X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

Bryan Singer hat sich seiner X-Men wieder angenommen und bringt sie im mittlerweile fünften Teil der Reihe zu alter Größe zurück.

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Noch bevor mit den Spider-Man- und Batman-Reboots der Superhelden-Hype im Kino zu bis dahin unbekannten Höhen getragen wurde, brachte Bryan Singer im Jahr 2000 Marvels X-Men auf die große Leinwand. Schon die Comicserie gehörte in den 1980er und 90er Jahren zu den erfolgreichsten überhaupt, und auch der Film wurde von Kritikern und Zuschauern gleichermaßen positiv aufgenommen. Nicht nur durch seinen großen finanziellen Erfolg ebnete X-Men den Weg für die nachfolgenden Comic-Blockbuster – auch inhaltlich hatte er Vorreiterstatus. Viele der Themen und Konflikte, die in Spider-Man und Co. anhand von Einzelschicksalen behandelt werden, spielen schon bei den X-Men eine zentrale Rolle, nur dass ihre Bedeutung durch das globale Ausmaß der Existenz der Mutanten und deren natürlicher Entwicklung eine allgemeingültigere Bedeutung erhält. Diese Helden sind kein Ergebnis missglückter Experimente oder außerirdische Lebensformen, sondern schlicht und einfach durch Genmutation weiterentwickelte Menschen. So unterschiedlich die einzelnen Ausprägungen auch sein mögen – die gemeinsame Andersartigkeit eint sie zu einer neuen Spezies und, was die besondere gesellschaftspolitische Relevanz dieses Universums ausmacht, zu einem neuen Feindbild.

Der Kampf mit dem Anderssein

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Wie schon in den bisherigen vier Teilen der Reihe gilt es auch in X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (X-Men: Days of Future Past) zentral darum, dieses Feindbild zu entschärfen und einzelne Mutanten davon abzuhalten, ihre Überlegenheit gegen die Menschen einzusetzen – nur dass diese Bemühungen diesmal rückwirkend angestrengt werden müssen. In einer nicht allzu fernen dystopischen Zukunft sind alle Versuche, den Frieden zu wahren, gescheitert, und die Mutanten stehen kurz vor ihrer Ausrottung. Die einzige Überlebenschance besteht jetzt noch darin, die Vergangenheit nachträglich so zu manipulieren, dass eine bessere Zukunft auf sie folgen muss und die grausame Gegenwart, in der dieser Plan entsteht, aufhört zu existieren. Um das alles dramaturgisch zu vereinfachen, haben die Filmemacher (und in der Handlung stellvertretend Professor Charles Xavier) ein einzelnes Schlüsselerlebnis ausgemacht, dessen Verhinderung den Verlauf der Geschichte komplett ändern soll. Die Gestaltenwandlerin Mystique muss von einem bestimmten Mord abgehalten werden, was im Großen und Ganzen doch etwas willkürlich wirkt und kurz den Verdacht aufdrängt, dass die Rolle von Oscar-Gewinnerin und Publikumsmagnet Jennifer Lawrence hier unbedingt ausgebaut werden wollte.

Weltschmerz auf Mutantenart

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Das Zeitreise-Motiv bietet sowohl inhaltlich als auch visuell vielfältige Chancen, und Singer beweist sich als Herr über komplexe Parallelwelten, in denen der Zuschauer sich mühelos zurechtfinden und emotional Anteil nehmen kann. Die Szenen in der Zukunft, aus der Wolverines Bewusstsein in seinen jüngeren Körper der 1970er Jahre zurückgeschickt wird, wechseln vom grausamen Kriegsschauplatz mit meterhohen Leichenbergen in eine klosterähnliche Zuflucht mit sanftem Licht, sobald es wieder Hoffnung auf Rettung gibt. Inhaltlich ist damit vorläufig ein Ruhepol im Film geschaffen, zu dem immer wieder gesprungen werden kann, wenn Erklärungsbedarf besteht – Zeitsprünge in der Vergangenheit können flüssiger erzählt werden. Wesentlich interessanter ist aber die Anwesenheit der Mutanten im aufgewühlten Amerika von 1973. Der Vietnamkrieg ist gerade verloren, und niemand hat auch nur begonnen, das Trauma der vergangenen Jahre zu verarbeiten. Charles Xavier ist ein Sinnbild dieses Leides, denn seine telepathischen Fähigkeiten haben ihn, im Angesicht des Schmerzes überall um ihn herum, lebensunfähig gemacht. Sein Zustand kann als verhundertfache posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet werden, und nur starke Drogen können ihn buchstäblich noch aufrechterhalten. Diese Symbolisierung einer zentralen Figur für eine ganze Generation funktioniert emotional vermutlich am besten für die Zuschauer, die auch die anderen Filme noch vor Augen haben und mit Xaviers Geschichte vertraut sind.

Symbolik im Realen

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Im Kontrast zu dieser Verzweiflung stehen Politiker, Militärs und Individuen, die mit verletztem Stolz und neuen Aggressionen reagieren. Die Parallelen zu der Zeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg sind allgegenwärtig und werden von Singer glücklicherweise nicht noch künstlich forciert. Diese zweite Gruppe sieht in der Existenz der Mutanten die einzigartige Möglichkeit, nicht nur Amerika, sondern gleich die ganze Spezies Mensch zu einen, indem man die gemeinsame Bedrohung bekämpft. Ihr Anführer ist ausgerechnet ein Kleinwüchsiger. Dieser von der Natur bei seiner Geburt Benachteiligter stellt sich gegen die genetische Weiterentwicklung an die vorderste Front und wird zum personalisierten Absurdum menschlicher Irrationalität.

Mit Symbolen dieser Art, die schon die Comics so großartig gemacht haben, jongliert Singer souverän, ohne sie zu überspitzen, doch die beeindruckendsten Momente liefert der Regisseur, wenn er die Sci-Fi-Elemente gnadenlos in die weltliche Realität knallt und dabei auch sein eigenes Medium miteinschließt. Wenn die verletzte Mystique durch eine Scheibe kracht und inmitten einer Menschenmenge landet, die sofort sämtliche Foto- und Super-8-Kameras auf sie richtet, entsteht zwischen perfekt animierter, blauer Mutantin und den Aufnahmen, die wir durch ihre Qualität sofort als historisch einordnen, ein Kontrast, der ein ganz neues Level von Sensibilität für Handlung und Figuren möglich macht. An einer Stelle bewegt sich die Einbindung in die Geschichte allerdings sehr hart an der Grenze des guten Geschmacks, wenn es um die näheren Umstände der Kennedy-Ermordung geht.

Körperliche und geistige Transformationen

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Generell ist X-Men: Zukunft ist Vergangenheit passend zum zentralen Konflikt der mutierten Protagonisten auch audiovisuell sehr organisch. Während andere Superhelden mit stromlinienförmigen Anzügen ihre Körper verhüllen, kämpfen einige X-Men genau gegen dieses Phänomen an, allen voran Mystique, die eigentlich jede mögliche Form annehmen kann und doch nur ihre eigene behalten will. Verwandlungen, ob gewollt oder nicht, finden sichtbar statt, manchmal langsam und unter Schmerzen, mit schmatzenden Transformationsgeräuschen von Haut und Fleisch. Technisch bis in kleinste Detail atemberaubend umgesetzt, überträgt sich so die Hilflosigkeit des Geistes vor dem Körper und die Angst vor den Untiefen der eigenen Existenz, die sowohl auf Mutanten- als auch auf Menschenseite immer präsent ist.

Gegen Ende verliert der Film trotz epischer Kampfhandlungen in beiden Zeitebenen an Spannung, weil die Szenen in der Zukunft ob der erwarteten Auslöschung dieser Dimension zunehmend und sehr spürbar an Bedeutung verlieren, auch wenn die wunderbare Chemie zwischen Patrick Stewart und Ian McKellen diese Entwicklung erstaunlich lange hinauszögern kann. Trotzdem ist X-Men: Zukunft ist Vergangenheit in seiner Gesamtheit ein leuchtendes Beispiel einer relevanten und mitreißenden Comicverfilmung, die mit ihren übermenschlichen Protagonisten viel über die Komplexität der menschlichen Spezies mit all ihren Verfehlungen und Verdiensten transportiert.

Trailer zu „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“


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