Yesterday Never Ends

Die Zukunft ist düster: Isabel Coixet spiegelt Spaniens Wirtschaftskrise in einer gescheiterten Liebe.

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Anschläge häufen sich in spanischen Städten. Europäische Finanzspritzen scheitern am Widerstand des Deutschen Bundestages. Die Arbeitslosenzahl hat die Sieben-Millionen-Marke geknackt. Es sind Nachrichten aus dem Jahr 2017, die in der Eröffnungssequenz von Yesterday Never Ends (Ayer no termina nunca) aus dem Autoradio klingen. Wer die Zahlen kennt, weiß: So weit ist es in Spanien noch nicht. Schlimm genug ist es aber allemal. Das Land rutscht immer weiter in die Rezession, knapp fünf Millionen Menschen sind arbeitslos, bei den unter 24-Jährigen sogar über die Hälfte. Das stimmt nicht gerade optimistisch für die nahe Zukunft, in der Isabel Coixets Film spielt. Auch für die Filmbranche sieht es in dem cinephilen Land nicht rosig aus, bei der Premiere in Berlin sagte Coixet: „2017 wird es kein spanisches Kino mehr geben.“ Finanzierungsschwierigkeiten hatte sie jedenfalls bereits bei diesem Projekt, einen Teil der Produktionskosten musste sie selbst berappen.

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Ein filmischer Blick in die düstere Zukunft des Landes liegt nahe. Doch anstatt eine dystopische Science-Fiction-Vision zu entwerfen, projiziert Coixet den desolaten Seelenzustand der spanischen Gesellschaft auf eine gescheiterte Liebesbeziehung – ein komplexes Unterfangen, das zu Beginn auch etwas hölzern anmutet. Nach fünf Jahren treffen sich ein Mann und eine Frau das erste Mal wieder, er hatte sie am Silvesterabend ohne ein Wort des Abschieds sitzen lassen und sich seitdem nicht mehr gemeldet. Allmählich entwickelt sich zwischen den einzigen beiden Darstellern in Yesterday Never Ends ein leidenschaftliches Kammerspiel, das erahnen lässt, wie sich die Hoffnungslosigkeit der Spanier anfühlt.

In eindringlichen Dialogen bearbeiten Javier Cámara und Candela Peña das Trauma ihrer Figuren: Kurz vor ihrer Trennung haben sie ihren Sohn verloren. Sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, klammert sich an ihren Schmerz. Emphatische Großaufnahmen fangen die Unsicherheit und die Verzweiflung ein, die sich tief in ihr Gesicht gegraben haben. Auch finanziell ist sie völlig ausgeblutet, als Übersetzerin kann sie nicht mehr arbeiten, ihr ehemaliger Verlag kann ihr keine Aufträge mehr geben. Er hingegen führt längst ein neues Leben, in Deutschland. Gleich nach der Trennung ging er nach Köln. Nun tritt er in Hugo Boss gekleidet auf, selbstsicher, wie ein Botschafter aus einer prosperierenden Welt, die im krassen Gegensatz zum spanischen Alltag steht.

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Sie, die Zurückgelassene, hat neben ihrer Familie auch fast all ihre Freunde verloren, sie seien mittlerweile in England, Norwegen oder ebenfalls in Deutschland, erzählt sie, im goldenen europäischen Norden also, der sich 2017 hämisch vom düsteren Süden absetzt. In der Eröffnungssequenz fischen Spanier Lebensmittelreste aus dem Müll. Die Protagonisten teilen sich später Wurst, die er aus Deutschland mitgebracht hat. Nur der Wein sei natürlich nicht von dort, sagt er, einer von vielen sarkastischen Seitenhieben – der Film schiebt Angela Merkels Europapolitik eindeutig eine Mitschuld am spanischen Dilemma zu.

Coixets Drama zieht den Zuschauer zunehmend in einen emotionalen Sog, der metaphorischen Erzählung und den starken Darstellern gelingt es tatsächlich, ein Psychogramm der spanischen Gesellschaft zu zeichnen. An dieser Überzeugungskraft scheinen die Macher des Films allerdings gezweifelt zu haben. Immer wieder eingeschobene Schwarzweiß-Szenen vermitteln die Gedanken der Protagonisten, überbetonen, was subtil längst wirkt, und werden zu störenden Elementen in dem sonst so mitreißenden Bilderfluss.

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Die kraftvollen Bilder sind vor allem dem brillant gewählten Drehort zu verdanken: Das Paar trifft sich in einer Umgebung, die wie eine verlassene Rohbetonwüste anmutet. Sie erinnert an die massenhaft leer stehenden Bauruinen, Überbleibsel der geplatzten Immobilienblase, die zum Symbol der spanischen Krise geworden sind. Doch es handelt sich hier nicht um eine Bauruine, sondern um den Friedhof von Igualada, einen in der Nähe von Barcelona gelegenen Bau aus den 1990er Jahren, der unter Kennern als architektonisches Juwel gilt. An diesem düsteren Ort, an dem ihr Sohn begraben liegt, schaffen die beiden es schließlich, sich anzunähern. Auch wenn Yesterday Never Ends ein apokalyptisches Zukunftsszenario entwirft, bleibt nach 108 Minuten ein Funken Hoffnung zurück.

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