Willkommen bei den Rileys

Leben bedeutet, im Takt zu bleiben. Das Leben zu meistern heißt, den Rhythmus der Trauer und des Glücks zu tanzen. Wer in Stille lebt, ist lebendig tot. Welcome to the Rileys.

Willkommen bei den Rileys 04

Jake Scott, Sohn von Ridley und Neffe von Tony Scott (beide fungieren bei Willkommen bei den Rileys als Produzenten), hat als Regisseur von Musikvideos für Bands wie Radiohead, R.E.M und U2 viel Erfahrung sammeln können mit Bildern und Beats. Aber Videoclips sind in dieser Hinsicht einfach: Die Musik ist unüberhörbar. Sie zwingt die Bilder, für sich zu tanzen. Wie steht es aber mit den Klängen des Lebens, die allzu oft in Rauschen zerfasern oder so wild durcheinander schallen, dass kein Rhythmus mehr zu empfinden ist?

Willkommen bei den Rileys 06

Willkommen bei den Rileys, Jake Scotts zweite Spielfilmarbeit, kann man als existenzielle Tanzstunde verstehen. Der Brite, in seinen Videos gerne auch mal knallig und artifiziell, beweist ein sensibles Gespür für leise Töne, für die Missklänge des ordinären Lebens. Das Ergebnis ist ein kleiner, nuancierter Film, eine Art Kammerstück für Schauspiel und Kamera, das wesenhaft musikalisch ist, ohne starker Musikuntermalung zu bedürfen.

Willkommen bei den Rileys 10

Die Rileys sind gehörig aus dem Takt geraten: Ihr Leben ist festgefahren in Schweigen, Trauer und Hoffnungslosigkeit. Das Bild eines lichterloh brennenden Autos eröffnet den Film wie ein visueller Paukenschlag: Einigermaßen spät erfahren wir, dass die Tochter von Doug (James Gandolfini) und Lois Riley (Melissa Leo) darin zu Tode gekommen ist. Seitdem hat Lois das Haus nicht mehr verlassen, Doug geht jede Woche zum Poker und nach jedem Pokerspiel zu seiner Geliebten (Eisa Davis). Dann stirbt auch sie, und Doug findet auf dem Friedhof einen Grabstein mit seinem Namen und dem seiner Frau. Jahr der Geburt bis Leerstelle – „insert date of death here“.

Willkommen bei den Rileys 11

Regisseur Scott verwendet viel Zeit darauf, eine maximal desolate Ausgangssituation zu entwerfen, das Porträt zweier Leben zu zeichnen, die sich in einem Kokon verhärteter Trauer eingeschlossen haben. Das ist für einen Anfang ganz schön schwerfällig, aber Willkommen bei den Rileys benötigt diese quälende Statik, um spätere Fluchten und Freiheitssehnsüchte gewichten zu können. Musikalisches Leitthema ist hier höchstens das einsame Schluchzen hinter der verschlossenen Garagentür. Stille, Stillstand, Tod – aber wohin mit Ende 50 und ohne Kinder?

Willkommen bei den Rileys 13

Schon in den ersten Minuten wird deutlich, dass die herausragenden Darsteller das größte Kapital von Scotts Drama darstellen. James Gandolfini schafft es, in jede schwerfällige Körperdrehung, in jedes Schnaufen und Ächzen den ganzen Kraftakt zu legen, den der Lebenswille gegen die feindliche Welt aufbietet. Er setzt seine Leibesfülle gleichzeitig als Gradmesser des zu überwältigenden Widerstandes (so viel Kraft allein, um sich aus dem Bett zu erheben!) als auch als Versicherung ein, noch ganz und gar auf Erden zu sein. Demgegenüber Melissa Leo als asketisch-verhärtete Lois, kerzengerade und pedantisch gepflegt: Eine Figur, die leicht ins Karikaturhafte abgleiten könnte, so nachvollziehbar zu spielen, ihre Kälte nie bösartig wirken zu lassen, sondern stets als Panzer über einer tiefen Verwundung kenntlich zu machen, ist schauspielerische Meisterklasse.

Willkommen bei den Rileys 02

Also Flucht aus der Welt des Todes – in die Welt des Klanges. Auf die Topografie der USA gemünzt heißt das: nach New Orleans. Doug setzt sich dort von einem Geschäftkongress ab und lernt die minderjährige Stipperin Mallory (Kristen Stewart) kennen. Wie das Drehbuch diese Zusammenkunft arrangiert, später Lois aus dem Haus und über einen einsamen Selbstfindungs-Roadtrip aus dem kalten Indianapolis in den verschwitzten Süden führt, das wirkt teils arg zusammengereimt und nicht immer im strengen Sinne glaubwürdig. Aber die Schauspieler bewahren emotionale Kontinuität, wo das Script holpert und springt. Irgendwann sind die beiden Alten in der Bruchbude Mallorys und finden in dem Versuch, eine zweite Tochter vor dem Tod zu bewahren, wieder Freude am Leben und aneinander.

Kristen Stewart ist der Spaß daran anzumerken, ihr Twilight-Keuschheitsgelübde brechen zu können; sie flucht, säuft und kifft mit unverhohlener Hingabe. Sie darf laut sein in einem Film, der fast gänzlich auf effekthascherische Gesten verzichtet. Scotts Regie bleibt meist dezent: Lang gehaltene Einstellungen unterstreichen zu Beginn das Statische, ruhige Dollybewegungen entlang an Häuserwänden und durch Gestrüpp übersetzen später den Fluss des (wieder-)aufkeimenden Lebens in Bilder. Bemerkenswert dabei das Sounddesign: Viel ist gar nicht zu sehen von New Orleans, aber akustisch ist die Stadt des Mardi Gras ungemein präsent: Sirenen, von ferne Musik, Gekicher, schlagende Türen und zerspringende Scheiben. Während wir Figuren sehen, die noch unsicher die ersten Schritte aus der steinernern Trauer wagen, ist die Welt um sie schon lebendig als Klang und Musik. Willkommen bei den Rileys wird ihnen folgen, bis sich der Rhythmus ihres Lebens mit dem der Welt versöhnt hat.

Trailer zu „Willkommen bei den Rileys“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Martin Zopick

Soviel Altruismus ist schier unerträglich. An sich ist es ja schön, wenn es so etwas noch geben würde, aber die Realität sieht nun mal anders aus.
Der etwas problematisch verheiratete Doug (James Gandolfini) in seiner Lieblingsrolle als Knuddelbär hilft völlig selbstlos der Nachwuchsnutte Mallory (Kristen Stewart). Er versucht sogar sie zu erziehen, ihr Ordnung beizubringen und ihr das Fluchen abzugewöhnen. Ganz ohne die übliche Gegenleistung aus dem horizontalen Gewerbe.
Dann taucht seine etwas sonderbare Ehefrau Lois (großartig Melissa Leo) auf. Beide einigen sich und sehen in ihr einen Ersatz für ihre bei einem Unfall umgekommene Tochter. Das ist ja noch verständlich. Klar werden sie enttäuscht, denn Mallory will natürlich keine Ersatztochter sein.
Es fällt einem schwer zu glauben, was man da sieht. Wunschdenken oder Realitätsferne. Fast den ganzen Film über beschäftigt den Zuschauer die Frage ‘WARUM?‘, wenn man mal von dem Tochtersyndrom absieht. Es gibt keinen Grund und selbst Doug weiß keinen. Alle Figuren quellen nur so über vor Verständnis und Hilfsbereitschaft. Es sind engelgleiche Wesen, die niemanden Vorwürfe machen, außer eventuell sich selbst. Über diesen Gutmenschen schwebt der Heiligenschein. Die Darsteller sind OK, aber die Message ist aus dem Jenseits.. Willkommen im Himmel.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.