Woyzeck

Büchner in der modernen Großstadt.

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Der Tambourmajor ist eine Berliner Zuhältergröße mit Migrationshintergrund, Woyzeck (Tom Schilling) ein sich als Reinigungskraft und Küchenhilfe verdingender Jungproletarier, der sich zum Nebenverdienst statt einer Erbsendiät dubiosen Medikamentenstudien unterzieht. Theater- und Fernsehregisseur Nuran David Calis widmet sich in seinem neuesten Film einem der zentralsten Stoffe deutscher Literaturgeschichte und versetzt Büchners Dramenfragment ins neuzeitliche Berlin. Dabei geht er äußerst bedacht vor, wägt historische Vorlagentreue und Gegenwartsbezug gewitzt gegeneinander ab und präsentiert gut 30 Jahre nach Werner Herzogs filmischer Bearbeitung überraschend leichtfüßig die Aktualität des klassenkritischen Stücks.

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Die von 3sat, Arte und ZDF-Kultur co-finanzierte Fernsehproduktion orientiert sich in Bezug auf Raum und Zeit nahe an der losen Struktur von Büchners unvollendeter Vorlage: schlaglichtartige Szenen, von keinem umfassenden Erzählfluss zusammengebunden, wechseln einander ab. Von Beginn an wird sich streng an den dramatischen Modus gehalten: Jede Dialogzeile und jeder Blick steht im Dienste der zu skizzierenden Konfliktlage zwischen Woyzeck, der sich so rast- wie mittellos mehr und mehr seinen paranoiden (Eifersuchts-)Halluzinationen hingeben muss, und dem um seine schöne Frau Marie (Nora von Waldstätten) buhlenden Kiez-Boss/Tambourmajor (Simon Kirsch). Die wenigen Handlungsorte – eine kleine Mietswohnung, ein Weddinger Innenhof, die beengte Küche eines Restaurants – übersetzen in ihrer betonten Begrenztheit die mentale Enge, der sich die Hauptfigur ausgesetzt fühlt, immer wieder visuell.

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Das Urbane wirkt noch stärker als Urgrund der Wahnzustände Woyzecks, selbst das freie Feld Büchners ist nun ein dreckiger und dröhnender U-Bahnschacht. Kein Wunder also, dass der Drang nach Freiheit und einer glücklicheren Zukunft in Calis’ Hauptfigur deutlich stärker ökonomisch verdinglicht wird. Anders als die literarische Vorlage erträgt sie die Kreisläufe ihres sozialen Dilemmas viel weniger passiv: Woyzeck spart für ein kleines Häuschen am Stadtrand, will ausbrechen und die kleinbürgerliche Utopie leben. Er erscheint damit weniger als Leidtragender eines allzu ideologischen Klassensystems denn als Opfer der Verinnerlichung moderner Mentalität: höher, schneller, weiter. Alles dreht sich um (ökonomische) Potenz, das macht bereits die in tiefes Rot getauchte, anfängliche Sexszene deutlich. Prostitution und (Drogen-)Handel, die Abkehr von moralischem Handeln, bei Büchner zumindest noch künstlich und vor allem durch die Sprache kaschiert, hat hier längst jeden Lebenswinkel durchdrungen, ist gemeinhin anerkannt und wird als die Wurzel allen Übels in den Vordergrund gerückt. Woyzeck scheitert nicht an Autoritäten, sondern an undurchschaubar gewordenen Entwicklungen.

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Calis gelingt zum 200. Geburtstag Büchners die Transponierung des Woyzeck in die Gegenwart. Subtil und ideenreich, nicht mit dem Holzhammer verwebt er seine motivischen Aktualisierungen. Und auch auf formaler Ebene nutzt er die Möglichkeiten des Films, um mehr zu präsentieren als lediglich abgefilmte Theatralik. Eine flirrende Soundspur, dosiert eingesetzte Parallelmontagen und Traumpassagen verdeutlichen Konfliktlagen und psychologische Zustände. Überraschend stimmig auch die Dialogebene: Pointiert eingepasste Originalzitate wirken kaum einmal allzu abgehoben. Ein Spagat zwischen distinkter Theatralik und eigenständiger filmischer Fiktion, der gelingt.

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