Wolf Creek 2

Die Backpacker müssen bluten. Greg McLean denkt seinen Horrorfilm von 2006 als blutigen Rachefeldzug eines australischen Nationalisten weiter. In Deutschland ist Wolf Creek 2 jedoch nur in kastrierter Fassung zu sehen.

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Acht Jahre hat sich Greg McLean Zeit gelassen, um eine Fortsetzung seines erfolgreichen Horrorfilms Wolf Creek zu realisieren. Mit dem mordenden Hinterwäldler Mick Taylor (John Jarratt) hat der australische Regisseur damals einen archetypischen Bösewicht geschaffen, der den Backpackern das Fürchten lehrte. Und das Erste, was sich McLean in Wolf Creek 2 vornimmt, ist, Mitgefühl für seinen Antagonisten zu wecken. Das wirkt zunächst wie eine grobe Missachtung der Regeln des Horrorfilms. Ein Bösewicht ist schließlich dann am furchteinflößendsten, wenn ihm der letzte Funken Menschlichkeit ausgetrieben wurde. Erst wenn er keiner mehr von uns ist, wenn sich seine Taten moralisch nicht mehr nachvollziehen lassen, kann sich die Bedrohung ganz entfalten. Man denke nur an Figuren aus der Blütezeit des amerikanischen Horrorkinos in den 1970er und 80er Jahren, an Michael Myers und Jason, die ihr menschliches Antlitz hinter einer Maske verstecken, oder Freddy Krueger, der durch Brandverletzungen zum Monster mutiert ist. Aus dem immer etwas dümmlich dreinblickenden Gesicht von Mick Taylor hat dagegen schon Wolf Creek kein Geheimnis gemacht. Natürlich war das auch Teil des Konzepts. Die Fassade des scheinbar harmlosen und hilfsbereiten Taylor sollte auf eine falsche Fährte führen. Wer traut einem kumpelhaften Outback-Bewohner schon zu, ein sadistischer Serienmörder zu sein?

Wie aus dem Bilderbuch der Lonely-Planet-Community

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Und auf dessen Seite schlagen wir uns also – zumindest für einen Augenblick. Dann nämlich, wenn der Mann mit dem Cowboyhut und den buschigen Koteletten ein Opfer von Polizeiwillkür wird. Genüsslich kosten die Männer in Uniform ihre begrenzte Macht aus und führen das vermeintlich unbedarfte Landei auf grausame Weise vor. Die blut- und benzintriefende Racheaktion wirkt da fast wie eine gerechte Strafe. Auch wenn man im weiteren Verlauf der Handlung weniger mit dem Täter als mit den Geschädigten mitfiebert, bleibt Taylor doch der Held von Wolf Creek 2. Er hat nicht nur den meisten Text im Drehbuch, sondern auch eine politische Agenda. Ungezogene Touristen stehen auf seiner Abschussliste, ach was, eigentlich jeder Fremde, der in sein Land eindringt, ohne es jemals verstehen zu können. Den Zorn des reaktionären und patriotischen Widerlings bekommt zunächst ein nicht minder grob gezeichnetes deutsches Backpacker-Pärchen zu spüren. Die beiden wirken wie aus dem Bilderbuch der Lonely-Planet-Community: Abenteuerlustig, immer auf der Suche nach Kontakt zu Einheimischen und auf eine selbstgefällige Art und Weise aufgeschlossen. Teilt jemand ihren Lebensentwurf nicht und weigert sich etwa, sie als Anhalter mitzunehmen, zeigen sie sich schon nicht mehr von ihrer Schokoladenseite.

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Wolf Creek 2 beweist, wie viel Potenzial in einem Sequel steckt. Während sein Vorgänger noch sehr klassisch inszeniert war – mit einer langen Exposition, die sich den Urlaubern widmet, und einem zwischen Slasher-Film und Torture Porn pendelndem Crescendo –, versucht die Fortsetzung die Geschichte nicht zu wiederholen, sondern auf interessante Weise weiterzudenken. Das soll nicht heißen, McLean hätte einen rundum gelungenen Film gedreht. Bisweilen ist Wolf Creek 2 gar recht simpel gestrickt, besteht zu etwa zwei Dritteln aus Verfolgungsjagden, bei denen Taylor seinen Opfern mal zu Fuß, mal zu Pferde und mal mit dem Auto ans Leder will. Spannend ist jedoch, wie australische Klischees, popkulturelle Referenzen und die Geschichte des Landes in den Film mit einfließen – alles deutlich mit einem ironischen Augenzwinkern markiert. Einmal macht sich Taylor mit einem gigantischen LKW auf Touristenjagd und fährt dabei eine Horde über die Straße hoppelnder Kängurus zu Brei. Eine schönere Anti-Tourismuswerbung kann man sich für Australien kaum vorstellen.

Eine alte Rechnung wird beglichen

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Das Fundament des Backwood-Horrors war schon immer der unüberbrückbare Gegensatz zwischen einfältigen, aber kaltblütigen Landbewohnern und arroganten Schnöseln aus der Stadt, der Ausbruch der Gewalt letztlich nur eine Reaktion auf die Verachtung. McLean verleiht diesem bewährten Sujet eine weitere Komponente, indem er den Konflikt zu einem historischen Kampf der Kulturen zuspitzt. Es ist kein Zufall, dass Taylor die meiste Zeit dem Engländer Paul (Ryan Corr) nachstellt, der aus dem Land der ehemaligen Kolonialherren stammt. Mit ihm soll eine Rechnung beglichen werden, die schon sein Jahrhunderten offen ist. Absurder Höhepunkt dieses Rachefeldzugs ist eine perverse Variation von Wer wird Millionär? Für jede Frage über Australien, die der Tourist nicht beantworten kann, wird ihm ein Finger abgesägt.

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Zumindest theoretisch. In der deutschen Kinofassung ist davon nicht viel geblieben. Über drei Minuten wurden aus der Originalfassung, die letztes Jahr in Venedig ihre Premiere feierte und auch auf dem Fantasy Filmfest noch unangetastet zu sehen war, herausgeschnitten. Auf eine Anfrage, warum der Film gekürzt wurde, hat sich der Verleih KSM nicht geäußert. Wollte man mit einer Freigabe ab 16 vielleicht ein größeres Publikum erreichen? Oder ist doch mal wieder die FSK schuld, deren Prüfer bekanntlich zu Fehlentscheidungen neigen und offensichtlich schon das Horrorgenre an sich für eine moralische Verfehlung halten? Für den Zuschauer macht das ohnehin keinen Unterschied. Er muss sich nur überlegen, wo und wie er sich Wolf Creek 2 ansieht. Das Kino scheint hierzulande zumindest nicht der geeignete Ort dafür zu sein.

Nachtrag: Die gekürzte Fassung wurde später auf FSK 18 hochgestuft. Auf DVD soll außerdem zusätzlich eine noch weiter gekürzte Fassung ab 16 erscheinen.

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Kommentare


Tim

Als großer Fan des Horrorgenres finde ich die Feststellung, die FSK halte "das Horrorgenre für eine moralische Verfehlung" einigermaßen platt und ermüdend. Das ist eine Jugendschutzinstitution und keine, die Geschmacksurteile für Erwachsene fällt. Und es gibt Filme, um deren Vollständigkeit es wesentlich schader (gibt es das Wort?) ist als um den m.E. reichlich misslungenen "Wolf Creek 2".
Die spannende Volte für mich liegt höchstens darin, dass ein Landbewohner (und das mag im amerikanischen Backwood ganz ähnlich sein, nur hier finde ich es wesentlich auffälliger) sich eine australische Ursprünglichkeit ans Revers heftet, die ja gar nicht die seine ist (von der Problematik des Konzepts "Ursprünglichkeit" mal ganz abgesehen). Die Geschichte seines Landes beginnt für Taylor mit der Kolonialisierung. Und nur wer für die Natur und die Spezifika seiner Umgebung in Wahrheit so gar nichts übrig hat, kann lustvoll Känguruhs über den Haufen fahren.


Michael

Sicher, über die Qualität von "Wolf Creek 2" lässt sich wie über jeden anderen Film streiten. Ich denke aber, man kann die FSK gar nicht oft genug dafür kritisieren, dass sie immer noch massenweise Horrorfilme indiziert und kürzt, die in anderen, auch benachbarten Ländern ungeschnitten zu sehen sind. Das finde ich nicht nur vermessen gegenüber einem erwachsenen Publikum, sondern auch völlig verworren, wenn man sich mal ansieht, welche Filme indiziert werden und welche dagegen eine Freigabe bekommen. Und ich denke sehr wohl, dass das etwas damit zu tun hat, dass man bei der FSK ein Problem mit dem Horrorgenre an sich hat. Minderjährige Zauberer und unser aller Till scheinen da bei weitem besser im Kurs zu stehen.


Tim

Klar, über unterschiedliche Einstufungen ließe sich trefflich streiten. Die FSK indiziert allerdings selbst nicht, sondern kann höchstens durch ihre Einschätzungen den Weg dazu bereiten. Eine Einstufung ab 16 wäre sicherlich ein massives Argument gegen Kürzungen und beantragte Indizierungen. In einigen Ländern ist das ja auch die höchste Altersfreigabe, wenn ich mich recht entsinne. Für die vertrackte Rechtslage in D allerdings die FSK (allein) verantwortlich zu machen, halte ich für schwierig. In den USA ist der Jugendschutz genauso so streng geregelt (auch wenn dort freilich andere Kriterien angelegt werden), dafür gibt es keine Verbotsparagraphen.


Michael

Man kann das aus Sicht der Verleiher natürlich nachvollziehbar finden, aber ich denke, dass es schon ziemlich bitter (wenn auch keine Seltenheit) ist, wenn ein Film gekürzt wird, um eine niedrigere Altersfreigabe zu bekommen und damit ein größeres Publikum erreicht werden kann. Okay wäre es ja, beide Fassungen anzubieten, was früher auch im Fernsehen öfters gemacht wurde. Mit "Wolf Creek 2" verhält es sich allerdings anders: Der ist ab 18 freigegeben und wurde trotzdem um mehrere Minuten gekürzt. Und ich will da auch nicht allein die FSK dafür verantwortlich machen, aber obwohl da sehr viele Leute tätig sind, bekommt man, wenn man sich die Fehleinschätzungen (ob nach oben oder nach unten) ansieht, schon das Gefühl, dass die mit bestimmten Bereichen des Kinos einfach nichts anfangen können.






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