Yella – Kritik

Yella ist nach Wolfsburg (2003) und Gespenster (2005) der Abschluss von Christian Petzolds Trilogie verlorener Seelen.

Yella

Am Zugfenster rast eine grüne nordostdeutsche Seenlandschaft vorbei. Im Abteil sitzt Yella (Nina Hoss). Das Motiv des Durchfahrens ist konstituierend nicht nur für diese Figur und diesen Film, sondern für das gesamte filmische Werk Christian Petzolds. Man könnte es Transit–Kino nennen. Was sich darin manifestiert, ist eine Wahrnehmung von Heimat, die sehr viel mit Rast- und Heimatlosigkeit zu tun hat. Wie schon in Wolfsburg (2003) spielt Nina Hoss eine Figur, deren Denkbewegungen und emotionale Entwicklungen sich filmisch in Überlandfahrten durch die Weiten Niedersachsens vollziehen.

Yella

Dass Petzold damit einerseits eine eigene Form entwickelt hat, deutsche Geschichten zu erzählen und andererseits ein Kino prägt, das weitaus mehr als nationale Bedeutung hat, ohne sich dabei oberflächlich kategorisieren zu lassen, ist eines der Phänomene seiner Filme.

Über Yella sprechen, heißt - beinahe zwangsläufig - über die eigene Kinoerfahrung zu sprechen. Schon nach wenigen Einstellungen konkretisiert sich dieses untrügliche Empfinden, sowohl einem Film des Autorenfilmers Christian Petzold zu folgen, als auch einer Erzählung über das eigene Land, die Heimat. Und diese Erzählung ist so ökonomisch gestaltet, dass man durch Technik, Handwerk und Medium hindurch vollkommen in eben jene Erzählökonomie eintaucht. Das erinnert an die kleinen Meisterwerke Truffauts wie Die süße Haut (La Peau Douce, 1964), La Chambre Verte (Der grüne Raum, 1978) oder Die Frau nebenan (La Femme d’à côté, 1981). Jede Einstellung ist von einer so zwingenden Präzision, dass man ihr bedingungslos folgt.

Yella

In diesem Fall heißt es Yella folgen, einer in der kleinstädtischen deutschen Gegenwart und Realität verankerten und dennoch beinahe chimärenhaften, sphärisch losgelösten Figur. So wie Yellas Blick aus Zug-, Hotel-, Büro- und Wagenfenstern die Umwelt wahrnimmt, so wird auch sie immer wieder zum Blickfang, anfangs durch die Augen und Fensterscheiben ihres in Trennung lebenden Mannes Ben (Hinnerk Schönemann). Er folgt ihr durch eine mit Straßenbauten versperrte Sackgasse und sie wirkt entrückt, vor allem für ihn. Später ist sie wieder im Zugabteil, vom Schaffner scheint sie nicht wahrgenommen zu werden. Erst in Phillipps (Devid Striesow) Blick nimmt sie wieder Gestalt an. Den lernt sie in einem von den Klängen der Mondscheinsonate durchtränkten Hotel kennen. Er ist ein Transitler, sie möchte eigentlich in Hannover bleiben, doch auf dem Expogelände haben sich alle Berufsträume vaporisiert. Also reist sie mit Phillipp und lebt den Traum der Yuppies und den Traum der möglichen neuen Liebe.

Den schönsten Moment erfährt diese Liebe im Moment des Aufwachens. Das ist eine Ausnahme, denn immer wieder wacht Yella auf, schreckt hoch, ohne sich sicher zu sein, an welchem Abschnitt ihrer Reise sie angekommen ist. Dieses nun ist einer von zwei Augenblicken des seltenen Friedens nach dem Aufwachen. Neben den Anleihen bei Harun Farockis Dokumentation Nicht ohne Risiko (2004) orientiert sich Petzolds Yella an einer von Ambrose Bierces Twilight Stories, sowie Herk Harveys Tanz der Toten Seelen (Carnival of Souls, 1962), was sich nicht etwa in Schock- oder Gruseleffekten niederschlägt, sondern in einer morbiden, brüchigen Stimmung, die in Verbindung mit der immer in Filmen Petzolds entstehenden Distanz zu einer besonderen Kühle führt.

Es ist erstaunlich, dass man dieser Yella, von Nina Hoss mit eben jener Kühle, Weltabgewandtheit und Fragilität ausgestattet, dennoch auf einer Weise folgt, die über emotionale Prozesse hinausgeht.

Yella

Yella ist einer dieser seltenen Filme, die nicht auf der Ebene des Gefühlskinos verharren und gleichzeitig einen doppelten Zugang ermöglichen. Zum einen ist dies jener der Reflektion - über ein Kino, das formsicher eine vielfach codierte Geschichte zu erzählen vermag, ohne diese zu überlasten oder in Artifizialität zu verfallen. Zum anderen schafft es Yella mit seiner schlichten aber eindringlichen Visualität und vielen Momenten der Ambivalenz das Bewusstsein bis ins Unbewusste zu durchdringen und dort weiterzuwirken. Bei Traumwelten eines Lynch ist das noch nahe liegend, doch wie Petzolds Film zwischen Expogelände und Wittenberge am Inneren zehrt, das ist gespenstisch.

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Kommentare


a.jacke

Für alle die immer noch glauben im deutschen Kino passiere noch etwas Neues ein Strohhalm - den Petzoldsfilme sind eben seine Filme und das kann man auch sehen...






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