Workers

Wer nur einmal lacht, lacht am besten.

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Gleich die erste Sequenz stimmt auf den besonderen Rhythmus des Films ein: Wir sehen ein Meer und einen Strand, mit ein paar Vögeln, aber ohne Menschen. Das Bild suggeriert Sehnsucht und Grenzenlosigkeit. Die Kamera verharrt eine Weile auf den schlagenden Wellen und den hüpfenden Möwen, bevor sie sich langsam in Bewegung setzt und nach rechts fährt, um schließlich – fast überraschend – doch an eine Grenze zu stoßen, in Form einer Wand aus Holzplanken, die ein Stück ins Meer hineinreicht und den Strand unterteilt. Dann fährt die Kamera zurück, und ein kleines Kind und eine Frau, die vermutlich seine Mutter ist, erscheinen im Bild. Die Frau reicht Essen und Trinken durch ein paar lose Planken der Trennwand auf die andere Seite des Strandes, und dieser Vorgang weckt das Verlangen, herauszufinden, wer und was sich auf der nicht sichtbaren Seite befindet. Aber statt durch die losen Planken zu blicken, fährt die Kamera noch einmal zurück, und wir sehen den Hinterkopf eines Mannes, der im Sand sitzt und den Vorgang ebenso beobachtet wie wir.

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Workers beeindruckt nicht nur in dieser vielschichtigen und symbolstarken ersten Plansequenz mit einer Spannung, die durch das langsame und geduldige Beobachten, das Aufwerfen von Rätseln und das Unterlaufen von Erwartungen entsteht. In einer späteren, ebenso komplexen Sequenz geben zwei Jugendliche einem Graffiti an einer Hauswand eine völlig neue Bedeutung, als sie an den Spruch „Juana, ich liebe dich“ ein „... nicht mehr“ anhängen. Dieser Akt ist bezeichnend für die Erzählweise des in El Salvador geborenen und in Mexiko lebenden Autors und Regisseurs José Luis Valle, der die Handlung und die Bildsprache seines Spielfilmdebüts in Schichten angelegt hat. Durch das schrittweise Addieren von Informationen oder Bilddetails erhält das zuvor Geglaubte oder Gesehene bisweilen eine gänzlich andere Bedeutung. Manchmal legt der Regisseur auch falsche Fährten, indem er Zusammenhänge nahelegt, die sich schließlich als gar nicht vorhanden herausstellen. Oder er stellt wie in der Exposition eine Frage in den Raum, die erst ganz zum Schluss beantwortet wird, wenn wir erfahren, wer und was sich auf der gegenüberliegenden Seite der Trennwand befindet.

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Wer der Beobachter am Strand ist, von dem wir zunächst nur den Hinterkopf sehen, erfahren wir dagegen schon früher: Es ist Rafael (Jesús Padilla), der als gebürtiger Salvadorianer illegal in Mexiko lebt, dreißig Jahre lang als Reinigungskraft in einer Glühlampenfabrik in Tijuana gearbeitet hat und sich jetzt neue Schuhe kauft und zum Friseur geht, weil er vorhat, am nächsten Tag in Rente zu gehen. Auf Rafaels Rücken ist der Name Lidia tätowiert, mit der er einst verheiratet war. Lidia (Susana Salazar) arbeitet als Haushaltshilfe und Mädchen für alles für eine reiche alte Frau (Vera Talaia), die im Rollstuhl an einem Atemgerät hängt und ihr luxuriöses Haus nie verlässt. Während die lebensmüde Alte ihren leiblichen Sohn abwimmelt und lieber ihren Windhund „Princesa“ wie ein kleines Kind verhätschelt, hat Lidia ihr gemeinsames Kind mit Rafael verloren, als es vor vielen Jahren im Swimmingpool der Patronin ertrank. Obwohl Rafaels und Lidias Geschichten thematisch miteinander verbunden sind, verlaufen die beiden Erzählstränge ausschließlich parallel, ohne sich zu überkreuzen. Direkt begegnet sich das einstige Paar nie, doch die Erfahrungen, die die „Workers“ machen, und ihre Entscheidungen, die daraus folgen, ähneln sich. Als Rafael die Rente verweigert wird und die Hündin nach dem Tod der Patronin ihr Vermögen erbt und allen Ernstes zu Lidias Vorgesetzten ernannt wird, beschließen die bislang gehorsamen und scheinbar genügsamen Arbeiter den Aufstand.

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Der Autor und Regisseur investiert viel Zeit darin, die täglichen Arbeitsabläufe und wiederkehrenden Rituale seiner Protagonisten zu inszenieren. Wir sehen Rafael, wie er an seinem Arbeitsplatz Kaugummi vom Boden kratzt oder in seinem Wohnwagen den Abwasch erledigt, oder Lidia, wie sie für Princesa Fleisch abwiegt oder ihr ein Bad zubereitet. Die verschlossenen Figuren offenbaren sich weniger durch Worte als durch ihre Gestik und Mimik. Das kann nur ein kurzes Zurechtrücken der Brille als Zeichen der Missbilligung sein oder ein vielsagender Gesichtsausdruck als Kommentar zu einer Unterhaltung. Rafaels Leben auf einem Wohnwagenplatz und Lidias karges Schlafzimmer stehen dabei in einem krassen Gegensatz zu dem verwöhnten Dasein der Patronin, die ihren Schoßhund im Mercedes ausfahren lässt und ihre Angestellten davor warnt, der „Prinzessin auf der Erbse“ die Armenviertel der Stadt zu zeigen. Die Strand-Trennwand in der ersten und letzten Einstellung kann man auch als die zwischen Arm und Reich verstehen. Zudem liegt Tijuana an der mexikanisch-amerikanischen Grenze und damit in der Nähe einer weiteren Trennlinie.

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Mit seinen langen, ruhigen Einstellungen und wiederholt symmetrischen Bildanordnungen vermittelt Workers eindrücklich die Routine und Monotonie im Leben der Hauptfiguren. Zugleich nutzt der Regisseur die erzählerische Langsamkeit und ästhetische Strenge seines beachtlich sicheren Erstlingswerkes für eine Reihe schöner lakonischer und schwarzhumoriger Einfälle. Besonders in den Totalen werden José Luis Valles Sinn für komödiantisches Timing und seine sorgsam komponierten Bildgestaltungen deutlich, in denen kleine Details im Vorder- und Hintergrund auf lebendige Weise miteinander korrespondieren. Bemerkenswert ist auch der Umgang mit Zeit, die mal langsamer und mal schneller zu laufen scheint, ohne dass die Inszenierung forciert oder sprunghaft wirkt, sondern durchgängig wie eine Einheit erscheint: In einer mit statischer Kamera gefilmten Sequenz, in der das Kommen und Gehen auf einer Straße und die unterschiedlichsten dort ausgeführten Formen von Arbeit aus der Distanz beobachtet werden – die von Prostituierten und Ladenbesitzern, von einem Eisverkäufer und einem Messerschleifer – erscheinen wenige Filmminuten wie reale Stunden, wenn sich der Himmel im Hintergrund zunehmend verdunkelt. In einer anderen Szenenfolge erfahren wir, dass ein Jahr vergangen ist, das ebenso gut ein Tag hätte sein können. Und der Epilog blickt ganze zehn Jahre zurück in die Vergangenheit.

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José Luis Valle demonstriert mit Workers, was für ein präziser Beobachter er ist. Das hat er mit Rafael gemein, der seine Mitmenschen am Strand, im Park oder im Bus hinter seinen dicken Brillengläsern sehr genau unter die Lupe nimmt. Im gesamten Film lächelt der Arbeiter nur ein einziges Mal – das dann aber umso triumphaler.

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Kommentare


Laila1979

Ein wunderbarer Film, der für viele Gemüter wahrscheinlich etwas zu langsam daherkommt. Man muss sich auf die Story und ihre Charaktere einlassen. Dann entdeckt man hinter der Eintönigkeit des Alltags eine zutiefst melancholische Geschichte, deren hilflose Protagonisten dann doch nicht so hilflos sind. Wer Geduld und Konzentration beweist (so wie die Hauptfiguren) wird mit herrlichen Bildern, szenischer Brillianz, wundervollen Darstellern und einem zwiespältig unbefriedigendem/befriedigendem/amüsanten Ende belohnt. Ich hoffe, noch mehr von José Luis Valle sehen zu dürfen!






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