Wonderstruck

Cannes 2017: Ausgerechnet mit der hemmungslos kitschigen Adaption eines erfolgreichen Jugendromans hat Todd Haynes vielleicht sein Opus Magnum gedreht. Sein Blick in die Vergangenheit zielt dabei durchs Herz der Filmgeschichte.

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In einem geheimnisvollen Buch, das der junge Ben (Oakes Fegley) von seiner verstorbenen Mutter bekommen hat, steht, dass jeder private Sammler ein Kurator sei. An anderer Stelle von Wonderstruck ist ein Zitat von Oscar Wilde zu lesen: „We all live in the gutter, but some of us are looking at the stars“. Eigentlich sind diese zwei Sätze schon eine angemessene Zusammenfassung von Todd Haynes’ auf dem gleichnamigen Roman von Brian Selznick basierenden Film, in dem eine nerdige Sammlerleidenschaft und ein entschiedener Wille zum Träumen zur ultimativen Überlebensstrategie zweier junger Außenseiter werden. Zum einen gibt es da eben Ben, der allerlei alten Kruscht angehäuft hat und sich einbildet, sein abwesender Vater würde als Astronaut im Weltall herumschwirren. Zum anderen ist da die stumme Rose (Millie Simmonds), die vom trostlosen Leben mit ihrem strengen Vater in ein glitzerndes Hollywood-Reich flieht, das von der Schauspielerin Lilian Mayhew (Juliane Moore) regiert wird. Ihre Obsession drückt sich dabei in ritualisierten Kinobesuchen aus und in einer sorgfältigen Archivierung, bei der jeder Zeitungsartikel mit Mayhew liebevoll in ein Album eingeklebt wird. Was diese beiden Geschichten letztlich miteinander verbindet, bleibt für lange Zeit ein Geheimnis. Zunächst sind es vor allem die Kontraste zwischen den beiden Erzählsträngen, die ins Auge springen: Der Zeitunterschied von fünfzig Jahren, der auch visuell einen Graben zwischen den poppig bunten, psychedelischen 1970er-Jahren und dem schwarzweißen Look der späten Stummfilmzeit aufreißt.

Geschichten, die sich ineinander auflösen

Wonderstruck  2

So geschlossen die beiden Erzählstränge ästhetisch sind, so durchlässig wirken sie auch. Das beginnt schon mit dem androgynen Äußeren der beiden Kinder; mit den langen Haaren von Ben und dem burschikosen Kurzhaarschnitt von Rose. Überhaupt ist zunächst unklar, ob sich die beiden nun ergänzen oder vielleicht doch nur Stellvertreter des anderen sind. Immer wieder setzt sie Haynes zueinander in Beziehung, überlagert die Geschichten so lange, bis sie sich zunehmend ineinander auflösen. Etwa wenn Ben durch einen Blitzschlag ebenfalls sein Gehör verliert, wenn die beiden ihrer beklemmenden provinziellen Heimat den Rücken kehren, um in der pulsierenden Wunderwelt New Yorks ihre verschwundenen Eltern zu suchen oder, besonders zugespitzt, in den dunklen, labyrinthischen Gängen eines Naturkundemuseums. Zwischen einem gigantischen Meteoriten und allerlei ausgestopften Tieren in Glaskästen sind die beiden endgültig in ihrem Element. Haynes stilisiert die Ausstellungsgegenstände in dieser Szene zu Requisiten einer märchenhaften Fantasiewelt.

Wonderstruck  3

Dass Roses Geschichte über weite Strecken selbst wie ein Stummfilm funktioniert, ist zunächst einmal naheliegend, weil der Film damit die Wahrnehmung seiner Heldin einnimmt. Zugleich setzt Haynes damit aber auch seine Mimikry vergangener filmischer Ästhetiken fort, die er vor allem mit seinen Hommagen an das US-amerikanische Melodram der 1950er Jahre (Dem Himmel so fern, Carol) perfektioniert hat. Wie seine Figuren wirkt auch Haynes wie ein obsessiver Sammler; nur sind es bei ihm keine Gegenstände, die er anhäuft und arrangiert, sondern verschiedene Formen der Inszenierung. Mit großer Liebe zum Detail beschwört er ein New York, das nicht durch historische Präzision besticht, sondern als Studio-Kulisse, die hemmungslos mit Zitaten aus der Filmgeschichte angereichert ist. Das zeigt sich in abrupten Kamerazooms, wie man sie sie aus dem Kino der 1970er Jahre kennt oder auch in den Soundeffekten der Stummfilmzeit, die aus Mangel an Originalton direkt im Score (ebenfalls eine Mimikry: der Soundtrack von Carter Burwell) verwoben sind. Am Schluss entlarvt Haynes nicht nur New York als Miniaturansicht aus Plastik, sondern löst das Rätsel seiner Geschichte außerdem mit einer Rückblende, in der Puppen den Platz der Schauspieler einnehmen. Damit wirkt Wonderstruck wie ein vorläufiges Opus Magnum im Schaffen des Regisseurs. Haynes geht nicht nur zurück bis zu seinem mit Barbies inszenierten Kurzfilm Superstar: The Karen Carpenter Story (1988), sondern nimmt jenen Kritikern, die in seinen Filmen nur nostalgische Imitationen sehen wollten, den Wind aus den Segeln.

Die Aufrichtigkeit unechter Sterne

Dass der Film ebenso als unverhohlen kitschiger Tearjerker funktioniert wie auch als Film über das Kino selbst, ist aber vielleicht das Erstaunlichste an Wonderstruck. Haynes stellt die Künstlichkeit seiner filmischen Welt konsequent aus, macht uns dabei immer wieder bewusst, dass jede Geschichte auch etwas Gebautes ist, füllt sie zugleich aber derart geschickt mit Affekten, dass diese selbstreflexive Ebene die emotionale Wirkung des Films niemals beeinträchtigt. Am Schluss setzt er dem Zitat von Oscar Wilde noch ein entsprechendes Bild entgegen und lässt seine Figuren mit glasigen Augen in den funkelnden Sternenhimmel blicken. Und obwohl wir sehen, dass die Sterne nicht echt sind, besteht kein Zweifel an der Aufrichtigkeit dieser hoffnungsvollen Geste.

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