (Intouchables, 2011), der mit 17,5 Millionen Zuschauern in knapp drei Monaten auf Platz zwei der erfolgreichsten französischen Filme aller Zeiten nach Willkommen bei den Sch’tis (Bienvenue chez les Ch’tis, 2008) gelandet ist. Dieser Erfolg kann nicht mehr nur einem raffinierten Marketing geschuldet sein; der Film trifft vielmehr die aktuelle Empfindlichkeit einer französischen Gesellschaft, in der das andauernde Bangen um den Verlust der Bonitätsbestnote Triple-A, ein neues Rekordhoch der Arbeitslosenzahlen und Sarkozys Steuergeschenke an die Reichen nicht nur zu einer wirtschaftlichen Krise, sondern zur Desolidarisierung weiter Kreise der Gesellschaft geführt haben, die mittlerweile sogar in den Samstagabendshows des öffentlichen Fernsehens thematisiert wird. Laut einer nationalen Umfrage ist es denn auch die Solidarität in Ziemlich beste Freunde, die die Franzosen besonders schätzen – an dritter Stelle hinter seinem schrägen Humor und seinem Optimismus.

Auf den ersten Blick würde man dies vom bitteren Thema des Films, das übrigens auf einer wahren Geschichte beruht, gar nicht erwarten: Der adelige Philippe (François Cluzet) ist nach einem Gleitschirmunfall vom Hals abwärts gelähmt, aber er ist auch so unvorstellbar reich, dass er sich jegliche Hilfe zur Alltagsbewältigung einkaufen kann. Der junge Driss (Omar Sy) ist nach einer abgesessenen Gefängnisstrafe ziel- und heimatlos. Bei François wird er nur vorstellig, um von diesem einen nötigen Bewerbungsstempel für die Weiterzahlung von Sozialhilfe zu bekommen. Nichts qualifiziert den rotzfrechen und unbekümmerten Mann für den freien Job als Pfleger, und dennoch bietet François ausgerechnet ihm eine zweiwöchige Probezeit an.

Ziemlich beste Freunde 2

Der blaublütige Adelige und das schwarze Einwandererkind aus den Vorstadtghettos: Das Kino liebt seit jeher die Inszenierung solcher Gegensätze, und auch nur hier kann aus der Begegnung zwischen den Extremen der gesellschaftlichen Hierarchie der Traum einer unmöglichen Freundschaft entstehen. Entsprechend nutzt der Film jedes der immergleichen Stereotype – mit einer wirklich gelungenen Portion beißenden Humors. Der eine versteht unter „Berlioz“ den klassischen Komponisten, der andere den Wohnblock im tristen Sozialbauviertel. Der eine unterhält seit Monaten eine romantische Brieffreundschaft mit einer Unbekannten, der andere macht den Frauen innerhalb von fünf Minuten direkte Offerten. Die absurde Kunstmarktwelt des einen entlarvt der andere durch ein selbstgemaltes und teuer verkauftes Werk.

„Intouchables“ (dt. unberührbar) sind beide Protagonisten im doppelten Sinne. Einerseits stempelt sie der Originaltitel zu Außenseitern der französischen Gesellschaft: Philippe mit seiner Behinderung, weil er im reglosen Körper keine Berührung spürt, und Driss, weil er der niedrigsten gesellschaftlichen Klasse entstammt. Andrerseits – und hier zielt der Film auf den heimlichen Traum jedes Zuschauers – stilisiert die Geschichte dieses unterschiedliche Paar zu Unantastbaren, jeglicher gesellschaftlichen Kontrolle oder Beschränkung erhaben. Der Film beginnt folglich mit einer Verfolgungsjagd durch Paris, wo die beiden die Polizei auf ihre Fährte locken, um sich schließlich ungestraft von dieser eskortieren zu lassen – obwohl sie auf ungenierte Weise sämtliche Verkehrsregeln verletzt haben.

Ziemlich beste Freunde 3

Unangreifbar ist Philippe durch sein Geld und Driss durch seine Lebensfreude und seine Zuversicht. Und damit ergänzen sie sich zu einem perfekten Gespann trotz aller existierenden Klassenunterschiede irgendwie zu besten Freunden, die aneinander wachsen: Der eine lernt Dalí zu kommentieren und der andere auf das Leben zu vertrauen. Und hier beginnt der andere Traum des Films, der Traum einer Gesellschaft, die trotz aller Dissonanzen und Divergenzen zusammenhält. Von Driss’ Vorstadtfamilie erfährt der Zuschauer nur oberflächliche Klischees: die alleinerziehende, überarbeitete Mutter, der in die Kriminalität abrutschende jüngere Bruder, die Tristesse der Sozialwohnungen. Und von Philippes Aristokratie bleibt das stereotype Bild einer steifen, freudlosen Gesellschaft in einem musealen Dekor. Ziemlich beste Freunde erhebt in der Tat keinerlei Anspruch auf Realismus oder gar Gesellschaftskritik. Er bietet vielmehr dem krisengeschüttelten französischen Publikum ein bisschen Balsam für die Kollektivseele: die liebliche Utopie einer Gesellschaft, in der das alte erstarrte Frankreich an der Lebensfreude der Immigranten Gefallen findet, mit ihnen lacht und sich mit ihnen brüderlich vereint in den Armen liegt. Für diesen Traum sind die Franzosen bereit, in der Kälte vor der Kinokasse Schlange zu stehen.

Trailer zu „Ziemlich beste Freunde“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


UTE GRASBERGER

...genial!!!!


Sebastian

Dass die hintergründlichen Nebenhandlungen der beiden Figuren nur so knapp gehalten sind, erzeugt bei mir ein wenig das Gefühl, dass etwas nicht erzählt wurde. Der Film hat sicherlich Potential für einige Minuten mehr.

Der Film ist an sich aber top.


H. Weigel

Der deutsche Filmverleih hat es wieder einmal geschafft, einen Filmtitel zu banalisieren - passt aber dann gut ins Popcornkino...


Frédéric Jaeger

@H. Weigel: Ja, daher passt der Titel vielleicht sogar besser!


Markus B.

Der gelungenste, tiefgründigste, unterhaltsamste und vollschwarzemhumorvollste Film der letzten Dekade! Je suis baff!


Christina

Ein gelungener Film, nie langweilig, zu kurz geraten...


Martin Zopick

Der französische Originaltitel ist eher sinnfrei und erinnert an einen blutigen Gangsterfilm von Brian de Palma. Der deutsche weist hingegen auf die unmögliche Diskrepanz hin, die die beiden Hauptfiguren verbindet. Sie sind trotz der körperlichen, sozialen und finanziellen Unterschiede recht gute (d.h. ‘ziemlich beste‘) Freunde geworden: der vom Hals abwärts gelähmte Adlige Philippe (Francois Cluzet) und sein rollstuhlschiebender Bedienstete Dris (Omar Sy), der seinen Dienstherrn in jeder Hinsicht locker macht. Selten ist ein an sich erstes Thema mit so viel Witz und Charme dargestellt worden. Selbst kleine Nebensächlichkeiten passen ins Bild und allgemeine Redewendungen weisen mit gekonntem Witz auf die spezielle Situation der beiden hin.
Aber es geht nicht nur aufmunternd lustig zu mit den beiden. Auch der familiäre Hintergrund von Dris wird erwähnt und eine unmögliche Beziehung zur hübschen rothaarigen Magalie (Audrey Fleurot) angedeutet. Das geht nett in die Hose. Die lockere Art von Dris, der respektlos und cool aber freundlich mit seiner Umgebung umgeht, ist die halbe Miete des Films. Dazu die passenden Pointen und die entwaffnenden Repliken in den Dialogen und die traumhaft schöne Musik von Ludoviko Einaudi. Wie bei Philippe steigt auch die gute Laune beim Zuschauern, der sich dem unaufdringlichen Charisma von Dris nicht entziehen kann. Und man vergisst das Drama des gelähmten Rollstuhlfahrers, weil man mit den Akteuren lachen kann. So gut, dass es ein Klassiker werden kann.


Almut Steinlein

Lieber Martin, du spielst auf de Palmas Film "The Untouchables" von 1987 an. Der deutsche Titel (der wortgetreu übersetzt ist) lautet "Die Unbestechlichen". Im Französischen sagt man dafür "incorruptible" und der Film heißt in Frankreich entsprechend auch "Les incorruptibles". Somit spielt "Intouchables" sicher nicht auf de Palmas Film an. Gibt das Thema ja auch nicht wirklich her. Aber vielen Dank für deinen Kommentar!






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.