Womb

Das Inzest-Drama Womb fragt nach den Auswirkungen des Klonens auf die Identität von Individuen und das menschliche Miteinander. Eindrucksvolle Landschaftsbilder voller Wasser und Wind dienen dabei als Metaphern von Aufruhr und Veränderung.

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Wie von selbst bewegen sich Tausende kleine Sandkörnchen. Das Unbelebte scheint zum Leben erwacht zu sein. Diese ebenso minimalistische wie unheimliche Szene taucht als Nahaufnahme etwa in der Mitte von Benedek Fliegaufs Womb auf. Der zehnjährige Thomas (Tristan Christopher) vergräbt am Strand seinen batteriebetriebenen Spielzeug-Dinosaurier. Dieser windet sich unaufhörlich, und es wirkt, als versuche er unter Qualen seinem Grab zu entsteigen. Thomas’ Mutter Rebecca (Eva Green) wird den Dino befreien und ihn ihrem Sohn zurückgeben. Was Thomas nicht weiß: Er selbst verdankt sein Leben einer solchen Exhumierung.

Die Vorgeschichte erzählt der Film in größeren Sprüngen: Als junge Erwachsene kehrt Rebecca aus Tokio auf eine nordfriesische Hallig zurück, um einst Verlorenes – die zärtliche, an der Schwelle zur Sexualität stehende Kinderfreundschaft zu einem weiteren Thomas (ebenfalls Tristan Christopher) – wiederzufinden. In der Tat gelingt es ihr und dem  erwachsenen Thomas (Matt Smith), die alte Vertrautheit umgehend wieder herzustellen. Trotz der mehr als zehnjährigen räumlichen Trennung entwickelt sich zwischen den beiden rasch eine enge Liebesbeziehung. Doch schon wenige Tage später wird Thomas bei einem Autounfall getötet. Rebecca kann diesen Verlust nicht akzeptieren und lässt den Toten exhumieren, um aus seinen Genen einen Klon zu züchten, den sie selber gebärt und ebenfalls Thomas nennt.

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Als Rebecca mit ansehen muss, wie ihr Sohn aufgrund seiner nicht-natürlichen Erzeugung gemieden und gehänselt wird, entschließt sie sich, mit ihm in eine einsame, auf Stelzen stehende Hütte im Nordsee-Watt zu ziehen und dort ein Eremiten-Dasein zu führen. Doch es wird immer deutlicher, dass sie im jugendlichen Thomas (wiederum Matt Smith) eher ihren Geliebten als ihren Sohn erkennt und eifersüchtig auf dessen Freundin Monica (Hannah Murray) ist. Die enge, durchaus physische Beziehung von Mutter und Sohn geht so weit, dass Rebecca angesichts Thomas’ nackten Körpers merklich gegen sexuelle Versuchungen ankämpfen muss. Sohn und Geliebter, Lebender und Toter, Realität und Vorstellung werden für sie zunehmend ununterscheidbar. Auch Thomas selbst wird durch die Einsicht, dass er eine nahezu differenzlose Kopie seines ihm unbekannten Vaters zu sein scheint, vor einen schmerzhaften Weg der Identitäts-Findung gestellt.

Der Ungar Benedek Fliegauf hüllt seinen in Deutschland gedrehten, englischsprachigen Film in stilsicher ästhetisierte Bilder. Die kalten Farben Blau, Grün und Grau dominieren die Palette und korrespondieren atmosphärisch mit Péter Szatmáris beeindruckenden Aufnahmen verregneter, verwaister Strände. Wasser – als Symbol des Lebens und dessen sich verflüssigender Formen in Zeiten der Gentechnik –, Stürme und einsame Bootruinen durchziehen die metaphorischen Landschaftsbilder. Meer und Himmel verschmelzen in einigen Aufnahmen ebenso übergangslos ineinander wie Original und Kopie, Thomas I und Thomas II. Womb lässt diese Bilder weitgehend für sich allein sprechen – nur selten werden die erhabenen, weiten Einstellungen der in Aufruhr befindlichen Natur von Musik begleitet.

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Jedoch gehen diese visuellen Qualitäten des Films mit einigen narrativen Schwächen einher. So eindrucksvoll viele Szenen anzuschauen sind, das Gebaren der Figuren scheint mitunter einer anderen Realität zu entstammen. Am deutlichsten wird dies, wenn Womb den schwelenden Inzest-Konflikt am Ende zu einer recht unglaubwürdigen Klimax führt.

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Auch die überzuckerte Darstellung von Liebe entspricht eher filmischen Klischees als der Wirklichkeit. Fast wie in kitschigen Hollywood-Romanzen werden Rebecca und Thomas als füreinander geschaffen gezeichnet, als vom Schicksal Zusammengeführte, für die es nur diesen einen Menschen auf der Welt gibt. In nahtloser Kontinuität der emotionalen Bindung aus Kindertagen entsteht zwischen zwei Menschen, die sich über ein Jahrzehnt nicht gesehen haben und einander als Erwachsene noch nie begegnet sind, eine Art totale Symbiose. „Wherever you go, I go“, raunt Rebecca ihrem Geliebten einmal zu. Diese einer Verschmelzung nahe kommende Komplementarität der beiden lässt sich als subtiler Hinweis auf die folgende Klon-Thematik verstehen.

Das Klonen selbst und die damit verbundenen Chancen und Risiken werden von Womb indes kaum näher beleuchtet. Dies ist allerdings merklich kein ungewolltes Defizit, sondern eine bewusste Entscheidung gegen die Zukunftswarnungen des Science-Fiction-Genres und für die leiseren Töne eines auf zwischenmenschliche Beziehungen fokussierten Kunstfilms. Wenn Womb sich nach und nach zum Inzest-Drama entwickelt, wird deutlich, dass die Gentechnik hier lediglich dazu dient, mögliche neue Formen des Umgangs mit Verlust und Trauer zu betrachten. Entsprechend funktioniert Benedek Fliegaufs Film auch weniger über die inhaltliche Ausgestaltung des Plots als über seine Stimmung und vor allem die kunstvolle Stilisierung seiner kontemplativen Bildkompositionen.

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