Wrong – Kritik

Keiner seiner Filme fand bisher einen deutschen Verleih. Dabei ist Quentin Dupieux vor zwei Jahren in die erste Liga des internationalen Kinos aufgestiegen. Sein neuester Volltreffer qualifiziert ihn nun für die Champions League.

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„No Reason“ war das Motto von Rubber, Quentin Dupieux’ medienphilosophischer Horror-Parodie mit einem Killer-Reifen als Protagonisten. In Wrong lässt der auch als Elektromusiker Mr. Oizo bekannte Franzose seine Figuren mehrfach einen anderen, aber letztlich ganz ähnlichen Satz sagen: „This doesn’t make any sense!“ Dieser Spruch fasst das Grundprinzip von Dupieux’ absurdem Humor perfekt zusammen: Nichts macht Sinn in Wrong, nichts ist logisch, nichts entwickelt sich organisch aus dem vorher Geschehenen. Alles in diesem Film kommt aus dem Nichts. „Non-sequitur“ nennt man diese Erzähltechnik, die aus Willkür Witz erschafft.

„Total willkürlich“ ist auch die Entführung von Dolphs Hund Paul, wie der Kidnapper namens Master Chang versichert. Es hätte jeden anderen treffen können, doch es hat eben ausgerechnet Dolph (Jack Plotnick) erwischt – einen sozial etwas gehemmten Enddreißiger, der mit dem Haustier sein fehlendes Liebesleben kompensiert. Legt man die Maßstäbe einer klassischen Dramaturgie bei Wrong an, dann besteht der Spannungsbogen des Films in Dolphs Suche nach seinem Hund. Doch Dupieux geht es gerade um die Durchbrechung klassischer dramaturgischer Konzepte. Wenn man Kontinuität im Film metaphorisch als ruhige Fahrt durch den Plot versteht, dann schleudert Dupieux den Zuschauer in jeder Kurve aus der Bahn, bremst abrupt auf freier Strecke und fährt über rote Ampeln.

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Am brillantesten gelingt dies in einem aberwitzigen Telefonat mit einer Pizzeria, in dem Dolph minutenlang zu ergründen versucht, warum das Logo des Lieferservices aus einem Hasen auf einem Motorrad besteht. Unterbrochen wird das Gespräch durch einen Anruf von Dolphs Gärtner, der geschätzte zehn Meter von seinem Auftraggeber entfernt steht und ihn anruft, um ihm zu sagen, dass er mit ihm reden müsse. Als beide Telefonate beendet sind, setzt sich der vor drei Monaten entlassene Dolph in sein Auto und macht sich wie jeden Tag auf in sein ehemaliges Büro, in dem es in Strömen gießt – was aber alle für normal zu halten scheinen und dem Regen im Gebäude daher mit großem Gleichmut begegnen.

Hatte Rubber Dupieux als Magier eingeführt, der das Kunststück vollbringt, zugleich trashig und intellektuell zu sein, so erweist sich der Regisseur in diesen ersten 15 Minuten von Wrong als legitimer Nachfolger des großen Surrealisten Luis Buñuel.

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Der filmische Surrealismus steht stets vor dem Problem, sich aus realem Material erzeugen zu müssen, schließlich kann – von Animations- und einigen Experimentalfilmen abgesehen – die Kamera gar nicht anders, als die real existente Welt zu zeigen. Dupieux überwindet diese Hürde, indem er viele kleine Details verfremdet oder Dinge aus ihrem gewohnten Kontext löst. So springt Dolphs Wecker jeden Morgen von 7:59 Uhr auf 7:60 Uhr. Und wenn der Protagonist einen Strauß Blumen vor seinem Haus findet, erklingen bedrohliche Geräuscheffekte, wie man sie aus Horrorfilmen kennt. Gerade weil sie in solch harmlosen Szenen nicht stimmig sind, passen sie ideal in eine surrealistische Inszenierung des Anormalen der Normalität.

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Hinzu kommen bizarre Ideen wie Kameras, die die Erinnerungen von Hundekot aus dem Unterbewusstsein des Häufleins extrahieren können. Am skurrilsten aber sind die Figuren des Films. Da gibt es den erwähnten Master Chang (William Fichtner), der sein Gesicht mit Säure verätzt hat und einen asiatischen Akzent pflegt, obwohl er offensichtlich westlicher Herkunft ist. Chang ist Autor der Buchreihe „My Life, My Dog, My Strength“, die unter anderem darüber aufklärt, wie man mit Hunden telepathisch kommuniziert. Widerwillig macht Dolph Gebrauch von dieser Technik, nachdem Chang Paul – wenn auch aus psychologisch überzeugenden Gründen – gekidnappt hat.

Dann wäre da noch Emma (Alexis Dziena), eine unerträglich lebhafte Kindfrau, die nach einem einzigen Telefonat mit Dolph spontan ihren Ehemann verlässt, ungebeten bei ihrem neuen Liebling einzieht und ihn sowie das Publikum mit ihrem Gequietsche („Honeyyyy!“) nervt. Und schließlich gibt es eine Figur, die erst überraschend stirbt und dann ganz selbstverständlich wieder auftaucht, um später erleichtert festzustellen, dass sie glücklicherweise längst tot ist.

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Diese inhaltliche Vor-und zurück-Bewegung nimmt der Film stilistisch durch rückwärts abgespielte Sequenzen auf. Immer wieder setzt Dupieux – der neben Regie, Drehbuch, Schnitt und Soundtrack auch die Kameraarbeit gemacht hat – zur posthumen Freude André Bazins Schärfenverlagerungen geschickt ein, um den Kontext einer Szene erst nach und nach zu enthüllen. Generell nimmt sich diese trockenhumorige Groteske gerne Zeit, pflegt ein ruhiges Tempo und verzichtet auf allzu spektakuläre Momente, was ein mutiger, von großer künstlerischer Selbstsicherheit und Unabhängigkeit zeugender Schritt ist, nachdem Dupieux sich mit Rubber scheinbar im Genrefilm etabliert hatte. Wrong Cops, an dem der Regisseur aktuell arbeitet (mit Marilyn Manson in einer Hauptrolle), scheint ebenfalls eher in die Richtung Nonsens als Horror zu gehen – so viel kann man anhand der 14-minütigen Sequenz wohl sagen, die er vor wenigen Monaten in Cannes und zeitgleich im Internet vorgestellt hat. Ob er das extrem hohe Niveau seiner letzten beiden Filme in Wrong Cops halten kann, bleibt abzuwarten. In Wrong jedenfalls macht Dupieux alles richtig, auch wenn – nein – weil nichts darin Sinn macht.

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