You Kill Me
Mal wieder ein Mafioso in der Midlife-Crisis. In John Dahls schwarzer Komödie schickt ihn sein Boss zu den Anonymen Alkoholikern – wer tötet, muss trocken sein.
Es ist keine Neuigkeit, dass ein Leben in der Mafia schlecht fürs innere Gleichgewicht sein kann. Tony Soprano litt an Depressionen, Paul Vitti plagten Panikattacken in Reine Nervensache (Analyze This, 1999), und Frank Falenczyk (Ben Kingsley) greift im falschen Augenblick zur Wodkaflasche statt zur Waffe. Sein Boss (Philip Baker Hall) versetzt ihn daraufhin von Buffalo, New York, nach San Francisco und verordnet den Besuch der Anonymen Alkoholiker. Sollte Frank nicht wieder zum funktionstüchtigen Vollzeitkiller therapiert werden, droht ihm der unwiderrufliche „Vorruhestand“.
Auch die Karriere von John Dahl hat schon bessere Tage gesehen. Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre konnte sich der US-Regisseur mit drei stilsicheren Neo-Noir-Thrillern einen Namen machen: Kill Me Again (1989), Red Rock West (1992) und Die letzte Verführung (The Last Seduction, 1994) verbinden klassische Plot-Elemente der Schwarzen Serie mit einer zeitgenössischen Ästhetik und reichlich trockenem Dialogwitz. Haarsträubende Zufälle und Wendungen sind augenzwinkernd und ohne viel Zeit zum Luftholen in Szene gesetzt. Stets wird ein liebesgeblendeter Naivling aus einer scheinbar ausweglosen Lage in die nächste katapultiert, nachdem er den Reizen einer geldgierigen Femme Fatale auf den Leim gegangen ist.
Wie in Dahls frühen Werken, so ist auch der weibliche Part in seinem neuen Film um einiges interessanter und handfester geraten als der männliche. Allerdings in diesem Fall vermutlich unbeabsichtigt, da Frank die eigentliche Hauptfigur sein soll. Der verliebt sich während einer Teilzeitbeschäftigung in einem Beerdigungsinstitut in die pragmatische Laurel (Téa Leoni). Vielleicht als Referenz an die wunderbar abgebrühte und launige Intrigantin Bridget Gregory in Die letzte Verführung akzeptiert sie ebenfalls kein Nein. Laurel stört sich nicht daran, dass Frank ein alkoholkranker Mörder ist, solange er nicht lügt oder eines Morgens als Schwuler aufwacht – das soll wohl San-Francisco-Humor sein. Hauptsache, es gibt keine bösen Überraschungen.
Dass es tatsächlich keine gibt, ist zwar erfreulich für Laurel, aber enttäuschend für den Zuschauer. Dem Handlungsverlauf hätten ein paar Unvorhersehbarkeiten jedenfalls gut getan. Die Erzählung pendelt unentschlossen zwischen den Schauplätzen San Francisco und Buffalo hin und her. Schildert hier ein bisschen Liebes- oder Entwicklungsgeschichte, dort etwas Gangsterdrama oder -komödie, bis auf vereinzelte amüsante Verweise auf Coppola und Hitchcock überwiegend einfallslos. Das Drehbuch von Christopher Markus und Stephen McFeely (Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia, The Chronicles of Narnia: The Lion, the Witch and the Wardrobe, 2005) bietet kaum mehr als einen schalen Aufguss von Die Sopranos (The Sopranos, 1999-2007) und Six Feet Under (2001-2005), verquirlt mit einem Schuss Romanze und einer Prise Pathos.
Ben Kingsley hat in Sexy Beast (2000) demonstriert, dass er ein charismatischer, unberechenbarer und mitunter komischer Gangster sein kann. Hier ist er weder beängstigend noch witzig, nur seltsam konturlos. Das mag jedoch weniger an Kingsleys darstellerischen Fähigkeiten liegen, als an der schwammigen Figurenzeichnung von Frank, der wie das blasse Abziehbild eines Kriminellen wirkt. Dass er von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet ist und in der Originalfassung mit einem merkwürdigen Akzent spricht, macht ihn noch nicht zu einem glaubwürdigen Mitglied der polnischen Mafia. Wenn er seiner Selbsthilfegruppe offenbart, er wäre ein talentierter Berufskiller, dem sein Job Spaß bereite, ist das nicht lustig, weil man ihm eine Existenz in der Unterwelt von vornherein nicht abkauft. Sie wird lediglich behauptet und erst in späten Szenen auch konkret bebildert.
Im Gegensatz zu Ben Kingsleys schlaffem Frank verpassen Téa Leonis Auftritte als resolute Laurel dem müden Geschehen einige willkommene Energiespritzen. Und obwohl die Besetzung der beiden als Paar auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, ist ihr rollenvertauschtes Liebesgeplänkel erstaunlicherweise das, was an der gesamten Inszenierung am besten funktioniert. Mit Bill Pullman und Luke Wilson, Philip Baker Hall und Dennis Farina in den Nebenrollen verfügt You Kill Me über ein ansehnliches Schauspieler-Ensemble, lässt dessen Potenzial aber größtenteils im Sande verlaufen. John Dahls romantische Killerkomödie leidet wie Frank Falenczyk an einer umfassenden Identitätskrise. Anders als die des Protagonisten ist sie dazu noch endgültig.
Filmkritik von Birte Lüdeking
Veröffentlicht am 03.04.2008
Kommentare zu You Kill Me
frau luna 27.05.2008 00:48
ohne filmwissenschaftliches backup fand ich den film einfach nur ganz unterhaltsam und die logiklöcher gut zu verschmerzen - wer nicht zu viel erwartet kann sich zumindest an ein paar witzigen sprüchen erfreuen. und das ist schon mehr, als was mensch sonst tagtäglich geboten bekommt
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Film-Angaben
Titel: You Kill Me
USA 2007
Laufzeit: 93 Minuten
Regie: John Dahl
Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely
Produktion: Carol Baum, Al Corley, Mike Marcus, Eugene Musso, Bart Rosenblatt, Zvi Howard Rosenman
Darsteller: Ben Kingsley, Téa Leoni, Luke Wilson, Bill Pullman, Dennis Farina, Philip Baker Hall, Marcus Thomas, Scott Heindl, Alison Sealy-Smith, Aron Tager, Jayne Eastwood
Kinostart: 12.06.2008
Copyright You Kill Me
Fotos: © Mücke Filmpresse
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