Winterreise

Nachdem der finanziell angeschlagene Eisenwarenhändler Franz Brenninger von einem Geschäftsmann aus Kenia um sein letztes Geld gebracht wird, verschlechtert sich sein psychischer Zustand dramatisch.

Winterreise

In den frühen Filmen von Herbert Achternbusch zählte Josef Bierbichler zu den wenigen Darstellern mit einer professionellen Schauspielausbildung. Vielleicht lag es an Achternbuschs stark stilisierter Inszenierung, dass Bierbichlers Spiel trotzdem irgendwie spröde und unzugänglich wirkte und eigentlich nichts mit der gebräuchlichen Einfühlung in eine Rolle zu tun hatte, sondern eher mit einer Verfremdung im Brechtschen Sinne. Statt mit der darzustellenden Figur zu verschmelzen, blieb auch immer die Person Josef Bierbichler präsent und ihr Hadern mit der Figur für den Zuschauer spürbar. Diese Eigenheit konnte er selbst in seichteren Produktionen behalten und bewahrte ihn bisher auch davor, wie andere große bayerische Schauspieler vom volkstümlichen Theater oder Fernsehen vereinnahmt zu werden.

Mit dem Regisseur Hans Steinbichler arbeitete Bierbichler bereits in dessen modernem Heimatfilm Hierankl (2003) zusammen, bevor dieser ihm nun mit Winterreise eine Hauptrolle ganz auf den Leib schneiderte. Wie Hierankl handelt auch Winterreise von den Abgründen einer bayerischen Familie, allerdings wird hier nicht nach und nach ein Geheimnis gelüftet, sondern alle wesentlichen Informationen bekommt man schon in den ersten Filmminuten geliefert. Bierbichlers ganz auf den Effekt kalkulierter Eröffnungsauftritt als Wasserburger Eisenwarenhändler Franz Brenninger zeigt einen grantelnden Choleriker, der alles niederschreit, was ihm in die Quere kommt. Bald darauf erfahren wir, dass er mit seiner Launenhaftigkeit schon die eigenen Kinder verprellt hat und nur noch die vor sich hin kränkelnde Ehefrau Mucki an seiner Seite bleibt. Als seine finanziellen Probleme immer größer werden und er auch noch von einem kenianischen Geschäftsmann über den Tisch gezogen wird, geht es gesundheitlich mit ihm bergab.

Winterreise

Den Filmtitel hat Steinbichler Franz Schuberts gleichnamigem Liedzyklus entnommen, der von der Verlorenheit und Einsamkeit des Menschen bis an die Grenzen zum Wahnsinn erzählt. Gefühlszustände, die auch die Figur des Franz Brenninger verkörpern soll. Zwar ist davon zunächst nicht viel zu sehen, aber schon bald demonstriert Steinbichler auf plakative Weise den geistigen Verfall seines Protagonisten. So sieht man Brenninger etwa, wie er mitten in der Nacht mit Kopfhörern in seinem Haus sitzt und in ohrenbetäubender Lautstärke melancholischen Indie-Rock hört. Wenn er dazu noch wild gestikulierend vor sich hin schreit, fühlt man sich unweigerlich an eine eigentlich überholte Art, psychische Krankheit zu ästhetisieren, wie man sie aus Filmen wie Shine – Der Weg ans Licht (Shine, 1996) oder A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn (A Beautiful Mind, 2001) kennt, erinnert.

Gerade Bierbichler, der stereotypen Filmfiguren in der Vergangenheit überraschend interessante Aspekte abgewinnen konnte, scheitert an der Darstellung dieser eindimensionalen Figur. Weder für diesen Protagonisten, noch für die Geschichte hat der Regisseur so etwas wie ein Konzept. Stattdessen verliert er sich in der Faszination für den lautstark vor sich hin wütenden Bierbichler und ist zu sehr darauf bedacht, ganz große Schauspielkunst festzuhalten. Dabei werden völlig unterforderte Nebendarstellerinnen wie Hanna Schygulla und Sibel Kekilli zu bloßen Stichwortgeberinnen des omnipräsenten Hauptdarstellers.

Winterreise

Der Ortswechsel nach Afrika wird bedeutungsschwanger als kathartische Reise in die Tiefen von Brenningers Seele dargestellt, jedoch hat der neue Handlungsort auch etwas Gutes. Durch die ungewohnte Umgebung bekommt Bierbichler für wenige Augenblicke jene produktive Unsicherheit zurück, die man an seiner idealisierten One-Man-Show in Wasserburg vermisste. Lichtblicke wie diese drängt Steinbichler allerdings schnell wieder mit einem pseudopoetischen und spirituell angehauchten Finale in den Hintergrund.

Als Bonus zum Film darf Bierbichler noch mit seinem unbeholfen wirkenden Falsettgesang, mit dem er vor einigen Jahren schon den Stücken Hanns Eislers neues Leben einhauchte, einige Lieder aus Schuberts Winterreise zum Besten geben. Dass dies nicht nur auf dem Soundtrack zu hören ist, sondern auch von der Filmfigur Brenninger im Rahmen einer tränenseeligen Spontanperformance in der Hotellobby dargeboten wird, wirkt dann doch etwas zu bemüht. Und wenn Hanna Schygulla eine weitere Version vertonen darf, die sich der depressive Brenninger in Afrika zukommen lässt, schließt sich der Kreis, und die Reverenz zu Schubert wird endgültig zur bildungsbürgerlichen Spielerei.

 

Kommentare


Dieter Matzka

Wer ein bisschen was von Film versteht wird feststellen, dass der Film Winterreise ein völlig misslungener Film ist. Wer immer daran Schuld hat, das ursprüngliche Drehbuch machte Plot und Parabel nachvollziehbar. Wahrscheinlich war zu wenig Kapital vorhanden, dieses geförderte Drehbuch zu realisieren. Deshalb wurde Winterreise auf eine völlig überzogene Bierbichler Selbstdarstellung reduziert. Fast alle Kritiken berufen sich auf den "grandiosen" Bierbichler, weil er in dem gesamten Nichts der einzige ist, der von Regie nicht kontrolliert zu einem Schmierendarsteller reduziert wird. Das hat er nicht verdient. Und weder Hanna Schygulla noch Sibel Kekilli haben es verdient zu Statisten degradiert zu werden.
Das was aber wirklich ärgerlich ist, und dazu muss man Afrika kennen und lieben, dass Winterreise wohl durch Regiedillentantismus zu einem rassistischen Film geworden ist.
Es kann nicht angehen, dass "Brenninger" (Bierbichler) dumpfbackig mehrmals die Afrikaner als Nigger beschimpft, ohne dass dieser pauschal geführten Beschimpfung eine notwendige faire und positive Gegenargumentation im Afrikateil inszeniert wurde. Steinbichler brachte die üblichen negativen Afrikabilder auf die Leinwand. Eigentlich fehlen ihm 10 Jahre Erfahrung als Regieassistent. Vielleicht sollte er sie nach diesem Film nachholen.


Tim Thaler

Wenn ich dieses Konsensgedösel wie meinem Vorredner schon höre...


Rene Zapf

Nun ja, es gibt zuweilen Zeitgenossen, die selbst das schönste Winterwetter zum kotzen finden...

So bleibt eben auch Gerede nur Gerede.


Lukas Weber

Ich habe den Film schon oft gesehen und schon oft mit Freunden darüber gsprochen und bis jetzt waren alle sehr beeindruckt sowohl vom Hauptdarsteller Josef Bierbichler als auch von der gelungenen Inszenierung von Hans Steinbichler.


Dieter Niemeier

Der Film ist zuerst einmal die sehr gelungene Charakterstudie eines manisch-depressiven Menschen, treffend und überzeugend gespielt, so wie ich diese Menschen aus dem reellen Leben auch kenne. Das reichte mir schon als Grund, ihn anzusehen und bei Gelegenheit auch anderen Leuten zu empfehlen, die sich für Psychologie interessieren.






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