X-Men Origins - Wolverine

Die entfesselte Männlichkeit prügelt mit urwüchsiger Kraft – X-Men Origins: Wolverine zeigt, wie aus James Howlett aka Logan der Mutant wurde.

X-Men Origins: Wolverine

Origins, Ursprünge also, sollen vermittelt werden, glaubt man dem Titel des jüngsten Ablegers der X-Men-Serie und letzten Gliedes in der nicht abreißenden Kette der Superheldenfilme. Weiterhin kann gespannt auf den Moment gewartet werden, in dem die Mythen um das stetig anwachsende Bestiarium bekannter und unbekannter Comicuniversen ihre Kraft (oder ihr Vermarktungspotenzial) einbüßen und nicht länger Fläche sein müssen für allerlei Projektionen des Weltgeschehens.

Einstweilen jedoch widmet sich die Industrie einer immer feineren Ausbuchstabierung der Historien und Genealogien ihrer adaptierten Universen und deren Bewohner. Das Prequel, der chronologische Schritt zurück innerhalb einer etablierten Fiktion, erscheint dabei als parasitäres Subgenre mit paradoxen Vorbestimmungen. Einerseits dem Zwang unterworfen, eine möglichst widerspruchsfreie Einbettung in die Geschehnisse älterer Filme zu gewährleisten, andererseits jedoch verpflichtet, als Blockbuster die Erwartung an Schock, Überraschung und Attraktion zu erfüllen, ist das Prequel ein waghalsiges Unternehmen der jüngeren Mainstreamkultur.

X-Men Origins: Wolverine

Die Ursprungsgeschichte, die Regisseur Gavin Hood und seine Drehbuchautoren David Benioff und Skip Woods für ihren Helden Wolverine (Hugh Jackman) entwerfen, schöpft dabei ganz ungeniert aus dem Reservoir abendländlicher Mythologie. Die Motive des Ödipus und des alttestamentarischen Bruderstreits zwischen Abel und Kain sind offensichtliche Bezugspunkte. Denn alles beginnt mit dem Vatermord, in Kanada, 1845. Der junge Jimmy Howlett (Troye Sivan) entdeckt seine Fähigkeit, katzenartige Klauen aus den Knöcheln seiner Hände hervorschnellen zu lassen, als er sie dem eigenen Vater in den Körper rammt. Selbstverständlich ohne zu wissen, wen er da eigentlich aufspießt. Von da an ist er, gemeinsam mit seinem Bruder Victor aka Sabretooth (Liev Schreiber), auf der Flucht – oder auf der Jagd.

Die Titelsequenz von X-Men Origins: Wolverine deutet die Geschichte der Menschheit in die Geschichte des Krieges um: Amerikanischer Bürgerkrieg, Grabenkämpfe im Ersten, die Landung in der Normandie im Zweiten Weltkrieg, Vietnam. Victor und Jimmy sind stets mittendrin, sie hetzen durch klassische Motive der Ikonografie des Krieges. Dreierlei wird klar in diesen wenigen Minuten: Sie können nicht sterben (und überleben, unter anderem, auch ein Erschießungskommando), die Entwicklung des ewig lebendigen Körpers stoppt, wie zumeist, beim Erreichen höchster Manneskraft, und die Brüder müssen ein scheinbar unstillbares Verlangen nach Mord und Totschlag befriedigen. Doch es gibt andere Möglichkeiten, ein ewiges Leben zu verbringen, als in jeden sich bietenden Krieg zu ziehen. Der Trieb nach Blut entzweit die beiden Gewaltmenschen letztendlich.

X-Men Origins: Wolverine

Denn während sich Victor dem katzengleichen Biest, das im Innern seines Mutantenkörpers wütet, immer bereitwilliger hingibt, ergreift Jimmy zunehmend die Stimme des Zweifels. Der freudsche Riss durch die menschliche Psyche, zwischen Trieb und Vernunft, kehrt dabei in Form der beiden Brüder wieder. In der fundamental verschiedenen Auffassung ihrer „wahren“ Natur erkennen sie sich als ultimative Feinde und kämpfen gegeneinander den Kampf, der sich in ihrem Innern reproduziert: Mann gegen Tier. „Wenn dich einer tötet, dann ich“, tönt Victor, als er dem Bruder zuletzt gegen einen übermächtigen Gegner zu Hilfe kommt.

So weit – so langweilig. Die psychologischen Konflikte, die Wolverine in der Welt der X-Men positionieren, sind samt und sonders altbekannte Klischees. Wer sich diesen Film in der Hoffnung anschaut, einem Charakter nahezukommen und dessen „Ursprünge“ kennenzulernen, wird enttäuscht sein. Zumindest jedoch kann man sich nun endlich den komischen Backenbart erklären, der Wolverines Look stets eine Aura des Anachronistischen verschaffte. Das war schlicht modern in seiner Jugend, um 1860.

X-Men Origins: Wolverine

Doch selbstverständlich ist es nicht primär die Erwartung einer Geschichte von psychologischer Feinheit oder gewitzter Charakterzeichnung, die in einen Blockbuster lockt, sondern der Schauwert. Im visuellen Spektakel hat das Prequel die Möglichkeit, den Zwängen narrativer Stimmigkeit im Zusammenhang mit den anderen Teilen der X-Men-Serie (X-Men, 2000, X-Men 2, 2003, X-Men - Der letzte Widerstand, X-Men: The Last Stand (2006)) zumindest für den Augenblick zu entgehen. Umso ernüchternder also, wie konventionell X-Men Origins: Wolverine hier geraten ist, teils sogar schon zu Grabe getragene Einstellungsmuster des Action-Kitschs hervorkramt. Gleich zwei Mal schafft es Hood, mit einer sich emporschraubenden Einstellung den am Boden vor einer Leiche knienden, verzweifelt brüllenden Logan festzuhalten. Orchestraler Streichbombast inklusive. Auch die Großaufnahme seines grimmigen Gesichts vor dem Hintergrund einer bildschirmfüllenden Explosion kehrt wieder und erweckt Erinnerungen an einen der ganz Großen des 90er-Jahre-Action-Blockbusters. „What would Jerry Bruckheimer do?“, lautete das Credo von Matt Stone und Trey Parker, als sie Team America (2004) schufen. Offensichtlich hat sich auch Gavin Hood, natürlich ohne ironische Brechung, dort Inspiration verschafft.

Trailer zu „X-Men Origins - Wolverine“


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