Women Without Men
Vier Frauen und ein Garten vor den Toren Teherans im Sommer 1953 kurz vor dem angloamerikanischen Staatsstreich. Mit ihrem Spielfilmdebüt Women Without Men setzt die Videokünstlerin Shirin Neshat dem Roman von Shahrnush Parsipur ein zumindest ästhetisch herausragendes Denkmal.
Die Fotografien und Videoinstallationen der im Iran geborenen und in New York lebenden Künstlerin Shirin Neshat sind vielleicht die in der westlichen Welt bekanntesten Zeugnisse einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der politischen Geschichte des Irans. Den Tschador und das Gewehr hat die Künstlerin in ihren zahlreichen Kurzfilmen und Videoinstallationen in nahezu fetischisierender Manier zu den Symbolen für Militarismus und Frauenunterdrückung schlechthin erhoben und fest in das visuelle Gedächtnis des Westens imprägniert.
Auch in ihrem Kinofilmdebüt spielt das schwarze Schleiertuch eine zentrale Rolle. Es wird hier zur Metapher für die Ver- und Entschleierung der Wünsche und Schicksale von vier Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die dennoch zueinander finden sollen: Die Prostituierte Zarin (Orsolya Tóth), die Offiziersgattin Fakhri (Arita Shahrzad), die Jugendliche Faezeh (Pegah Ferydoni) und die politische Aktivistin Munis (Shabnam Toloui). Ihre geheimen Wünsche und Bedürfnisse müssen verdeckt bleiben, da sie alle von der Männerwelt unterdrückt sind. Erst als Fakhri sich von ihrem chauvinistischen Gatten lossagt und einen Garten vor den Toren Teherans kauft, besteht Hoffnung auf ein besseres Leben.
Über eine minutenlange, virtuos anmutende Kranfahrt des österreichischen Kameramanns Martin Gschlacht führt Shirin Neshat diesen utopischen Ort ein, um ihn mithilfe von viel Kunstnebel und exotischem Vogelgesang zu einem ätherischen Zaubergarten zu verklären. Märchenhaft und irreal wirkt hier jede Handlung und Geste, sodass sich die im Garten gestrandeten Frauenfiguren beinahe in einem neuen Gefängnis wiederfinden – zumindest in einem Paralleluniversum, das zunächst einmal von der Realität, die sie hierher gebracht hat, gänzlich abgeschnitten ist.
Die Unruhen, die zeitgleich in Teheran toben, werden von Neshat auf ähnlich ästhetisierende Weise dargestellt wie das Leben im Zaubergarten. Sie sind grafisch ebenso durchorganisiert wie die Videoinstallationen der Künstlerin und werden durch stark entsättigte Farben und den Einsatz von Zeitlupe abstrahiert. Vielleicht erscheint die Darstellung der politischen Spannung des Sommers 1953 in diesem Film auch deswegen so schablonenhaft, weil sie lediglich über die Parolen „Mossadegh! Nieder mit Großbritannien!“ auf der einen und „Lang lebe der Schah!“ auf der anderen Seite erzählt wird, ohne dass dabei näher auf die unterschiedlichen politischen Motivationen und Ziele eingegangen wird.
„Der einzige Weg, sich von dem Schmerz zu befreien, ist sich von der Welt zu befreien“, sagt die ins Off gelegte Gedankenstimme der politisch wachen Munis, die in Neshats Film erst nach ihrem Selbstmord als Geist zur Aktivistin werden kann. Ihre Geschichte bringt vielleicht am besten auf den Punkt, was die in Women Without Men porträtierten Frauen miteinander verbindet: Nur in einer geistigen Parallelwelt können sie ihren eigentlichen Wünschen und Bedürfnissen nachgehen. Ihre Handlungen in diesem Paralleluniversum bleiben jedoch ohne Wirkung auf die Realität.
Eine starke und sehr düstere These ist das, auf die Shirin Neshat den Roman von Shahrnush Parsipur hin perspektiviert hat. Sicherlich trägt diese These zu viel Wahrheit in sich, als dass Neshats Film im Iran gezeigt werden wird. Leider läuft Women Without Men dabei jedoch Gefahr, eben diese zentrale These hinter der metaphorischen Bildsprache und der vielleicht sogar zu formvollendeten Poesie des Films zu verdecken. So hat die Videokünstlerin Neshat mit ihrem Spielfilmdebüt zwar die Kinosprache durch die Ästhetik ihrer Videokunst erweitert, sich jedoch umgekehrt die Chance entgehen lassen, die erzählerischen Qualitäten des Kinos zu nutzen, um der Komplexität der vier Frauenfiguren aus Parsipurs Roman gerecht zu werden und ihnen Raum für eine charakterliche Entwicklung zu geben. Sie verkommen – zumindest stellenweise – ein wenig zu schönen Statuen in einem utopischen Garten jenseits der politischen Realität ihres Landes.
Filmkritik von Felix von Boehm
Veröffentlicht am 08.06.2010
Kommentare zu Women Without Men
Irina 01.09.2010 10:57
Empfehlenswert, vor allem für diejenigen, die ein Ansporn zum Nachdenken über die Situation und Stellung der Frauen in der islamischen Gesellschaft suchen. Der Film vermittelt Bild von den Frauen , die in der schwierigen Welt, in der sie leben, den Weg zur Befreiung, Zufriedensein zu sich selbst suchen. Es ist ein schwieriger Prozess, das die Frauen stark macht.
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Film-Angaben
Titel: Women Without Men
Originaltitel: Zanan-e bedun-e mardan
Deutschland, Österreich, Schweiz 2009
Laufzeit: 80 Minuten
Regie: Shirin Neshat, Shoja Azari
Drehbuch: Shoja Azari
Produktion: Susanne Marian
Bildgestaltung: Martin Gschlacht
Montage: George Cragg, Jay Rabinowitz, Julia Wiedwald
Musik: Ryûichi Sakamoto
Darsteller: Navíd Akhavan, Bijan Daneshmand, Pegah Ferydoni, Arita Shahrzad, Orsolya Tóth, Essa Zahir, Mina Azarian, Tahmoures Tehrani
Kinostart: 01.07.2010
Copyright Women Without Men
Fotos: © NFP
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