Ewige Jugend

Der alte Mann und wie er die Welt sieht. Paolo Sorrentino treibt mit dieser Prämisse keinen Unfug.

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Pop ist unheimlich dumm und hässlich, aber sexy. Niederer noch als die Prostitution findet ihn der pensionierte Dirigent und Komponist Fred Ballinger (Michael Caine) und meint es doch nicht so ernst. Mick Boyles (Harvey Keitel) Sohn hat seine Frau (Rachel Weisz) für eine solche Pop-Tussi verlassen; sie sei einfach besser im Bett, verantwortet sich der Sohn gegenüber dem Vater, der die Welt nicht mehr versteht, der aber – das muss man fairerweise dazusagen – die Welt auch noch nie so wirklich verstanden hat: Die Jugend, gesehen durch die Brille eines alten Mannes! Geht es darum? Alte Männer mit Brillen gibt es hier jedenfalls wie Sand am Meer. Ja, vermutlich geht es wirklich darum; aber dann sollte man nicht vergessen, dass es ziemlich große, ziemlich auffällige Brillen sind, die von sich aus schon einiges an Ironie aussenden. Ein wenig langsam und ein wenig tatterig sind sie schon, die alten Männer, aber so ganz debil dann auch nicht. Von den jungen Menschen verstehen sie gelegentlich sogar mehr als diese selbst. Eltern wissen, wann ihre Kinder vorgeben zu schlafen, sagt Mick seiner Schwiegertochter, und später errät er sogar die große Liebe, die sich zwischen zwei Drehbuchautoren seines neuen Films anbahnt, ohne dass bei diesen der Funke schon gezündet hätte.

Alles eine Frage der Optik

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Sorrentino spielt die Jugend nicht gegen das Alter aus, ebenso wenig wie er letztlich den Pop gegen die ernste Musik ausspielen würde. Beide Musiken finden prominent Eingang in den Film und Freds Chef d'Œuvre, die minimalistischen „Simple Songs“ (selbst die Queen fährt total und beinahe mit aggressiver Leidenschaft auf diese Komposition ab), ist am Ende gar nicht mal so unpoppig. Um Polarisierung geht es also nicht wirklich. In den Pools und den Saunen des Schweizer Alpenkurhotels liegen alte und junge Menschen Seite an Seite, als hätte man sie ineinander gekeilt, dort trifft sich gespannte und schrumpelige Haut, ohne Berührungsängste, ohne Kopfschütteln. Jugend und Alter sind auch eine Frage des Körpers, aber vor allem eine Frage der Optik. Die Jungen blicken auf das Leben wie durch ein Fernrohr, alles erscheint ihnen ganz nah und greifbar, während die Alten das Leben sehen, als hätte man das Fernrohr umgedreht; die Welt verzerrt sich, flüchtet und fluchtet in unerreichbare Distanz: Genau deshalb braucht es auch die dicken Brillen. Die Szene, in der Mick seinen jugendlichen Drehbuchautoren dieses optische Problem doziert, weiß, wie trivial sie eigentlich ist, sie ist nicht zuletzt deshalb auch so schön: Verschiedener ließe sich die Welt nicht sehen, als im Falle von Jungen und Alten, und doch liegt allen derselbe Apparat zugrunde.

Zerrbild und Vexierbild

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Man darf Sorrentinos Vision vom Alter gewiss nicht allzu anthropologisch ausdeuten. Man kann sie aber als Vision, als eine Art des Sehens, als Augentäuschung ernst nehmen. Dann läuft man auch nicht Gefahr, das Fabulieren der alten Männer über Erinnerungen und Sehnsüchte, über Emotionalität und den Unmut am Intellektuellendasein zu wörtlich zu nehmen. Im Grunde sieht man Zerrbilder, wenn man durch die Brille alter Männer blickt; alles ist zu künstlicher Symmetrie geordnet, aber alle wissen um die Verzerrung und die Künstlichkeit. Dadurch synchronisieren sich Melancholie – das ständige Bewusstsein darüber, was abhanden gekommen und was dem Verfall ausgesetzt ist – und Ironie; sie bilden ein Vexierbild. Das ist möglicherweise der grundsätzliche ästhetische Impuls von Ewige Jugend (Youth). Verkörpert wird er noch einmal von der Jugend- und eigentlich auch der Altersliebe Micks: Brenda Morel (Jane Fonda). Mit ihrer old-fashion-Perücke und einer Lastwagenladung Schminke im Gesicht sieht sie aus wie ihre eigene Wachsfigur. Sie wird aus Los Angeles anreisen und Mick davon in Kenntnis setzen, dass sie die Rolle in seinem neuen Film nicht annehmen wird. Sie werde lieber zum Fernsehen gehen, um in einer Serie eine alkoholkranke Oma zu spielen, „cause television is the future“.

Television is the future, aber das Kino auch

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Jane Fondas Erscheinung, und irgendwie spielt sie dann doch sich selbst oder zumindest eine Botschafterin Hollywoods, steht natürlich ganz im Zeichen des manischen Konservierens vergangener Zeiten, wenngleich zweifellos als Groteske; gleichzeitig hat sie aber das Kino auch schon verlassen, ebenso wie sie aus den Aerobic-Videos verschwunden ist, die sie in den 1970er Jahren produzierte. Ein junges Mädchen mit Zahnspange wird immer wieder vor dem Fernseher stehen und Figuren einer seltsam animierten Computergestalt nachtanzen. Das macht Ewige Jugend natürlich auch zur melancholisch-ironischen Reflexion über das Kino selbst und die ehrwürdigen Schauspieler zu Kulturgütern seiner Geschichte. Paolo Sorrentino wird 2016 für HBO eine Mini-Serie mit dem Titel Il giovane papa drehen. Mit Ewige Jugend aber hat er erst einmal Kino gemacht und mit der Schlussszene auch ordentlich an dessen Affektregistern gezogen. Eine solche Szene gibt uns die Sicherheit, dass, mag das Fernsehen auch die Zukunft sein, keine Gefahr besteht, dass dem Kino dadurch die Zukunft gestrichen wäre.

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