Zero Dark Thirty

„Do your fucking job and bring me some people to kill.“ Der Kampf gegen den Terror als Weg zum unausweichlichen Burnout.

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Wenn jemand dem Archetypen des selbstlosen amerikanischen Patrioten entspricht, dann ist es Jack Bauer aus der Fernsehserie 24. Er ist ein nicht kaputt zu kriegender Kämpfer, der die eigene Unversehrtheit, ja sogar das eigene Leben hintenanstellt, wenn es darum geht, den Präsidenten oder gleich das ganze Vaterland zu schützen. Seine Methoden sind mitunter grausam, aber immer zielführend. Auf der Suche nach Terroristen und Verrätern in den eigenen Reihen foltert und tötet der notorisch unter Zeitdruck stehende Bauer, was das Zeug hält. Lieber ein paar Unschuldige zu viel als einen Schuldigen zu wenig. Und so erhebt sich hinter der handwerklichen Brillanz einer der besten Fernsehserien der jüngeren Vergangenheit immer wieder das hässliche Haupt eines konservativen Amerika, in dem Folter und Überwachung legitime Mittel zur Verteidigung der Nation sind.

Maya (Jessica Chastain), die Protagonistin aus Kathryn Bigelows neuem Film, hat dem Terror ebenfalls den Kampf angesagt, gehört jedoch einem anderen Menschenschlag an. Sie ist nicht larger than life und tritt ihren Gegnern auch nicht im Nahkampf gegenüber, sondern agiert als Analystin im Hintergrund. Ihre ambivalente Haltung zu Bauer’schen Methoden bringt Zero Dark Thirty bei einem ihrer ersten Auftritte, als sie einer unschönen Folterung inklusive Waterboarding beiwohnt, auf den Punkt. Schüchtern hält sich die Neue zurück, blickt mit Schrecken auf den nackten, geschundenen Körper eines Terrorverdächtigen und vertritt trotzdem beharrlich die Meinung, dass dieser Akt der Gewalt die einzige Möglichkeit sei, um bei ihrer Suche weiterzukommen. Man muss dazu erwähnen, dass die Frau mit der porzellanweißen Haut und den roten Haaren auf niemand Geringeren angesetzt wurde als Osama bin Laden.

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Zero Dark Thirty beginnt mit einer schwarzen Leinwand und Hilferufen vom 11. September 2001 und endet zehn Jahre später mit der Ergreifung und Tötung bin Ladens. Zwischen diesen Daten widmet sich der Film mit einer Mischung aus Wahrheit und Fiktion einer Sondereinheit der CIA, die für die Jagd auf den prominenten Terroristen verantwortlich ist. Weit weg von der stark stilisierten Welt früherer Filme wie Die Lieblosen (The Loveless, 1982) und Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis (Near Dark, 1987), knüpft Kathryn Bigelow dabei an die Ästhetik ihrer letzten Regiearbeit an. Ähnlich wie Tödliches Kommando (The Hurt Locker, 2008) widmet sich auch Zero Dark Thirty mit dokumentarisch anmutender Handkamera, aber auch mit ausgeprägtem Genrebewusstsein der jüngeren amerikanischen Kriegsgeschichte.

Einen Reißer hat Bigelow damit keineswegs gedreht. Vielmehr hangelt sich die Regisseurin an Schlüsselereignissen wie der Bombenexplosion in einem Londoner Bus oder dem Anschlag auf das Marriott-Hotel in Islamabad entlang, um einen Blick hinter die Kulissen einer Regierungsaktion zu werfen. Mit gedrosseltem Erzähltempo konzentriert sie sich auf die Anatomie einer Jagd als einer Abfolge von Hinweisen, falschen Fährten, Ermittlungsfortschritten, Rückschlägen und langwierigen bürokratischen Vorgängen. Verbissen kämpfen ihre Figuren darum, an ihr Ziel zu kommen, während der Stein des Sisyphos über die Jahre immer wieder ins Tal zurückrollt.

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Maya bleibt im Handlungsverlauf zwar die Konstante, jedoch zerstreut sich die Aufmerksamkeit häufig auf ihre zahlreichen Mitstreiter wie den arabischstämmigen Hakim (Fares Fares) oder den auf gewalttätige Verhörmethoden spezialisierten Dan (Jason Clarke). Dabei haben alle Figuren etwas gemeinsam: Sie verfügen über kein Privatleben. Sie sind, was sie arbeiten. Dementsprechend legt Zero Dark Thirty seinen Fokus auf die einzelnen Missionen, die auch die Handlung strukturieren, und verzichtet bei seiner Protagonistin auf psychologische Tiefenbohrungen. So erfahren wir etwa nichts von Mayas Vorgeschichte oder ihren Angehörigen, und sogar die Affäre mit einem Kollegen ist Mark Boals Drehbuch gerade mal einen Nebensatz wert. Bei einem Film, der angesichts seiner Größenordnung erstaunlich wenig über die Emotionen seiner Figuren funktioniert, versteht es sich denn auch fast von selbst, dass Momente mit melodramatischem Potenzial wie der Verlust mehrerer Kollegen nur Fußnoten in der Erzählung bleiben. Dass Bigelow aber nebenbei auch eine großartige Actionregisseurin ist, davon kann man sich bei einer sorgfältig inszenierten Verfolgungsjagd durch den Berufsverkehr einer pakistanischen Stadt oder dem nächtlichen Sturm auf bin Ladens Versteck überzeugen.

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Bigelow hat sich schon immer in den Kreisen kerniger Männlichkeit wohler gefühlt als in weiblich konnotierten Gefühlswelten. Wie Maya oder auch die von Jamie Lee Curtis gespielte Polizistin in Blue Steel (1990) ist sie eine Frau, die sich innerhalb einer Männerdomäne ihren Platz geschaffen hat. Zero Dark Thirty ist jedoch Ausdruck eines modernen Bewusstseins, in dem der Geschlechtsunterschied keine Rolle mehr spielt. Die Frage, ob sich Maya und ihre überwiegend männlichen Gegenüber auf Augenhöhe bewegen, wird erst gar nicht gestellt, sondern einfach als Gegebenheit gesehen. Beweisen muss sich nur noch das Individuum in einer erfolgsorientierten Gruppe, nicht die Frau unter Männern.

Die in den USA entbrannte Diskussion, ob Zero Dark Thirty Folter legitimiere, ist dagegen müßig. Hat man es hier doch lediglich mit einem Film zu tun, der die moralische Verurteilung seinem Zuschauer überlässt. Folter ist hier ein ebenso wenig zielführendes Mittel, wie sich ein Vorgesetzter, der Äußerungen wie „Just do your fucking job and bring me some people to kill!“ zum Besten gibt, als Posterboy der Republikaner eignet.

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Vor allem haben wir es aber mit einer Protagonistin zu tun, die eben nicht Jack Bauer ist, die bei ihrem Kampf gegen den Terror kein Wort über Vaterlandsliebe verliert und auch eher bodenständig als heroisch wirkt. Mayas „wahre“ Motivation, sich an dieser Aktion zu beteiligen, bleibt ohnehin den gesamten Film über rätselhaft. Es scheint so, als wäre es der pure Ehrgeiz, der sie antreibt und sie damit in die Nähe früherer Bigelow-Figuren rückt, die sich mit Vorliebe in körperlichen und geistigen Extremzuständen aufhalten. Hier wird das Adrenalin zur Droge, während der Kampf gegen den Terror den Weg zum ausweichlichen Burnout ebnet. Dementsprechend hat die Ergreifung bin Ladens auch so gar nichts Triumphierendes. Dem vermeintlichen Sieg auf politischer Ebene setzt Bigelow stattdessen die Tränen ihrer Hauptfigur entgegen. Keine Freude oder Erleichterung bilden den Schlusspunkt von Zero Dark Thirty, sondern lediglich eine beängstigende innere Leere.

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Kommentare


Sia

Vorletzter Absatz: Die Diskussion ist "müßig".


Michael

Stimmt natürlich. Ist abgeändert. Danke.


Richard Parker

Die Diskussion zum Thema Folter finde ich nicht ganz so "müßig", wie sie hier dargestellt wird. Aus meiner Sicht ist es irreführend, dem Film ein "endorsement" vorzuwerfen, wie es in den USA teilweise getan wurde, aber man kann auch nicht sagen, dass er Folter als gänzlich nutzloses Mittel darstellt. Wer letzteres behauptet, sollte sich den Film nochmal aufmerksam anschauen.

Ansonsten ist dieser Artikel wirklich gut und im Vergleich mit vielen anderen Beiträgen auf dieser Seite sehr bodenständig.


Berta

Ich kann nicht sagen, dass mir der Film Spaß gemacht hat, aber ich fand ihn hoch interessant, denn er zeigt uns eine existierende Parallelwelt auf, die kalt ist, wie das Klima im Sezierraum. Das hat Bigelow gelungen umgesetzt. Wer weiterschauen möchte: die Serie Homeland macht's möglich.






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