Logan – Kritik

American Recordings: In Logan durchstreifen die müden Superhelden vergangener Tage ein eigenschaftsloses Amerika auf der Suche nach einem Ort fürs eigene Grab – und sehnen sich dabei immer auch danach, das eigene filmische Abbild endlich abzustreifen.

Logan 3

In den letzten Jahren seines Lebens nahm Johnny Cash die American Recordings auf, eine Reihe von Schallplatten mit alten und neuen, von ihm selbst verfassten oder bereits durch andere Künstler bekannt gemachten Country-, Blues- und Pop-Liedern. Die Musikbegleitung ist stets spärlich, meist nur von einer einzelnen Gitarre getragen, und Cashs Stimme wird von Platte zu Platte schwächer und brüchiger – der Sänger vergeht im Laufe dieser Aufnahmen, es ist, als würde er sich selbst noch zu Lebzeiten zu Grabe tragen und auf dem Weg zu seiner letzten Ruhestätte all das um sich scharen, was für ihn von wahrem Wert ist. In den American Recordings schaufelt Johnny Cash somit beharrlich jene Erde auf, in die er seinen dereinst leblosen Körper betten will, er erschafft sich jenes Amerika, in dem sein Grab zu finden sein soll. Denn wo man sein Leben verbringt, das ist eine Entscheidung für ein paar Jahrzehnte, wo man begraben sein will, das ist, zumindest symbolisch, eine Entscheidung für die Ewigkeit. Wenn man sich nun bei der Wahl dieser endgültigen Bleibe in ein immaterielles Land der Kulturerzeugnisse zurückzieht, dann bedeutet das auch: Es hat einem kein anderes und vor allem kein tatsächlich existierendes Land je ein wirkliches Zuhause bieten können.

Die letzte Bleibe im mühelosen Gleichklang des Erlebens

Logan 2

Auch James Mangolds Logan, in dem ein Lied aus den American Recordings an prominenter Stelle zu hören ist, wird bestimmt durch einen Gestus des anklagenden Rückzugs. Denn auch für James „Logan“ Howlett (Hugh Jackman) geht es ans Sterben, und auch für ihn stellt sich die Frage, in welchem Land er begraben sein will. Mit verwildertem Bart und röchelnder Stimme lebt er mit seinem einstigen Mentor, Professor Charles Xavier (Patrick Stewart), versteckt in einem verlassenen Fabrikgebäude südlich der amerikanischen Grenzen inmitten der Wüste Mexikos. Doch Logans Vorhaben eines in aller Ruhe vorangetriebenen Niedergangs im Exil wird durchkreuzt durch das Auftauchen der jungen Mutantin Laura (Dafne Keen). Das Mädchen mit ähnlich scharfen Klauen und einem ähnlich ungezähmten Blutinstinkt wie Logan wird von den brutalen Söldnertruppen eines Forschungslabors gejagt, und die einzige Hoffnung auf Schutz besteht im Erreichen einer Mutantenkolonie, die sich vagen Erzählungen zufolge in den Wäldern Kanadas gebildet haben soll. So ist Logan gezwungen, gemeinsam mit dem pflegebedürftigen Xavier und der unbeherrschbaren Laura jenes Land zu durchqueren, von dem er sich eigentlich ebenso abgewandt hatte wie vom Leben selbst.

Das Amerika, das die Figuren in Logan vorfinden, ist im eigentlichen Sinne kein bewohntes Gebiet mehr, sondern nur ein tausende Kilometer breites Niemandsland. Die Landschaft wird bestimmt von endlosen Maisfeldern, bestellt durch monströse, vollständig automatisierte Maschinen und von Autobahnen voll selbstfahrender Lkw. Die Menschen scheinen sich aus ihrem eigenen Lebensraum fast vollständig zurückgezogen zu haben, sie sind zum überwiegenden Teil in den fensterlosen Hallen der Kasinos oder als betrunkene und grölende Partygrüppchen anzutreffen. Das Land ist hier nur eine Strecke, die es zu überwinden gilt – es wird allein durch seine Grenzen bestimmt und ist dadurch in seinem Inneren völlig eigenschaftslos geworden.

Doch diese Reise durch ein verödetes Amerika ist auch die Reise in eine Welt, deren Koordinaten durch die immer wieder auftauchenden Comichefte und die immer wieder eingeflochtenen Filmausschnitte abgesteckt werden: die Welt der (amerikanischen) Popkultur. Nur in den übersatten, unnatürlichen Zeichnungen der Comics scheint noch jene lebendige Unordnung zu existieren, die man zum selbstbestimmten Handeln braucht, und nur in den Bildern und Dialogen des Westerns Shane (1953) scheint noch so etwas wie Sinnhaftigkeit und eine Deutbarkeit des eigenen Schicksals durchzuschimmern. Wie Johnny Cash macht auch Logan die Erfahrung populärer Kunst, diesen mühelos zugänglichen Gleichklang des Erlebens, zum Ursprung einer Welt, die als einzige so etwas wie Geborgenheit und ein Gefühl der Gemeinschaft gewähren kann. So ist am Ende des Films auch keine andere Religion mehr möglich als der Bezug auf ebendiese Welt – sie erscheint als das einzige Reich, an das man seine Erlösungswünsche überhaupt noch sinnvoll richten kann.

Der letzte Feind auf dem Weg ins Grab

Logan 1

Die Superhelden sind in Logan somit nur mehr in den Geschichten, die man sich von ihnen erzählt, wirklich überlebensfähig, und um innerhalb einer Geschichte auf wahrhaft eigenständige Art und Weise existieren zu können, muss man zuvor aus der Welt der lebendigen Körper verschwunden sein. Doch dieses Übertreten in die körperlose Welt der Überlieferung wird in Mangolds Film auch als eine Rückkehr der ohnehin immer schon fiktiven Figuren vom Medium des Films in ihr ursprüngliches Medium, in den Comic dargestellt. Die Figuren müssen in Logan nicht nur sichtbar sterben, sondern es muss zugleich immer auch die Möglichkeit ihrer filmischen Darstellung ausgelöscht werden: ihre Körper müssen am Ende nicht nur tot, sondern bis zur Unkenntlichkeit zerstört sein. Eine gleichzeitig verzweifelte wie grimmige Brutalität durchzieht folglich den gesamten Film: Menschen werden nicht nur aufgespießt, sondern es werden ihnen die Klingen so durch den Schädel gerammt, dass ihre Gesichter völlig zerfetzt werden. Köpfe werden lustvoll durch den Sand gerollt, Gliedmaßen mit Schwung zertrümmert, und alles wird begleitet von dem Geräusch sich zerteilenden Fleisches, einem saftigen Glucksen wie von feuchtem Schlamm. Die Kämpfe und Actionsequenzen des Films sind somit nie eine freudige Wiederkehr der Schlachten und Verfolgungsjagden aus früheren X-Men-Filmen, sie sind vielmehr unbarmherzig dem Ziel gewidmet, eine solche Wiederkehr vollkommen unmöglich zu machen. In Logan ist der Widerstand des eigenen Körpers der letzte und hartnäckigste Feind, den man auf dem Weg ins Grab überwinden muss.

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