Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Angriff auf den Thron! Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen ist der erste digitale Animationsfilm seit langem, der in einer Liga mit Pixars Meisterwerken spielen kann.

Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Die Pixar Studios haben sich zugegebenermaßen bisher wenig Fehler erlaubt. Ihre Filme wurden oft so einhellig gefeiert, dass man sich durchaus wundern konnte angesichts von so viel Konsens. Wären die Filme nur nicht so unheimlich ausgefeilt und schlüssig. Zuletzt bewiesen sie mit Oben (Up, 2009), wie man Animationsfilme nahe der Perfektion erschafft: mit leisen Tönen nämlich, und durch die Meisterschaft ganz klassischer Tugenden. Narration, Charakterzeichnung, Dialog.

Ein ernstzunehmender Konkurrent für Pixar

Digitale Animation verlor in Pixars Schaffen spätestens mit Wall-E (2008) jeden Selbstzweckcharakter, und während die Konkurrenz sich noch immer an reinen Schauwerten abarbeitet, verführte uns Oben mit seinem souveränen Understatement im Einsatz neuer 3-D-Technologie. Ohne jedoch Pixars Qualitäten in Abrede stellen zu wollen, mag man sich, gewissermaßen marktliberal, fragen: Wo bleibt der Gegenentwurf? Wo bleibt die ernstzunehmende Konkurrenz?

Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Umso erfreulicher also, dass mit Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen (Cloudy with a chance of meatballs) ein vielversprechender Herausforderer in die Arena der digitalen Bildwelten tritt. Nicht minder zitatfreudig als Shrek (2001), dabei aber wesentlich ausgereifter in der Kunst des Erzählens, genauso rasant und überkandidelt wie Ice Age (2002), jedoch ohne in ermüdendes Action-Dauerfeuer zu verfallen, hinterlässt Wolkig ... mit einem unverbrauchten Szenario und zeitgemäßem Look eine starke Duftmarke im hart umkämpften Terrain des computeranimierten Films.

Dazu verlässt sich das Team um Regieduo Chris Miller und Phil Lord auf eine visuell und narrativ äußerst erfolgreiche Vorlage, das Kinderbuch Cloudy with a chance of meatballs (1978), verfasst von Judi Barrett und illustriert von ihrem Ehemann Ron. Lord und Millers freie Adaption des (bisher nicht auf Deutsch erschienenen) Klassikers erzählt vom tristen Leben auf der winzigen Insel Swallow Falls, auf der Landkarte versteckt unterhalb des „A“ von „Atlantik“. Alles dort ist schmutzig, braun und verrostet. Nachdem die Wirtschaft kollabierte, blieb den Bewohnern nur noch eins zu essen übrig: Sardinen, nichts als Sardinen. Eine solche Diät bedingt selbstverständlich ein eher mürrisches Naturell, sehr zum Unglück des Erfinder-Tausendsassas Flint Lockwood. Der Vater in seinem Fischereiladen bleibt angesichts der eher speziellen Kreationen seines Sohnes (nicht ausziehbare Sprühdosenschuhe, Ratten-Vögel-Mischlinge und ein fliegendes Auto ohne Flügel) zwar äußerst skeptisch, doch dann erschafft Flint eine Maschine, die schlechtes Wetter in Essen umwandeln kann, und alles wird anders. Auf Wunsch lässt er jeden Gaumenschmaus regnen, den sich die Bürger wünschen, und erwartungsgemäß kennt das Wünschen keine Grenzen. Die Folge: lebensgefährliche Essens-Tornados und der drohende Untergang des Inselchens.

Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Weit weg von den Gesetzen der Schwerkraft

Die Story ist perfekt für die Zielsetzungen eines Animationsfilms zeitgenössischer Bauart, der in einer Melange aus Gags, Geistreichem und Nie-Gesehenem die ganze Familie zu unterhalten versucht. Ob man sich an der bissigen Satire über die zügellose Raffgier der Modellgesellschaft Insel erfreut, Flints Tollpatschigkeiten belächelt oder mit ihm im fliegenden Auto 2.0 (mit Flügeln!) in das Horrorschlaraffenland eines gigantischen Lebensmittelsgewitters abhebt: Alles hier hat Witz, ist abgefahren und klar zugleich.

Auch optisch grenzt sich Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen selbstbewusst vom Pixar-Status-quo ab. Die Action ist haarsträubend und unendlich weit weg von den Gesetzen der Schwerkraft. Die Animationen sind simpel, mit starkem Hang zu Karikatur. Das Disney’sche Dogma der Illusion of Life legen Miller und Lord wesentlich freier aus als Pixar mit seinen sanften Überzeichnungen. Der hyperaktive Inselpolizist Earl bewegt sich nur saltospringend durch die Gegend, Flints Vater ist eigentlich eine einzige, zweiflerische Augenbraue, und der unersättliche Bürgermeister wird irgendwann unfassbar fett. Was die Figuren durch solche Hyperstilisierung an Komplexität einbüßen, gewinnen sie an charakterlicher Schärfe.

Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Optische Zitate gibt es zuhauf, doch verweisen sie interessanterweise weniger auf heutige Produktionen als auf die 1990er Jahre. Ein weiterer Schritt hin zur neuen Coolness der Nineties? Die bedrohliche Fleischwolke samt kreisförmiger Sturmöffnung erinnert stark an die fliegenden Untertassen in Independence Day (1996), und dass Flint die verrückt gewordene Maschine mit einer Computervirus lahmlegen will, passt dabei nur allzu gut ins Bild. Flints Romanze mit der ambitionierten Wetterfee Sam offenbart sich als Umkehrung der lange (zu Recht) vergessenen High-School-Romanze Eine wie keine (She’s all that, 1999), komplett mit Metamorphose von angepasster Beautyqueen zu bebrilltem Pferdeschwanzmädel. Die (Re-)Sexualisierung des Nerdtums!

Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Bei aller Freude gibt es aber leider auch einige Einschränkungen. So geht die intensive Nutzung von 3-D hier wieder einmal nach hinten los, Schärfeverlagerungen im illusorischen Raum und das Abschneiden von Figuren im imaginären Vordergrund der Leinwand distanzieren den Zuschauer eher vom Geschehen, als dass sie es zu ihm hin öffneten. Manchmal ist die Action, verstärkt durch die stereoskopischen Effekte, auch dermaßen wild, dass man Timing vermisst, dann springt und fliegt alles durcheinander und der Film wird zu purem Überwältigungskino. So schafft es Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen zwar nicht ganz, zu den Meisterwerken von Pixar aufzuschließen, verringert die Distanz zum Platzhirsch aber dennoch beträchtlich.

Trailer zu „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“


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