Young Adam

Mit Young Adam, ausgezeichnet als Best New British Feature beim Edinburgh International Film Festival 2003, liefert Regisseur David Mackenzie eine gelungene Literaturverfilmung des gleichnamigen Kultromans von Alexander Trocchi.

Young Adam

In der Ruhe liegt die Kraft. Regisseur und Drehbuchautor David Mackenzie erzählt Young Adam in jenem stoisch-bedächtigen Rhythmus, mit dem die Gewässer der schottischen Kanäle im Film dahin fließen. Im Schottland der 50er Jahre arbeitet Joe (Ewan McGregor) auf dem Kohlenschlepper von Les (Peter Mullan) und dessen Ehefrau Ella (Tilda Swinton). Eines Tages entdecken die beiden Männer die Leiche einer auf dem Fluss treibenden Frau, mit deren Tod Joe zu tun haben scheint. Als er zudem ein Verhältnis mit Ella beginnt, eskaliert die Situation an Bord.

Die Plotelemente des Rätsels um eine Tote, sowie einer unerlaubten Affäre hätten den Stoff für einen spannenden Thriller oder ein rührseliges Melodram abgeben können. Mackenzie spielt jedoch – und dies dürfte jene enttäuschen, die große Emotionen erwarten - alles Dramatische herunter und inszeniert ein existentialistisches, sprödes Drama. Der Plot ist auf ein Minimum reduziert. Doch Mackenzie verkehrt die scheinbare Schwäche in eine charakteristische Stärke seines Films, die einlullende Ruhe ist logische Konsequenz der Thematik. Denn das eigentliche Sujet von Young Adam ist die Monotonie und Leere der Existenz, jene lähmende Empfindung der Weltentfremdung, die die Nachkriegszeit der 50er Jahre auszeichnete.

Der dem Film zu Grunde liegende, 1954 erschienene Roman des Beatnik-Autoren Alexander Trocchi wurde immer wieder mit Albert Camus’ L’étranger verglichen. Beide Werke thematisieren eben jene Entfremdung von der Welt, indem sie einen existentialistischen Antihelden ohne Beziehung zu sich und seiner Umwelt durch das Leben driften lassen.

Young Adam

Nach den gescheiterten kreativen Versuchen als Schriftsteller stellt eine Reihe von sexuellen Abenteuern den einzigen Halt für die Figur des Joe, sowohl im Roman als auch im Film, dar. Mit ihnen versucht er, die Frustrationen seiner Existenz zu betäuben. Gleich einem Süchtigen sucht er immer wieder den Kick zur Überwindung der Tristesse, ohne jemals wirkliche Befriedigung zu finden. Der Zugang zur Welt, die Rückkehr zum Ursprung der Einheit, bleibt dem Antihelden Trocchis und Mackenzies verwehrt, weil er letzten Endes unfähig ist zu jener Idee der entschlossenen Tat, die Camus als einzigen Weg zur Lebensintensität und Verwirklichung des Selbst ansah. Als die Klimax des Films den Prozess um eine Tat zeigt, für die Joe Verantwortung übernehmen müsste, um den unschuldig Angeklagten vor dem Todesurteil zu bewahren, schweigt er. Joe bleibt ein passiver, distanzierter Beobachter, der das Leben aus einer Außenperspektive wahrnimmt.

Emotional verkrüppelte Protagonisten zu porträtieren ist im Film stets ein riskantes Unterfangen, da man Gefahr läuft, das Interesse des Publikums am Schicksal der Hauptfigur zu verspielen. Mackenzie kann sich hierbei jedoch auf das einnehmende Spiel Ewan McGregors verlassen, der mit kühlem Understatement eine der besten Leistungen seiner Karriere bietet. Überhaupt ist das naturalistische Spiel des miteinander harmonisierenden Ensembles eine der großen Stärken von Young Adam, außer McGregor besteht es aus der britischen Independent-Ikone Tilda Swinton, dem bereits in Cannes prämierten Peter Mullan (für My Name is Joe, 1998), sowie der noch jungen, an der Seite ihrer erfahrenen Kollegen erstaunlich gut bestehenden Emily Mortimer.

Young Adam

Neben dem Schauspiel setzt Mackenzie auf Bilder und Atmosphäre, seinen dialog- und plotarmen Film erzählt er vor allem über die visuelle Ebene. Um das Korsett der schottischen Wert- und Moralvorstellungen der 50er Jahre, sowie das zentrale Thema der Weltentfremdung des modernen Menschen zu verbildlichen, entwirft er mit seinem Kameramann Giles Nuttgens Einstellungen von klaustrophobischer Enge. Insbesondere die zentralen Szenen unter Deck in einer winzigen Kajüte, die dem Individuum keinen Raum zur Entfaltung lassen, zeigen die Figuren als Gefangene einer unwirtlichen Umwelt. Ein kaltes, grau-blaues Farbspektrum tut sein übriges um Bilder einer vom Calvinismus geprägten Gesellschaft zu zeichnen, in der alles Triebhafte unterdrückt wird und der Mensch verloren scheint. Gerade vor diesem Hintergrund wirken jene Momente, die die aufkeimende Sinnlichkeit einfangen, umso intensiver und befreiender. Mackenzie legt ein großes Talent für Detailblicke und die Inszenierung von Körpern an den Tag, wenn er mit seiner Kamera den Kohlenstaub auf Männerkörpern oder die Fliege auf einer weiblichen Brust behutsam einfängt. Aber in diesen sinnlich-dionysischen Bildern ist auch immer der Tod unterschwellig präsent und die Hoffnung der Erlösung aus einer erkalteten, dem Menschen fremd gewordenen Welt entpuppt sich als eine Illusion.

Es ist eben jene Thematik des Fremdseins in der Welt, die einen Bezug des Films zu unserer gegenwärtigen Gesellschaft ermöglicht. Die zombiehafte Figur des Joe, die kaum am tatsächlichen Leben teilnimmt und sich ihr Heil stattdessen in Sexabenteuern verspricht, erinnert an die immer noch aktuelle Spaß-Generation, die die eigene Leere mit scheinbar lebensintensivierenden Kicks zu füllen sucht. Insofern verwundert es nicht, dass Mackenzie Trocchis Roman ausgerechnet jetzt wiederentdeckt hat und durch seine hervorragende Film-Adaption den Finger in die Wunden unserer eigenen Gesellschaft legt.

 

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