Zelle R 17

„Nobody ever really escapes.“

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An der Zellenwand hängt das zerfledderte Bild einer Frau. Ihre geschlossenen Augen entziehen sich dem Blick derer, die sie anhimmeln. Nicht um eine Fotografie handelt es sich, sondern um eine Zeichnung, um kein konkretes, sondern ein bewusst allgemein gehaltenes Bild, das jeder für sich und seine Bedürfnisse nutzen kann. Für die Gefangenen ist die Frau auf dem Bild das Rohmaterial für ihre Träume nach dem Unerreichbaren.

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In Zelle R 17 gibt es keine Freude, keine Zärtlichkeit und keine Hoffnung. Am ehesten noch ein Gemeinschaftsgefühl unter den Gefangenen, von dem man jedoch nur profitiert, wenn man sich an die inoffiziellen Regeln hält. Jules Dassin markiert gleich in den ersten Einstellungen seines Films die unüberwindbare Grenze zwischen drinnen und draußen. Während ein infernalischer Regenschauer gegen die Gefängnisfestung peitscht, tastet sich die Kamera an den Hindernissen entlang, die die Insassen hier festhalten: Mauern, Wachtürme, Suchscheinwerfer, Wachposten, bis wir schließlich im Inneren des Gefängnisses angekommen sind. Als dort gerade ein vor Erschöpfung gestorbener Häftling über die Brücke aufs Festland gefahren wird, schaut ein bildschöner, aber sichtlich verbitterter Burt Lancaster durch das geöffnete Tor sehnsüchtig in die Freiheit.

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Blickt ein Gefangener aus dem Fenster, bleibt er doch immer wieder an den Gitterstäben hängen, die ihm das Eingesperrtsein nur noch bewusster machen. Das bereits erwähnte Bild der Frau ist dagegen das wirkliche Fenster in die Freiheit. Es erlaubt den Männern zu träumen, von ihren Geliebten oder zumindest von idealisierten Versionen ihrer Geliebten. Denn wenn Dassin in seinem Film kurze Rückblenden einfügt – die einzigen Szenen, die in Freiheit spielen –, zeigt er nichts anderes als Frauen, die ihre Männer direkt oder indirekt ins Gefängnis gebracht haben. Teilweise, weil sie geldgeil und durchtrieben sind, teilweise aber auch, weil die Männer denken, dass sie sich für ihre Frauen opfern müssen. Im Gefängnis ist nun alles, was außerhalb ist, zum Sehnsuchtsort geworden. Wirklich besser ist es draußen aber auch nicht. Letztlich, suggeriert der Film, wird man doch nur angelogen, hintergangen und unter Druck gesetzt.

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Theoretisch könnte das Leben hinter Gittern eine Parallelwelt sein, in die sich die gezeichneten Männer vor den Zwängen des Alltags flüchten. Wäre da nicht ein sadistischer Wärter namens Munsey (Hume Cronyn), der nicht weniger im Sinn hat als die totale Zerstörung der Gefangenen. Gewissermaßen ist er klassischer Bösewicht und Femme fatale in einem: ein diabolischer Meister der Verführung, der mit hinterhältigen Intrigen seinen Willen durchsetzt, aber auch eine erotische Freude daran hat, Gewalt gegen die auszuüben, die sich nicht wehren können. Dassin zeichnet hier eine interessante Figur, eigentlich die interessanteste des ganzen Films: Durch und durch böse, dabei aber doch nie zur Karikatur verzerrt. Der Realismus, der Zelle R 17 durchzieht, drückt sich nicht zuletzt in diesem facettenreichen Charakter aus. Wobei Dassin mitunter auch sichtliche Freude an Dämonisierungen hat. So inszeniert er Munsey als eitlen Gockel im Unterhemd, der zur Tannhäuser-Ouvertüre den Knüppel auspackt und bei seinen Rundgängen in Uniform einem SS-Offizier erstaunlich ähnlich sieht.

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Der Krieg hat im Film seine Spuren hinterlassen. Von den bekannteren Film noirs, die der später ins europäische Exil ausgewanderte Dassin im Amerika der 1940er Jahre drehte, ist Zelle R 17 zeitlich am nächsten am Kriegsende. Wer sich hier hinter Gittern befindet, hat kurz zuvor noch an der Front fürs Vaterland gekämpft. Dafür lassen sich dann auch die Erfahrungen auf dem Schlachtfeld für einen geplanten Aufstand nutzen. Doch die Amerikaner haben zwar den Weltkrieg gewonnen, der kleine Krieg gegen die Unterdrückung – das macht Dassin von Anfang an klar – kann aber nur verloren werden. Wenn sich der resignierte, alkoholkranke Gefängnisarzt am Schluss dem Publikum zuwendet und den erschütternden Schlusssatz „Nobody ever really escapes“ spricht, sollte das den Zuschauern von damals nicht nur zeigen, dass sich Kriminalität nicht lohnt und ein Ausbruch schon gleich gar nicht, es bringt auch noch einmal die Aussage eines zutiefst nihilistischen Werks auf den Punkt: In einem zerstörerischen System kann man nur scheitern.

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Roh und ungebändigt porträtiert Dassin einen ewigen Kreislauf brachialer Gewalt, brute force – so der Originaltitel. Obwohl die Figur des Joe Collins (Lancaster) Bezugspunkt der Handlung bleibt, verteilt sich die Aufmerksamkeit auf zahlreiche Figuren. Statt nur die Mächtigen zu zeigen, wie sie die Entrechteten unterdrücken, eröffnet der Film dabei viele verschiedene Möglichkeiten, sich zu einer Herrschaftsform zu positionieren. Das reicht über die bloße Einteilung in die vermeintlich einander entgegengesetzten Lager von Gefangenen und Wärtern weit hinaus. Auf beiden Seiten gibt es Täter, Opfer und Duldende genauso wie Verachtung in den eigenen Reihen und Solidarität mit dem Anderen. Wie detailliert Dassin dabei mitunter vorgeht, zeigt sich etwa in einer Szene: Während einer Folterung sitzt eine Gruppe namenloser Wärter im Nebenzimmer. Als einer von ihnen die Schreie nicht mehr erträgt, macht er seinem Unbehagen durch stummen Protest Luft. Es ist nur ein kurzer Augenblick, der jedoch zeigt, dass die Wärter eben keine homogene Gruppe sind, dass selbst hinter der Uniform einer für die Handlung völlig bedeutungslosen Figur eine Ahnung von Individualität durchschimmern kann.

Trailer zu „Zelle R 17“


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