Wo die wilden Kerle wohnen

In der Kinderbuch-Verfilmung Wo die wilden Kerle wohnen zelebriert Spike Jonze kindlichen Aktionismus und bleibt seinem Stil treu.

Wo die wilden Kerle wohnen

Spike Jonze (Being John Malkovich, 1999) stellt gleich zu Beginn von Wo die wilden Kerle wohnen (Where the Wild Things are) klar, dass er keinen herkömmlichen Kinderfilm im Sinn hat. Das, was ihn an seinem Protagonisten Max (Max Records) vor allem interessiert, ist vielmehr das Kindern immanente anarchistische Potential, eine Art naturgegebener Punk-Attitüde. Das erste Anzeichen dafür ist das von Max mit einem Graffiti voll gekritzelte Warner-Brothers-Logo. In den ersten Minuten des Films stellt sich dann die Erkenntnis ein, dass es sich bei Max mitnichten um ein niedliches, unbedarftes Kind handelt, sondern um einen von unbändigem Tatendrang getriebenen Jungen mit einer ausgeprägten Lust an der Zerstörung.

Wo die wilden Kerle wohnen

Die Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Maurice Sendak erzählt nicht nur von einem Kind, sondern lässt den gesamten Film von dessen Wahrnehmung und Fantasie bestimmen. In der Eröffnungsszene folgt eine wackelnde Handkamera Max, wie er mit infernalischem Gebrüll durchs Haus wütet. Durch die unmittelbare Nähe der Kamera zu dem Jungen, bekommt der Zuschauer kindlichen Spieltrieb auf eine geradezu rohe und aggressive Weise vermittelt. Max wirkt wie ein ungebändigtes Raubtier, eine Darstellung, die man sonst eher von pubertierenden Jugendlichen erwartet hätte.

Wo die wilden Kerle wohnen

Mitunter haftet Spike Jonze noch immer das Label eines auf Hipness bedachten Videoclip-Regisseurs an. Dabei kann man sich gleich zu Beginn von Wo die wilden Kerle wohnen davon überzeugen, wie es ihm in kürzester Zeit gelingt, die komplexe Gefühlswelt eines kleinen Jungen einzufangen. Hat man Max eben noch toben gesehen, versteckt er sich im nächsten Augenblick weinend im Bett, weil die Freunde der Schwester sein Iglu zerstört haben, und offenbart eine ganz andere, einsame und verletzliche Facette seines Charakters. Dass dieser rasende Wechsel verschiedener Gefühlszustände plausibel erscheint, ist auch dem Hauptdarsteller Max Records zu verdanken. Jenseits der typischen Manierismen amerikanischer Kinderdarsteller und im Besitz eines breit gefächerten Ausdrucksrepertoires strahlt er eine bei so jungen Darstellern seltene Natürlichkeit aus.

Wo die wilden Kerle wohnen

In ebenso wenigen Momenten, wie Wo die wilden Kerle wohnen präzise das Wesen des Jungen inszeniert, setzt er ihn auch in einen familiären Kontext. Ein fast beiläufiger Blick auf einen Pokal verweist auf den abwesenden Vater, ohne dass dessen Verbleib näher geklärt würde. Zur Mutter pflegt Max dagegen ein zärtliches, fast erotisches Verhältnis. So ist auch der Besuch ihres neuen Freundes Auslöser dafür, dass Max wieder in die Rolle des wilden Tieres schlüpft und schließlich von zu Hause wegläuft. Von einem Augenblick zum nächsten verlassen wir den verschneiten Vorort und begeben uns auf die Reise zu einer entlegenen Insel, die ganz Max’ Fantasie entsprungen ist. Dort hausen unförmige Fellmonster – in der Originalfassung unter anderem von James Gandolfini und Forest Whitaker gesprochen – die als Repräsentanten verschiedener menschlicher Eigenschaften auftreten.

Wo die wilden Kerle wohnen

Zunächst macht Jonze da weiter, wo er aufgehört hat und widmet sich ungezügeltem Aktionismus statt einer tieferen Handlungsebene. Von den überwiegend liebenswürdigen wilden Kerlen zum König ernannt, nutzt Max mit seinen neuen Freunden die Insel als einzigen Abenteuerspielplatz. Noch bevor diese konfliktfreie Welt langweilig wird, treten auch vermehrt Spannungen in der Gruppe auf. Auf eine Küchenpsychologie, nach der das Leben bei den Monstern symbolisch für die wirkliche Welt steht, lässt sich die Handlung aber nicht reduzieren. So ist es auch keine konkrete, sozialpädagogische Botschaft, die Max zur Rückkehr bewegt, sondern die Einsicht, dass zwischen-„menschliche“ Beziehungen nun einmal kompliziert sind.

Wo die wilden Kerle wohnen

Jüngere Kinder könnten mit dieser teilweise sperrigen und düsteren Version eines Kinderfilms Schwierigkeiten haben. Der Film verfügt zudem über eine Indie-Credibility, die sich vor allem an Erwachsene richten dürfte. Da wäre etwa die krakelige Kinderschrift aus dem Vorspann, der von Karen O., Sängerin der Yeah Yeah Yeahs, mit einem quäkenden Kinderchor eingespielte Soundtrack und der bewusste Verzicht auf durchweg digital animierte Monster zugunsten von Menschen in Kostümen. Wer sich letztlich Wo die wilden Kerle wohnen ansieht, wird sich zeigen. Wie Spike Jonze aber ein Kinderbuch für die große Leinwand adaptiert, ohne den eigenen Stil zu verwässern oder Zugeständnisse an das Genre zu machen, ist in jedem Fall sehenswert.

Trailer zu „Wo die wilden Kerle wohnen“


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