Worst Case Scenario

Wenige Wochen vor Drehbeginn platzt ein Filmprojekt. Franz Müller und sein Team machen daraufhin kurzerhand das Scheitern zum Stoff einer tragikomischen Film-im-Film-Improvisation.

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Regisseur Georg reagiert trotzig: „Lasst uns einfach den Film machen, den wir machen wollten. Wir schaffen das auch ohne Produzentin.“ Die hat eben aufgebracht ihr Engagement abgeblasen; das vorgelegte Skript entspricht nicht den Abmachungen, von einer einfachen Komödie war keine Rede, sie will Geschichtsträchtigkeit! Dass diese für sie unbedingt aus der NS-Vergangenheitsbewältigung erwachsen muss – „man muss spüren, der Faschismus kann aus dieser Chipstüte wieder herauskriechen“ –, das ist die erste Spitze Richtung deutscher Filmproduktionskultur in Worst Case Scenario. Gegen diese – und damit auch gegen die eigenen Arbeitsbedingungen – auszuteilen, das gehört natürlich irgendwie dazu bei einem Film über das Filmemachen, dabei gebärdet sich Franz Müllers neuestes Werk erfreulicherweise aber selten so überdreht ironisch wie hier zu Beginn.

Aus einem worst case scenario wird Worst Case Scenario

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Das titelgebende worst case scenario, das Platzen eines Filmprojekts kurz vor Drehbeginn, ist gleichzeitig Thema und Ursache des Films. Ursprünglich wollten Müller (Kein Science Fiction, 2003; Die Liebe der Kinder, 2009) und sein Team eine wilde Fußballkomödie in Danzig während der Europameisterschaft 2012 produzieren. Doch das Projekt platzte sechs Wochen vor Drehbeginn. Kurzerhand entschied man sich, trotzdem einen Film zu machen – darüber, wie der Film nicht zustande kam/kommt. Worst Case Scenario ist nach Aussage des Regisseurs dezidiert fiktional angelegt, nähert sich dem tatsächlich geplatzten Projekt nicht im strengen Sinne dokumentarisch, leiht sich aber gewissermaßen dessen Ausgangssituation und dramatisiert diese. Und so begleiten wir in Worst Case Scenario ein Filmteam, dessen Projekt nicht sechs Wochen vor, sondern am Tag des Drehbeginns platzt. Alle sind bereits versammelt, die Schauspieler, der Tonmann, die Kamera-Unit, nur das immateriellste und vermeintlich Wichtigste, die Finanzierung, fehlt auf einmal. Ins Zentrum seiner Geschichte, die mit Fußball bis auf einige wenige dokumentarisch wirkende Aufnahmen nahe einem Stadion nicht mehr viel zu tun hat, stellt Müller den neurotischen Regisseur Georg (Samuel Finzi) und die Kostümbildnerin Olga (Eva Löbau), deren erst kürzlich beendete Beziehung im weiteren Verlauf immer mehr in die Handlung hineinragt. Dritter Hauptdarsteller ist der Dreh- wie Handlungsort von Worst Case Scenario: ein alter Campingplatz, der nicht zuletzt durch die Hervorbringung einiger Laienschauspieler einen wunderbar fruchtbaren Boden für die situativen Absurditäten des Films bildet.

Im Teufelskreis der Notlösungen

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Dramaturgisch verläuft Worst Case Scenario zu Beginn ähnlich wie ein verwandtes deutsches Film-im-Film-Projekt aus dem Jahr 2012, Aaron Lehmanns Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Einerseits wird, vor allem durch die Figur des Regisseurs, erst einmal grundsätzlich am Plan der Verwirklichung festgehalten, gleichzeitig stellen sich nach dem Wegfall der Produktionsmittel aber auch schnell weitere Verluste ein: weniger manpower, weniger Technik. Es muss improvisiert werden. Im Unterschied zum Kohlhaas zeichnet Müller aber gerade nicht einen aus diesem Prekariat entstehenden produktiven Idealismus nach. Im Gegenteil, in aller Konsequenz entzieht er jedem improvisierten Schritt, jeder neuen Idee sofort wieder den Boden, tragikomisch wird jede Hoffnung auf ein triumphales „doch noch“ zerstört. Jede Notlösung zieht zwei weitere Notlösungen nach sich oder erweist sich gleich als völlig daneben: Die aus einem örtlichen Theater angeworbenen Schauspieler sprechen kein Deutsch, das mit dem nachträglichen Dubbing ist aber so eine Sache: Nach einer irrwitzig aus dem Ruder laufenden (Probe-)Szene ist die Kooperation schon wieder hinfällig. Das kämpferisch-kreative Pathos des unabhängigen Filmemachens wird immer wieder unterlaufen und komisch gewendet. Nicht wegen der durchaus zahlreichen Klischees, sondern aufgrund dieser ständigen Dekonstruktion lässt einen der „Polish German Hüftschuss“ (Franz Müller) teils lauthals losprusten. Komik ist eben vor allem auch Regression: In einer ewigen Schleife kreist der Film (im Film) um seinen eigenen Anfang, und das ist einfach ziemlich witzig.

Ausbruch aus der Meta-Konstellation

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Doch Franz Müller hat noch einen weiteren Clou parat, der Worst Case Scenario gewissermaßen aus seiner reflexiven Gebundenheit herausführt, der den Film vom Geflecht der chaotischen Situationen zur Paarbeziehung, von der Komödie zum Melodrama bringt. Zum einen werden die Tumulte und Konfusionen der Handlungsebene immer mehr auf die Verfasstheit der Hauptfigur Georg abgestellt – Samuel Finzi mit seiner immer etwas ins Kindische kippenden Art ist ein Glücksfall für den Film. Zum anderen lässt uns ein erzählerischer Seitenstrang zusammen mit der weiblichen Hauptfigur abschweifen. Olga lernt auf dem Campingplatz einen jungen Polen kennen und stürzt sich in ein kleines Liebesabenteuer, das immer mehr auch außerhalb des Campingplatzes und fern der prekären Filmproduktion stattfindet. Eine Geste der Befreiung, auch für den ganzen Film, lässt Worst Case Scenario durch diese Passagen doch nochmal ordentlich Luft rein in sein ansonsten fast kammerspielartiges Setting. Schön auch, wie der zuvor eher als destruktive Kraft aufgenommene Kulturenclash hier nochmal mit kleinen Gesten der Völkerverständigung gespiegelt wird. Am Ende ist das träumerische „einfach irgendwas machen“ allerdings weder beim Film noch in der Liebe eine Lösung. Oder doch? Vielleicht ist es ein Bild, über das man zusammenfindet.

Trailer zu „Worst Case Scenario“


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