Zeit ohne Eltern

Während ihre Eltern in Stasigefängnissen einsitzen, müssen zwei Mädchen ihre Pubertät mehr oder weniger alleine bewältigen. Eine traumatische Erfahrung, die auch und vielleicht gerade nach der Wende nachwirkt.

Zeit ohne Eltern

Wenn die einzeln befragten Kriebischs fast unisono erklären, sie hätten sich über den Fall der Mauer geärgert, ja sie seien mehr oder weniger konsterniert gewesen, dann wird es interessant. Wieso können ausgerechnet diejenigen, die innerhalb des sozialistischen Systems revoltierten, flüchteten und eingekerkert wurden, der Wiedervereinigung nichts abgewinnen? Es ist das Gefühl, den ungeschoren gebliebenen Peinigern wiederbegegnen zu können, gepaart mit dem Eindruck, die Haft umsonst verbüßt zu haben.

Hier wünscht man sich eine tiefergehende Auseinandersetzung, um dem Paradox von Recht und Unrecht, von Schuld und Unschuld, um den Traumata einiger exemplarisch ausgewählter Opfer eines zermürbenden Systems auf den Grund zu gehen. Doch immer dann, wenn Zeit ohne Eltern zu einem Kern vorzurücken scheint, ist Schluss. Nachfragen verboten. Keine Einordnung, kein In-ein-Verhältnis-stellen. Fast eigensinnig wirkt es, wenn die Komplexe Flucht, Familie, DDR, Haft, Wiedervereinigung und Kindheit sich nur in dem Mikrokosmos zweier Familien widerspiegeln.

Zeit ohne Eltern

Die Filmemacher verschwinden scheinbar ganz hinter ihrem Thema und den Betroffenen, die agieren und sprechen. Neben den Kriebischs sind das noch die Simons. Hauptaugenmerk gilt den Töchtern Jana und Franziska. Ihre Eindrücke geben der Dokumentation den Titel. Und doch erfahren wir nur sehr wenig über die Zeit, die sie bei den Großeltern oder im Heim verbracht haben, als die Eltern im Stasi-Gefängnis saßen. Aus der Zeit des Heimaufenthaltes gibt es auch keine Gesprächspartner, weder auf Seiten des Personals, noch von Weggefährtinnen. Die Großeltern hingegen kommen zu Wort – damit entsteht der Eindruck, alles sei Familiensache, wie in einem Home Movie.

Die Eltern werden zunächst getrennt befragt: Über die strapazierten Ehen, eine litt kurzweilig, die andere scheiterte endgültig, ist auch nur wenig zu hören. Stimmen von außen gibt es nicht. Die Konstruktion erzählt zwei Parallelgeschichten und was bleibt, ist der Eindruck von tatsächlich sehr ähnlichen Erlebnissen. Natürlich sind die jungen Frauen vom Erlebten gezeichnet, natürlich haben auch ihre Eltern furchtbar gelitten. Doch dieser Schmerz und das auslösende Unrecht bleiben Allgemeinplätze, die auch vor dem Kinobesuch klar schienen. Der Dokumentarfilm verharrt in den immerselben Einstellungen der immerselben Personen. Man begegnet ihnen mit Sympathie, und doch kommen einem die Schicksale nicht näher.

 

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