Yes

Ein libanesischer Koch macht einer amerikanischen Geschäftsfrau Komplimente, sie gibt ihm ihre Nummer. Aus der flüchtigen Begegnung wächst große Liebe, die der Aufhänger ist für einen poetisch-philosophischen Bilderreigen.

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In schicker Abendgarderobe sitzen die Menschen um den großen Tisch. Freundliches Miteinanderreden, ein Mann (Sam Neill) flirtet mit zwei Damen. Seine Ehefrau (Joan Allen) registriert das Treiben ihres Gatten mit unglücklichem Gesichtsausdruck. Der arabisch aussehende Oberkellner (Simon Abkarian) geht am Tisch vorbei. Er zieht eine Grimasse. Sie lacht. Wenig später sieht man auf den Bildern der Überwachungskamera wie sie miteinander scherzen und sie ihm ihre Visitenkarte gibt.

Der Blick von Außen mit der Überwachungskamera - Sally Potter benutzt ihn in ihrem neuen Film Yes bewusst, um deutlich zu machen: Das, was wir sehen ist nur die Oberfläche. Was hinter dieser steckt, ist schwer zu erfahren. Dennoch wagt sie einen Versuch, lässt ihre Figuren das Treiben aus dem Off, also gleichsam aus dem Inneren ihrer Seele kommentieren. Was der Zuschauer erfährt ist, wie so oft, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint.

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Wie auch in ihren – lediglich vier – vorherigen Spielfilmen, darunter die außergewöhnliche Virginia Woolf –Adaption Orlando (1992), erzählt Potter die Geschichte aus der Perspektive einer auffällig präsenten, unabhängigen Frauenfigur. Die von Joan Allen verkörperte Protagonistin, die ebenso wie Simon Abkarians Charakter, keinen Namen trägt, ist einer dieser Menschen, die versuchen, mittels der Naturwissenschaft die Welt zu erklären, zu strukturieren, um diese zu durchdringen. Glaube kommt in ihrem Wortschatz nicht vor. Sie arbeitet als erfolgreiche Forscherin, bemüht sich logisch zu analysieren und auch ihr Privatleben bewegt sich in perfekt durchorganisierten Bahnen - scheinbar. Ihr Mann Anthony (Sam Neill) nämlich betrügt sie, die irische Tante (Sheila Hancock), die krank und gebrechlich ist, wird selten angerufen. Erst die Begegnung mit dem libanesischen Kellner reißt die Frau aus ihrem, nur oberflächlich betrachtet, ausgefülltem Leben. Er arbeitet hauptsächlich als Koch und ist doch eigentlich Arzt. Seine Fähigkeiten mit dem Messer nutzt er nun in der Küche eines britischen Restaurants.

Das Zusammentreffen dieser beiden Individuen ist gleichzeitig auch das Aufeinanderprallen zweier Kulturen: der westlichen und der arabischen Welt. Sally Potter hat mit dem Drehbuch des Films unmittelbar nach dem 11. September 2001 begonnen. Sie beobachtete, so schreibt sie in Anmerkungen zu der Entwicklung des Films, die steigende Dämonisierung der arabischen Welt und auch die konsequente Ablehnung der Vereinigten Staaten und stellte sich die Frage: „Was kann ein Filmemacher in solch einer von Hass und Angst geprägten Atmosphäre denn eigentlich tun?“.

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Die linear erzählte Liebesgeschichte ist dabei lediglich ein Aufhänger. Vielmehr zeichnet Sally Potter durch die Begegnung der Protagonisten mit den Nebenfiguren das Bild einer Gesellschaft, deren Mitglieder so sehr danach streben, den ihnen vorgegebenen Bildern zu entsprechen, dass sie zu Toleranz und Liebe, ja zum Leben gar nicht mehr fähig sind. Der Teenager Grace (Stephanie Leonidas), deren Patin die Frau ist, sehnt sich einzig danach, berühmt zu werden. Die beste Freundin (Samantha Bond) schaut neidvoll auf die Karriere der Frau, fühlt sich als allein erziehende Mutter ohne Top-Job in ihrem Lebensentwurf, der sich völlig unterscheidet von dem der erfolgreichen, gut verdienenden Naturwissenschaftlerin, unbestätigt Die Männer mit denen der Libanese in der Küche arbeitet vertreten jeweils unterschiedliche Ansichten vom Leben ohne und mit Gott.

Aber Sally Potter lässt ihre Nebenfiguren nicht zu Stereotypen werden. Es sind präzise ausgearbeitete Charaktere, die bestimmte Funktionen einnehmen. So fungieren die Männer in der Küche durchaus als Ersatz des in den griechischen Tragödien benutzten Chores. Noch stärker aber vertritt diese Aufgabe die alles kommentierende Putzfrau (Shirley Henderson). Die Aufgabe ihrer Zunft, Schmutz zu beseitigen, Reinheit herzustellen, erweist sich als unlösbar.

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Tatsächlich erinnert Yes nicht nur an griechische Tragödien, sondern auch an Shakespeares Meisterwerke, was unter anderem daran liegt, dass Potter ihre Protagonisten größtenteils in jambischen Blankversen sprechen lässt, der Standardform englischer Dramatik im 15. und 16. Jahrhundert, die von Ben Johnson, Christopher Marlowe, aber besonders von William Shakespeare verfeinert wurde. So schafft Potter nicht nur eine gewisse Distanz zwischen Geschehen und Zuschauer, die fast im Brecht’schen Sinne das Publikum davon abhält, von der Liebesgeschichte eingelullt zu werden, sondern behauptet auch – durchaus gerechtfertigt – eine gewisse Zeitlosigkeit ihrer Erzählung. Denn das Thema des Films, die Möglichkeit Grenzen, vorgefertigte Strukturen zu überwinden, ist nicht auf die Folgemonate nach 09/11 beschränkt.

Natürlich ist Yes kein Shakespeare-Drama. Dem Film gelingt jedoch meisterhaft der Spagat, das individuelle Leben mit dem Politischen zu verbinden, verschiedene Weltsichten darzulegen, ohne sie zu verurteilen. Mittels der Schauspielkunst ihrer ausnahmslos brillanten Schauspieler, den treffenden und poetischen Bildern von Kameramann Alexei Rodionov und Potters dichterisch-philosophischer Dialoge, schafft die Britin einen einzigartigen, auf mehreren Ebenen angelegten, einnehmenden Kommentar zur Zeit, der sich überschwänglich dafür ausspricht, das Leben, das man doch oft intellektuell nicht durchdringen kann, zu umarmen und zu ihm ganz emotional „Ja“ zu sagen.

Kommentare


valeri

ich habe diesen film eben gesehen und bin mehr wie begeistert es gibt selten solche filme die einen nachhaltigen eindruck bei einem hinterlassen am ende aus welchem grund auch immer musste ich sogar weinen ich weiß selbst nicht genau wieso... es zeigt einem einem andere blickwinkel bzw man wird quasi dazu gebracht über vieles nochmal nach zu denken zu überdenken und verdrängtes wieder aufzu holen einfach nur schön der film vorallem die dialoge...


Karin R.

Ungewöhnlich, aber fesselnd ! Manchmal zum Lachen, manchmal nachdenklich - ein Meisterwerk und trotz Versform packte es mich bis morgens um 1 Uhr !


Zarinkoob

Der Film zeigt wie sehr in Klischee denkenden Menschen, vergiften die zwischen menscliche Beziehungen und wie sehr den Horizont eines Menschen beeinträchtigt. Der Film zeigt auch wie wiedersprüch wir Menschen in vielen Themen und in unserem Verhalten sind. Ein Oxymoron das wir tag täglich begehen. Paradoxy in unseren Taten und in der Politik. Die Debatte über Zellforschung , ob ein Leben hierbei beendet wird oder gar nicht zum Leben entwickeln lassen, jedoch Hemmungslos zu sehen , wieviele Kinder und deren Eltern verhunger oder bei Viele Kriege getötet werden. ( Gesprächthema Frauen beim joggen) in dem Film. " Es sind bloß Zellen" Die kirchenmänner sollen sich schämen






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