Wir sind was wir sind

Regisseur Jorge Michel Grau zeigt mit der Geschichte über eine Kannibalenfamilie in Mexico City, wie klein der Schritt vom Sozialdrama zum Horrorfilm ist.

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„Wir sind Monster“, erklärt Patricia (Carmen Beato) ihrem Sohn Julián (Alan Chávez) auf der Fahrt durch das nächtliche Mexiko City. Auf dem Straßenstrich lädt Patricia die in einen Sack geschnürte, erschlagene Prostituierte aus dem Auto und ruft den Huren zu: „Das passiert, wenn ihr euch an unsere Männer ranmacht.“ Patrizia, ihre beiden Söhne Alfredo und Julián sowie Tochter Sabina sind Kannibalen und kämpfen seit dem plötzlichen Tod des Familienoberhauptes ums Überleben. Wie im Vampirfilm So finster die Nacht (Låt den rätte komma in, 2008) wird die Geschichte aus der Perspektive der allzu menschlichen Monster erzählt.

In seinem ersten Spielfilm Wir sind was wir sind (Somos le que hay) benutzt Jorge Michel Grau Kannibalismus als Allegorie für urbane Gewalt und soziale Verwahrlosung in Mexiko. Als der Vater in der ersten Szene des Films wie ein Zombie durch ein Einkaufszentrum wankt, bevor er, eine schwarze Flüssigkeit erbrechend, vor einem Schaufenster zusammenbricht, sind die Reinigungskräfte sofort zur Stelle, um alle Spuren dieses Zwischenfalls zu beseitigen. Aber da hilft keine Putzkolonne, in Horrorfilmen kehrt bekanntlich zurück, wovor die auf eine saubere Oberfläche bedachte bürgerliche Gesellschaft gerne die Augen verschließt. Das Verdrängte treibt in Gestalt von Zombies, Untoten und Monstern sein Unwesen.

Wir sind was wir sind ist jedoch erst einmal näher an den Filmen von Michael Haneke als an Romeros Zombiefilmen. Wie bei Haneke üblich, wird auch in Graus Film die Familie, als Keimzelle der Gesellschaft, zum Ort der Gewalt, und es sind, wie nicht selten im Horrorfilm, Jugendliche, die dabei im Fokus stehen. Nach dem Tod des Vaters zieht sich die Mutter frustriert zurück, während Tochter Sabina (Paulina Gaitán) den viel zu sensiblen Alfredo (Francisco Barreiro) drängt, die Rolle des Familienoberhauptes zu übernehmen. Um das Überleben der Familie zu sichern, soll Alfredo einen Menschen töten, der in einem Ritual geopfert werden muss. Moralische Überlegungen spielen dabei keine Rolle, aber die Menschenjagd erweist sich als schwierig, wobei Prostituierte und Schwule leichte Opfer sind, die zugleich tief verabscheut werden.

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Mit dem insistierenden Blick einer fast statischen Kamera porträtiert Grau Angst, Trauer, Wut, Liebe und Misstrauen der Familiemitglieder. Mit kurzen Brennweiten und zahlreichen Nahaufnahmen konzentriert er sich ganz auf die Gesichter, wobei die nüchterne Erzählweise und der sparsame Einsatz von Musik den Film davor bewahren, allzu melodramatisch zu werden. Beklemmend ist in erster Linie die Schilderung der sozialen Isolation der Familie. Weil die Söhne die Miete für den Marktstand nicht zahlen können, werden sie vom einzigen Ort vertrieben, an dem so etwas wie Lebendigkeit herrscht, und gleichzeitig vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Ein schäbiges Bad, ein ärmliches Schlafzimmer, Vorhänge, die kein Tageslicht hereinlassen, eine verwahrloste Werkstatt, vollgestopft mit Uhren, deren Ticken die Stille im Haus noch unerträglicher macht. In seiner fast klaustrophobischen Atmosphäre von Einsamkeit erinnert der Film an Hanekes Der siebente Kontinent (1989). Die Außenwelt, Mexico City, scheint aber ebenso unbewohnbar: Autobahnbrücken, unter denen obdachlose Kinder hausen, menschenleere Straßen, der Straßenstrich. Die in kaltes Licht getauchten Schauplätze lassen die Kannibalengeschichte erschreckend real wirken.

Gewaltszenen verbannt Grau zunächst ins Off, und lange bleibt der Zuschauer distanzierter Beobachter, bevor Wir sind was wir sind am Ende zum waschechten Splatterfilm mutiert, der mit seinen schockierenden Bildern auf eine direkte körperliche Reaktion des Publikums zielt. Genretypisch sind es die Frauen, die dann Hand oder vielmehr die Fleischerhaken anlegen, denn befreit von ihren traditionellen Rollen, zeigen sich Mutter und Tochter handlungs- und überlebensfähiger als die Söhne.

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Als gesellschaftliches Tabu hat der Kannibalismus in Mexiko seine Wurzeln in der Tradition aztekischer Rituale, bei denen Menschenopfer dazu dienten, gesellschaftliche Machtstrukturen zu stärken. 1950 hat Octavio Paz in dem berühmten Kulturessay „Das Labyrinth der Einsamkeit“ den Hang der Mexikaner zum Rituellen, zur Opferung und zum Fatalismus beschrieben. Auch wenn das Gemetzel am Ende etwas zu deutlich der Ikonografie des Splatterfilms verfällt, Wir sind was wir sind  ist ein eindringliches filmisches Porträt der mexikanischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, des bröckelnden Machismo, der Ausgrenzung (sexueller) Randgruppen und der aufstrebenden Macht der Frauen.

Indem er Gewalt in Fleisch und Blut auf der großen Leinwand zum Leben erweckt hat, verrät Jorge Michel Grau, half der Film ihm, von der obsessiven Beschäftigung mit dem Thema loszukommen. Alan Chávez, der Darsteller von Julián, wurde dagegen 2010 bei einer Schießerei mit der Polizei getötet.

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