Wir sind alle erwachsen

Coming of Age, mal anders. Ein Film, der zwischen französischer Leichtigkeit und skandinavischer Schwermut oszilliert, aber nie das wird, was er eigentlich sein will: ein Autorenfilm.

Wir sind alle erwachsen

Vilhelm Hammershøi, ein dänischer Maler des 19. Jahrhunderts, ist bekannt für seine stillen, puristischen Darstellungen von Interieurs und skandinavischen Landschaften. In fast obsessiver Manier malte er leere, in bleiches Licht und pastellene Farben getauchte Innenräume, in denen Figuren mit dem Rücken zum Betrachter positioniert sind. Es sind kontemplative Gemälde, auf denen eine drückende, melancholische Schwere lastet.

Für ihr Regiedebüt Wir sind alle erwachsen (Les grandes personnes) hat sich Anna Novion von den Motiven, Lichtstimmungen und Farben Hammershøis inspirieren lassen. Schon eine der ersten Einstellungen zeigt in einer langen Detailaufnahme den schmalen Nacken der zierlichen Jeanne (Anaïs Demoustier). Auch ihren Vater, den alleinerziehenden Albert (Jean-Pierre Darroussin), sehen wir immer wieder in Rückenansichten, seine starre, leicht gekrümmte Haltung und seinen schwankenden Gang. Ohne Worte wird der knöcherne Charakter dieses bärbeißigen Bibliothekars beschrieben, der „seinen Beruf liebt“ und seine Tochter dominiert, der Spießer und sanfter Träumer zugleich ist.

Wir sind alle erwachsen

Albert hat ein Projekt: Er möchte mit seiner 17-jährigen Tochter auf einer kleinen schwedischen Insel Urlaub machen, um den Schatz eines legendären Wikingers ausfindig zu machen. Durch einen Fehler der zerstreuten Vermieterin des Ferienhauses sind Albert und Jeanne schließlich gezwungen, mit der Besitzerin Annika (Lia Boysen) und deren französischer Freundin Christine (Judith Henry) die Ferien im selben Haus zu verbringen. Die Enge der Insel wird zum Ausgangspunkt einer Konfrontation der vermeintlich erwachsenen Menschen mit ihren verdrängten Sehnsüchten und Illusionen.

Anna Novion sieht sich selbst in der Tradition des französischen Autorenfilms eines Jacques Rozier (Du côté d’Orouët, 1973), eines leichten, aber kunstvollen Kinos, das in einem losen Szenengeflecht von spontanen, rohen Alltagsbeobachtungen Raum für die Wahrnehmung der Zwischentöne und Nuancen, des Unausgesprochenen zwischen seinen Charakteren lässt. Tatsächlich aber erreicht Wir sind alle erwachsen weder die beiläufige, offenporige Erzählform seines französischen Vorbilds, noch die Schlichtheit, das Gewicht und die Konzentration des Blicks, der die Gemälde von Vilhelm Hammershøi auszeichnet.

Wir sind alle erwachsen

Wenn sich zu Beginn des Films alle vier Protagonisten zufällig in der Küche des Ferienhauses treffen, dann hat man den Eindruck, in eine Drehpause geraten zu sein. Die Figuren stehen ganz unbeteiligt und starr nebeneinander, ohne dass die leiseste Spannung zwischen ihnen spürbar wird. Novion verzichtet bewusst auf eine Schuss-Gegenschuss-Auflösung über Großaufnahmen, um der Szene in langen tableauhaften Totalen eine gewisse Dauer und Vieldeutigkeit zu verleihen. Ein Kunstgriff, der dem Film aber zum Verhängnis wird. Da keinerlei körperliche Interaktion zwischen den Akteuren stattfindet, geschweige denn auch nur zarte Energieströme zu vernehmen wären, wirkt die Situation, wie viele andere, in ihrer bühnenhaft-statischen Inszenierung behauptet und spannungslos.

Der unbewegte, stille Charakter der Komposition mag, ganz im Geiste Hammershøis, Stilisierungswillen sein. Es beschleicht einen aber der Eindruck, dass Novion im Gestus eines Auteurs inszeniert, ohne ihr inszenatorisches Handwerk, also die Schauspielführung, wirklich zu beherrschen. Seinen Tiefpunkt erreicht der Film, als sich Jeanne – schon fast penetrant klischeehaft – in den blonden schwedischen Jüngling Johan (Björn Gustafsson) verliebt und fortan stets mit silbrig glänzenden Augen Richtung Kamera träumt. Ihr so scheinbar unergründlich tiefer Blick wirkt schlicht aufgesetzt. Der vermeintliche französische Autorenfilm mit einem Hauch skandinavisch inspirierter Schwere verlässt seine Haut, ignoriert seine bisherige distanzierte Beobachtung durch Rückenansichten und wird unversehens für ein paar Augenblicke zu einer einspurigen Teenie-Komödie.

Wir sind alle erwachsen

Der Kritiker Béla Bálazs beschreibt in seinem Buch „Der sichtbare Mensch“ von 1924, was passiert, wenn der filmische Blick den Rücken einer Figur fokussiert. Dies sei der Moment, in dem das Kino „anfängt“, da der Zuschauer selbst beginnt, zu projizieren, seine Vorstellungskraft zu aktivieren, sich innerlich mit der Figur zu bewegen.

In Wir sind alle erwachsen gibt es einen einzigen solchen Moment. Da folgt die Kamera dem verschlossenen, knorrigen Albert in seiner inneren Getriebenheit, seiner Flucht vor sich selbst, auf der absurden Suche nach dem Wikingerschatz. Am Geburtstag seiner Tochter bricht er allein mit einem Kajak auf, zu einer abgelegenen Insel. Eine Panoramaaufnahme zeigt, wie Albert mit seinem Metalldetektor über die schroffen Felsformationen spaziert. Ein Landschaftsbild, das zugleich ein inneres Bild von Albert sein könnte, ein Wunschbild, das den biederen Bibliothekar als romantischen Abenteurer zeigt. Dann aber taucht im Hintergrund ein Objekt im Meer auf, es ist sein Kajak, das davon treibt. Kein Schnitt. Keine Großaufnahme seines entsetzten Gesichts. Seine Stimme ertönt, leise und resignierend. „Das ist nicht wahr.“ Er verlässt das Bild. Wenn Alberts Fassade langsam abblättert, dann bleibt der Blick auf Distanz, ohne in seine Psyche einzudringen. Für ein paar Sekunden ist Wir sind alle erwachsen ein Film ganz im Geiste von Vilhelm Hammershøi.

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Kommentare


Martin Z.

Netter Urlaubsspaß ohne Tiefgang. Ja alle Personen sind wohl mehr oder weniger erwachsen, egal ob jung oder alt. Und es geht nur um das eine. Manche zaghaften Versuche enden ohne Erfolg, andere finden eine kurze Erfüllung. Und von alledem bleiben die Akteure ebenso unbeeindruckt wie die Zuschauer. Zwischen all den schönen Frauen bewegt sich Vater Albert (J.P. Darroussin) als kauziger Schrulli. Er soll wohl die einzige, komische Figur sein - quasi als männlicher, eigentlich unattraktiver Gegenpol. Aber auch er bringt kaum Lacher, eher kann er von Mitleid oder Achselzucken begleitet werden. Vielleicht könnte der Titel ja ironisch gemeint sein. Aber auch das stimmt eigentlich nicht. Außerdem ist der Film schwer einzuordnen: er ist weder tragisch noch wirklich komisch Und Lust auf Urlaub in Schweden macht der Film auch nicht, dann doch lieber Sommer vorm Balkon.






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