Christmas Evil

Ein Weihnachts-Slasher als Ode an die kindliche Fantasie. Lewis Jacksons einzige Regiearbeit ist ein im besten Sinne seltsamer Film.

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Das waren noch Zeiten, als der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt für einen gesellschaftlichen Aufruhr sorgen konnte. In der Vorweihnachtszeit des Jahres 1984 kam die Geschichte über einen traumatisierten Waisenjungen, der im Weihnachtsmannkostüm zum Massenmörder wird, in die Kinos. Die wütenden Reaktionen darauf kann man aus heutiger Perspektive kaum noch nachvollziehen. Eine große Anzahl aufgebrachter Bürger wollte sich das Fest der Liebe nicht von einem unbesinnlichen Slasher vermiesen lassen. Als Folge davon wurde er aus den meisten Kinos verbannt. Das Kritikerduo Ebert und Siskel forderte die Macher in seiner Sendung sogar auf, sich für diesen geschmacklosen Schund gefälligst zu schämen. Natürlich wurde Silent Night, Deadly Night gerade deshalb ein großer Hit. Was jedoch vielen Zuschauern und Kritikern entgangen ist: Schon vier Jahre früher erschien ein Film mit einem mordenden Weihnachtsmann.

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Lässt man die inhaltlichen Parallelen einmal beiseite, ist Christmas Evil (1980) eine ganz andere Art von Kino, weniger marktschreierisch und konventionell in Szene gesetzt und dadurch auch in vielerlei Hinsicht interessanter als sein kommerziell erfolgreicher Nachfolger. In seiner einzigen Regiearbeit entzieht sich Lewis Jackson dem klassischen Slasher-Muster, setzt kaum auf Suspense oder blutige Effekte, strukturiert die Handlung auch nicht durch Morde und widmet sich stattdessen dem Psychogramm eines Sonderlings, der mehr Opfer als Täter ist. Vom Bruder wird er mit Vorwürfen konfrontiert, von den Kollegen ausgelacht und am Schluss von einem hässlichen Mob mit Fackeln durch die Straßen gejagt.

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Dabei beginnt zunächst alles so, wie man es aus Horrorfilmen kennt: Der kleine Harry liebt Weihnachten über alles. Als er beobachtet, wie sich der Weihnachtsmann an seiner Mutter zu schaffen macht, verletzt er sich die Hand mit einer zerbrochenen Schneekugel. Die Gleichung zum Trauma ist bekannt: Weihnachten + Sex + Blut = ein Wahnsinniger, der während der Festtage die Straßen unsicher macht. Das Außergewöhnliche an Christmas Evil ist aber, dass er mit denselben Summanden zu einem ganz anderen Ergebnis kommt. Die glitzernde Illusion von Weihnachten wird nach diesem Erlebnis nicht zerstört, sondern immer weiter und mit immer radikaleren Methoden bewahrt. Der nun erwachsene Harry (erinnerungswürdig: Brandon Maggart) möchte seinem Umfeld sein zugleich naiv kindliches und autoritär lustfeindliches Weltbild aufdrücken. Sein klares Wertesystem drückt sich unter anderem darin aus, dass er Buch darüber führt, welche Nachbarskinder brav sind und welche heimlich „Penthouse“ lesen.

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Interessant ist, dass sich dieses Wertesystem auch auf verschiedene Formen der Arbeit bezieht. Die Spielzeugfabrik, in der Harry angestellt ist, steht genau für jene Form der lieblosen Massenproduktion, gegen die er sich auflehnt. In seinen Augen haben die Kinder etwas Besseres verdient, als von schlecht bezahlten Arbeitern im Akkord zusammengesteckte Plastikfiguren zu bekommen. In seinem Zuhause – einer unwirklichen, festlich dekorierten Parallelwelt, in der Harry ganz für sich sein kann – zeigt er dagegen, wie es richtig geht: In liebevoller Handarbeit werden Zinnsoldaten gefertigt, die nicht nur den Kindern besser gefallen, sondern sich im Zweifelsfall auch als Mordwaffe eignen. Einmal werfen ihm seine Kollegen vor, er solle sich seinen Idealismus sparen und lieber in die Gewerkschaft eintreten. Aber Harry ist nicht an den Rechten der Arbeiter interessiert, sondern daran, mit allen Mitteln einen Mythos am Leben zu halten.

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Jacksons Sympathie ist stets auf der Seite seines ebenso liebenswürdigen wie erbärmlichen Helden. Bis zum Schluss bleibt Harry ein Mann mit guten Absichten. Jemand, der sich paradoxerweise nicht der christlichen Bedeutung von Weihnachten, sondern dem kommerziellen Budenzauber verschrieben hat, gleichzeitig aber dafür kämpft, dass die Menschen sich wieder auf die „wahre“ Bedeutung des Fests besinnen. Unnötig zu erwähnen, dass dieser Kampf zum Scheitern verurteilt ist. Harrys Drang zur Perfektion hält der Film in einigen irritierenden Szenen fest, in denen die Rolle des Santa Claus vor dem Spiegel geübt wird. Es ist ein schmerzhafter Blick in die Augen eines Besessenen. Immer wieder wird an der Mimik und am richtigen Tonfall für das „Ho ho ho“ gefeilt. In einem der verstörendsten Momente des Films klebt Harry sich dann einen weißen Rauschebart ins Gesicht, zieht immer wieder daran, um sich zu vergewissern, dass er fest ist, und verfällt dabei in ein hysterisches Gekeuche, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob das jetzt Freude oder Verzweiflung ist.

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Von hier wäre es ein Leichtes gewesen, den Protagonisten als irren Killer auf die Bevölkerung loszulassen. Doch der Film bleibt solidarisch, mehr noch, er lässt sich von der verqueren Wahrnehmung seines Helden leiten und begleitet ihn bei seiner Verwandlung zum Weihnachtsmann. Spätestens, wenn während der Fahrt im weihnachtlich geschmückten Van die Rentiere wiehern und die Glöckchen klingeln, hat Christmas Evil die Wirklichkeit hinter sich gelassen und bewegt sich auf ein Spielberg’sches Finale zu. Anders als in vielen Weihnachtshorrorfilmen hat Jackson überhaupt kein Interesse daran, dem Fest seinen Zauber auszutreiben – ganz im Gegenteil. Das im besten Sinne Seltsame an Christmas Evil ist gerade, dass er sich zwischen den Rudimenten seines Slasher-Plots einer Ode an die kindliche Fantasie hingibt. Zum Skandal taugt das nicht, zur nachhaltigen Beunruhigung dafür umso mehr.

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