Willkommen bei den Sch’tis

Im Norden hausen arbeitslose Alkoholiker mit Sprachstörung, die ihre Haustiere grillen. Die Culture-Clash-Komödie um einen strafversetzten Postbeamten mit regionalen Vorurteilen wurde in Frankreich überraschend zum erfolgreichsten einheimischen Film aller Zeiten. Erklär mir mal einer die Franzosen.

Willkommen bei den Sch’tis

Fast jeder dritte Franzose wollte einem südfranzösischen Postamtdirektor und einem nordfranzösischen Briefträger dabei zusehen, wie sie sternhagelvoll die Post austragen, beinah von den Rädern kippen und zur Feier ihrer reichlich begossenen Freundschaft ins Dorfgewässer pinkeln. So einfach gehen in Willkommen bei den Sch’tis (Bienvenue chez les Ch’tis, 2008) Kultur- und Klassenunterschiede zwischen Snob und Hinterwäldler den Bach runter. Obwohl die zweite Regiearbeit des französischen Schauspielers und Komikers Dany Boon (La Maison du bonheur, 2006) vordergründig landesspezifische Vorurteile des Südens gegenüber dem vermeintlich primitiven Norden behandelt, sind die eigentlichen Zutaten des simpel gebackenen Spaßrezeptes universelle: Essen, Trinken, Liebe, Freundschaft und die Angst vor schlechtem Wetter.

Vor allem das Wetter. Weil die Frau von Postamtdirektor Philippe (Kad Merad, Keine Sorge, mir geht’s gut, Je vais bien, ne t’en fais pas, 2006) unter Depressionen leidet und mit ihr die eheliche Stimmung, will er sich ihr zuliebe aus der Provence an die sonnige Riviera versetzen lassen. Da er glaubt, als Behinderter bessere Chancen zu haben, kurvt Philippe zum Bewerbungsgespräch im Rollstuhl an. Als das Täuschungsmanöver auffliegt, wird er zur Strafe für zwei Jahre in das nördliche Kaff Bergues in der Nähe von Lille abgeschoben, wo es angeblich eiskalt ist und permanent regnet. Dort sollen nur rückständige Alkoholiker hausen, die nach ihrem eigentümlichen Dialekt benannten „Sch’tis“, die sich anhören, als würden sie mit gebrochenem Kiefer reden und „Coco Colo“ anstelle von „Coca Cola“ sagen.

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Ehefrau Julie (Zoé Felix) bleibt vorsichtshalber im sicheren Süden, schickt ihren Mann mit einer dicken Daunenjacke auf die Reise in die befürchtete Klimakatastrophe und meint, die Internetvorhersagen über das gar nicht so miese Wetter im Norden seien bestimmt gefälscht – „sonst würde ja nie einer hinfahren“. Philippe fährt trotzdem, und selbstverständlich gewittert es bei seiner nächtlichen Ankunft in Bergues, die der Regisseur als Horrorfilmsequenz inszeniert, in der Briefträger Antoine (Dany Boon) seinem neuen Vorgesetzten betrunken vors Auto taumelt. Was folgt, ist bis auf die gewöhnungsbedürftige Aussprache der Sch’tis aber weniger gruselig als brav. Der Film ist eine Kreuzung aus Aufklärungsunterricht in kulinarischen und linguistischen Spezialitäten, platonischer Romanze unter Postbeamten, die das Kind im Manne ausleben, und weich gezeichnetem Werbespot für Boons Heimatregion Nord-Pas-de-Calais, in der es sogar einen Strand gibt und die Menschen total nett sind.

Den Norden von seinem abschreckenden Image als „Armenhaus Frankreichs“ zu befreien, scheint Boon jedenfalls vorerst gelungen zu sein. Am Drehort rollen die Touristenbusse an, und das Ortsschild von Bergues lassen Fans regelmäßig als Souvenir mitgehen. Währenddessen streiten die

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französischen Medien über das „Sch’tis-Phänomen“, ob der Film rassistisch und nostalgisch verklärt ist oder ob er zur Volksverständigung beiträgt, indem er Klischees auf die lächerliche Spitze treibt und Stereotypen bewusst überzeichnet oder deren sympathischen Gegenentwurf präsentiert und mit Erwartungen bricht. Viel mehr als dieses absehbare, wiederholte Entlarven von Vorurteilen bietet er als Komödie nicht, und das ist auf Dauer so abwechslungsreich und erheiternd wie eineinhalb Stunden Briefmarkenlecken. Zumal das hier propagierte Bild vom gemütlichen Leben in der heimeligen Kleinstadt mit seinen gastfreundlichen, hilfsbereiten Bewohnern natürlich selbst ein Klischee ist.

Boon und seine Co-Autoren Alexandre Charlot und Franck Magnier (Asterix bei den Olympischen Spielen, Astérix aux jeux olympiques, 2008) demonstrieren mit ihren Drehbuch wenig Sinn für Dramaturgie. Philippes Bekehrung zum begeisterten Sch’tis-Jünger vollzieht sich verhältnismäßig plötzlich, dafür wird die anschließende Kuschelphase mit seinem neuen besten Kumpel Antoine und den knuffigen Kollegen in die ereignisarme Breite getreten. Etwas stärkeren komödiantischen Aufwind erhält die Handlung erst, als Julie gegen Ende in Bergues aufkreuzt. Philippe hat ihr am Telefon die ganze Zeit barbarische Gebräuche und mittelalterliche Zustände vorgegaukelt, um an den Wochenenden in der Provence für seinen heldenhaften Opfergang in den feindlichen Norden mit erhöhter weiblicher Aufmerksamkeit entschädigt zu werden. Die eingeweihte Postamttruppe mimt also die saufende, grölende Proletengang, wie Julie sie erwartet, und schießt zu ihrem Entsetzen für den Grillfleischbedarf auf die Hauskatze.

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Als infantiles Buddy-Movie mit zwei stimmig besetzten, sich gut ergänzenden Hauptdarstellern funktioniert Willkommen bei den Sch’tis noch am besten. Den enormen Erfolg von Boons formelhafter Volkskomödie, von der Will Smith bereits das US-Remake planen soll, erklärt das aber kaum. Allerdings war die beliebteste deutsche Komödie seit langem Bully Herbigs Der Schuh des Manitu (2001). Das erklär mal einer den Franzosen.

Kommentare


ahemi

Schade, das ist mal wieder eine typische Kritik um des Kritisierens willen.

In Wahrheit ist der Film eine wunderbare Kommödie, abgedreht, sprühend vor Situationswitz, zum Brüllen komisch. Dabei niemals klamottig und durchaus mit Tiefgang und Herz. Und der Erfolg gibt ihm Recht. Am Ende kommen lauter hellauf begeisterte Menschen aus dem Filmsaal. Wirklich noch NIE so gelacht im Kino. Was will man mehr!


Sven Larisch

Ich habe mich bei dem Film köstlich amüsiert. Hoffentlich ist die Kritikerin nicht all zu sehr in Ihrer Langeweile durch das lachende Publikum gestört worden *smile*, denn das Kino hat bei der von mir besuchten Vorstellung getobt. Ob vorhersehrbar oder nicht- einfach herrlich um sich einen tollen Abend zu machen und die gute Laune mit in den dunkelen Herbst zu nehmen.


regina

die dame, die die kritik geschrieben hat, hat entweder keinen sinn für humor oder sie war nie in frankreich oder was ich für wahrscheinlicher halte - beides.
ich habe schon lange nicht so viel gelacht, wie bei dieser wunderbaren französischen komödie.
leicht, unterhaltsam, entspannend. ganz einfach super.
eine homage an den französischen norden. warum nicht. er ist liebenswert und wunderbar.
genau so, wie viele leute nicht verstehen können, daß man gerne und freiwillig an den ost oder nordsee fährt und es ist traumhaft dort.
auf jeden fall, die leute im kino waren halb tod vom lachen. :-)
mir hat der film für viele stunden ein lächeln ins gesicht gezaubert und das ist sehr viel wert.


Norbert

Ich habe den viel erst sehr spät, im Januar, gesehen. Mit absoluter Sicherheit waren mehrere Personen zum wiederholten Mal im Film - ich werde ihn mir auch noch einmal anschauen. Neben mir hatten sich Besucher eine Flasche Wein und 4 Gläser mitgebracht um, französisch like, den Film zu genießen. Nach dem Film habe ich eine Gruppe vor dem Kino getroffen, die versuchte, die Mundart zu imitieren. Ich glaube, das sagt alles.


Ulf Lustig

24 Stunden nach dem Verlassen des Kinosaales tut mir noch immer der Bauch weh vom Lachen! Wunderbar, dieser Streifen - herrliche Charaktere, in ihrer witzigen Überzeichnung auch sehr vertraut irgendwie - dass über 20 Millionen Franzosen diesen Film gesehen und als excellent eingestuft haben, ist kein Wunder! Einen derartig unverklemmten Film zu vergleichbaren deutschen Problemen wünscht man sich sehnsüchtig.
Und da geht mir das, was Frau Birte schreibt, ein ganzes Stück irgendwo vorbei - es ist komisch, dass Filmkritikern ganz oft immer dann ein Streifen suspekt und des Verrisses würdig erscheint, wenn sich das Publikum einfach nur amüsiert. Man fragt sich, bei welchen Filmen Filmkritiker und -innen mal so richtig herzhaft lachen können - bzw. bei welchen Filmen sie bereit sind, zuzugeben, dass sie es getan haben...


toto

War die Kritikerin etwa in einem andren Film als ich ?
Muss wohl sehr frustriert sein die Gute.
wir haben auf jeden Fall Tränen gelacht wie noch nie. Speziell Kennern beider Landstriche und Menschenschläge wird so manches wiederbegnen.
Ist halt ein Film der ohne Amiklamauk auskommt.


Omid Zamani

Kurz und Knapp: Der Film war primitiv, ohne Dramaturgie und mit extrem oberflächlichen und vollkommen unglaubwürdigen Charakteren.

Wenn die unrealistisch hübschen Frauen sich zumindest noch ausgezogen hätten... aber nein, nicht einmal diesen Lichtblick gönnt man einem!

Dabei kann man es so gut machen, siehe "Dänische Delikatessen", "Bad Santa" oder der gute alte "Das Leben des Brian".

Ein Teil des Humors in diesem bemittleidenswert lächerlichen Film ist zwar dadurch verloren gegangen, dass er nicht übersetzbar ist. Dies sollte jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass der Film erbärmlich schmalzig, vorhersehbar und langweilig ist.

Zusammenfassend kann ich den Film wirklich empfehlen, wenn man sich den Abend versauen will. Viel Spaß!


Blubb

UN BRUN!!!!


bernd weiss

habe den film erst jetzt gesehen und viel davon gehört. ich kenne und liebe den norden und den süden frankreichs, aber der film ist einfach nur ganz bescheidener slapstick. schlechtes drehbuch, jeder gag ist vorprogrammiert und die deutsche übertragung des dialekts eine zumutung und verzerrung der tatsächlichen wirkung die diese in frankreich habn dürfte. wie kommen die synchronisatoren auf so eine idee??? also enttäuschung auf ganzer linie. frankreich am boden und deutschland seit raumschiff surprise ohnehin.


Greg

Der Film ist irgendwie völlig an mir vorbeigegangen, doch glücklicherweise hat mich eine gute Freundin letzthin "gewungen" diesen Streifen mit ihr zu schauen...und ich war sprachlos vor lachen!

Noch jetzt Wochen danach muss ich immer wieder schmunzeln, wenn ich an die wunderbaren Sprachwitz und die Situationskomik denke.

Wie gesagt: Ein Film an den ich mich lange erinnern werde...wobei....ich glaube ich schau ihn gleich nochmal (habe ihn nämlich gleich in meine Sammlung aufnehmen müssen. :D)!


KoyoteKarl

Ich bin ein großer Freund des schrägen Humor und kenne kaum ein größeres Vergnügen, als im Kino mal so richtig abzulachen. Um die Schtis habe ich gleichwohl einen großen Bogen gemacht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich das, was den Erfolg des Films in Frankreich ausgemacht hat, ins Deutsche übertragen lässt. Weil mir nichts besseres einfiel, hab ich ihn nun einmal in der Videothek ausgeliehen. Ums kurz zu machen: Ich fand den Film einfach nur dumm, möchte allerdings nicht verschweigen, dass meine Lieben um mich herum herzlich gelacht haben.


Christine Fuhr

Bin Französin und diesen Film fand ich überhaupt nicht komisch. Er ist nur eine plumpe Karikatur von Menschen, die überhaupt nicht sind, wie im Film dargestellt. Dass dieser Film so viel Erfolgt hatte, kann nur an der Riesenwerbung liegen: Nur weil 20 Millionen Menschen ins Kino gerannt sind, sind viele auch hingegangen. Ich habe wirklich versucht lustige Szenen zu finden . Leider habe ich keinen Spass an diesem Film finden können. Ich schließe mich voll der Meinung von KoyoteKarl an.


Henry Slocum

Kaum zu glauben, wie hier einige Leutee die Kritikerin angehen! Frustriert? Als ich diesen Film sah, war ich froh, dass mich beim Verlassen des Kinos keiner kannte; ich hätte mich geschämt. Natürlich gibt es Leute, die das witzig finden, aber von guten Filmen verstehen die dann wohl nicht besonders viel. Wäre der Film von 1967, okay; aber er ist zeigenössisch, und so hat er nicht viele Argumente auf seiner Seite. In meinen Augen kommt der Streifen hier noch viel zu gut weg.


Norbert Vincent Horwath

Ein schwacher Kritiker-Kommentar und Menschen die es gewöhnt sind amerikanische Billig-Peng-Filme schauen.Für mich und meine Bekannten war das eine wunderbare und toll gespielte Komödie, zwei mal angeschaut!Schade dass es immer noch viel zu wenig Filme aus Frankreich, Tschechien,Polen und Italien in unser "amerikanisches" TV-Programm schaffen.In den 80er war das selbstverständlich.






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