Zeugin aus der Hölle

1966 – Papas Kino bebt (5): Radikal unversöhnt. Artur Brauners CCC hat 1966 einen geschichtspolitisch ambitionierten Film produziert, der sich dem Holocaust widmet und ganz ohne verlogene Katharsis auskommt.

zeugin2

Die Auschwitzprozesse der 1960er Jahre, die, mit gehöriger Verspätung, wenigstens einen Teil der direkt für den systematischen Massenmord im berüchtigtsten deutschen Konzentrationslager Verantwortlichen vor Gericht brachten (und zum Teil mit lächerlich geringen Strafen davonkommen ließen), haben im deutschen Kino erstaunlich wenig Spuren hinterlassen. Eine große Ausnahme ist Zeugin aus der Hölle: Zehn Tage, nachdem die ersten Urteile gefällt wurden, feierte ein Film Premiere, in dem Lea Weiss (Irene Papas), eine Holocaustüberlebende, sich mit ihrer traumatischen Vergangenheit konfrontiert sieht.

Fragmentarische Störsignale

zeugin3

Weiss lebt in einem düsteren Hotelzimmer im provinziellen Nirgendwo, hat sich aus der Welt zurückgezogen. Bis auf einen jungen Liebhaber, der ganz Oberflächenreiz ist (und leider bald spurlos aus dem Film verschwindet), lässt sie niemanden an sich heran. Aufgespürt wird sie dann von dem Journalisten Bora Petrović (Daniel Gélin) und dem Staatsanwalt Hoffmann (Hans Drache). Und zwar, um den KZ-Arzt Dr. Berger juristisch dingfest zu machen, der einst sie und andere Häftlinge für grausame Experimente missbraucht haben soll, und der zwischenzeitlich in der Nachkriegszeit unbeschwert Karriere gemacht hat.

Während die beiden Männer sie auf jeweils unterschiedliche Art bedrängen (Petrović emotional, Hoffmann obrigkeitsstaatsmäßig), ihnen bei der Anklageerhebung zur Seite zu stehen, kehren die Erinnerungen an die KZ-Erfahrungen wieder in ihr Bewusstsein zurück; und dringen auch in den Film ein. Nicht als klassische Rückblenden, sondern in Form fragmentarischer Störsignale. Die ansonsten ausnehmend nüchterne, manchmal fast protokollarisch anmutende Schwarz-weiß-Ästhetik kippt in diesen Szenen komplett, macht Platz für Alptraumbilder, die teilweise im Stil expressionistischer Stummfilme fotografiert sind.

Geschichtspolitische Ambition

zeugin4

Erstaunlich ist Zeugin aus der Hölle nicht zuletzt deshalb, weil der Film eben gerade kein Produkt jener Erneuerungsbewegung des deutschen Kinos ist, die einige Jahre vorher mit dem Oberhausener Manifest begonnen hatte und die im Jahr 1966 erstmals mit mehreren abendfüllenden Spielfilmen ein breiteres Publikum auf sich aufmerksam machte. Produziert hat ihn Artur Brauner, der mit seiner CCC einer der zentralen Vertreter von „Papas Kino“ war und zu den faszinierendsten Figuren des bundesdeutschen Nachkriegskinos zählt: Er wuchs als Kind polnischer Juden in Łódź auf, flüchtete 1940 mit seiner Familie in die UdSSR und gründete bereits 1946 in West-Berlin seine Produktionsfirma, die in den folgenden Jahrzehnten über 200 Filme in die Kinos brachte. Zumeist bearbeitete er populäre Genrestoffe, doch von Anfang an durchzieht die CCC-Filmografie auch eine Auseinandersetzung mit dem Erbe des Nationalsozialismus: Eugen Yorks Morituri (1948) zum Beispiel war einer der ersten deutschen Filme über den Holocaust.

Zeugin aus der Hölle ist eine der geschichtspolitisch ambitioniertesten Arbeiten Brauners. Eine Intervention in aktuelle Erinnerungsdiskurse und in gewisser Weise sogar in ein juristisches Verfahren, verhältnismäßig aufwändig produziert als deutsch-jugoslawische Koproduktion; inszeniert vom serbischen Genreroutinier Zivorad „Zika“ Mitrovic und prominent besetzt: Hauptdarstellerin Papas war zwei Jahre zuvor in Alexis Sorbas zu sehen, einem der essentiellen Arthaus-Hits der 1960er. Drache dürfte dem Publikum bestens aus den Edgar-Wallace-Filmen vertraut gewesen sein. Dr. Berger wiederum wird (mit ziemlich unfassbarer Schmierigkeit) von Hans Zesch-Ballot verkörpert, der – und das könnte durchaus ein bewusster erinnerungspolitischer Besetzungscoup gewesen sein – als Nebendarsteller in nationalsozialistischen Propagandafilmen wie Verräter (1936) und Kopf hoch, Johannes! (1941) mitgewirkt hatte.

Echte Verzweiflung und B-Movie-Künstlichkeit

zeugin1

Herausgekommen ist dabei kein durchweg großartiger Film. Gelegentlich fehlt es der Erzählung an Geschmeidigkeit, insbesondere Draches Figur ist kaum mehr als eine Funktion des Drehbuchs, ein Leben unabhängig vom Skript möchte man diesem autoritären und eher zufällig einmal auf der moralisch richtigen Seite stehenden Besserwisser nicht zugestehen. Auch die durchweg nachsynchronisierte Tonspur wirkt heute, ähnliches gilt für viele westdeutsche Filme der Zeit, fast wie ein unfreiwilliger Verfremdungseffekt. Genau wie eine aufgetakelte, vollbusige Blondine, die mehrmals aufreizend durchs Bild spaziert, ohne dass man wüsste warum – zunächst. Tatsächlich weiß der Film da und auch sonst sehr genau, was er tut, lediglich bei der rhetorischen Feinabstimmung hapert es.

Genauer gesagt gibt es ein gewisses Missverhältnis zwischen den intimen, hochemotionalen Szenen mit der großartigen Papas und den Genrekino-Routinen, die Brauner doch nicht ganz hinter sich lassen will. Gelegentlich allerdings wirken letztere wie ein folgerichtiger Rahmen für erstere: echte Verzweiflung, die sich von der B-Movie-Künstlichkeit abhebt, in die sie eingelassen ist. Genau wie Evelyn Weiss inmitten der bundesdeutschen, vergangenheitsvergessenen – und dann aber, wenn es hart auf hart kommt, auch wieder bzw. immer noch offen antisemitischen – Normalität versucht, ein Stück Würde für sich und ihr Schicksal aufrecht zu erhalten.

Keinerlei Handlungsoption

zeugin5

Vor allem jedoch erstaunt, dass sowohl die auf dem Wert ihrer individuellen Erfahrung bestehende Hauptfigur als auch der mit ihr uneingeschränkt solidarische Film sich rigoros jeglicher Sentimentalität verweigern; und sich damit auch jenen verlogenen Katharsis-Effekten verschließen, auf die deutsche Filme noch fast immer hinauslaufen, wenn „Vergangenheitsbewältigung“ auf dem Programm steht. Tatsächlich bietet Zeugin aus der Hölle in der Insistenz auf ein einzelnes, vermittlungsresistentes Opferschicksal der bundesrepublikanischen Gesellschaft keinerlei Handlungsoption an, kein moralisch-ästhetisches Programm, mit dessen Hilfe sie sich der historischen Schuld entledigen könnte. Ein radikal unversöhntes Stück Kino – und zumindest in dieser Hinsicht mutiger als alles, was Regisseure wie Fassbinder und Kluge jemals zu Vergangenheit und Gegenwart des Nationalsozialismus in Deutschland eingefallen ist.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.