Willenbrock

Auch in seiner ersten Literaturadaption bleibt sich Regisseur Andreas Dresen treu. Auf Kosten des politischen Kerns von Christoph Heins Roman Willenbrock destilliert er vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen der Personen heraus. Dresens Film zeigt, wie bei souveräner Handhabung von Romanmotiven ein eigenständiges Werk entstehen kann.

Willenbrock

Der Romancier Christoph Hein ist zugleich Dramatiker. Seine Stücke – Schlötel oder Was solls (1974), Die wahre Geschichte des Ah Q (1983) oder Die Ritter der Tafelrunde (1989) – wurden und werden auf den Theaterbühnen inszeniert und ihr Autor wird daran gewöhnt sein, dass seine Werke in der Transformation einer Aufführung verändert werden. Auch bei der Adaption des Romans Willenbrock (2000) für das Kino wird sich Hein dieser Tatsache bewusst gewesen sein – und wie man hört, hat er Drehbuchautorin Laila Stieler dazu gratuliert, dass sie „nicht zu stark am Original kleben geblieben ist“.

Der Film-Willenbrock ist ein gutgelaunter, erfolgreicher Gebrauchtwagenhändler, glücklich verheiratet trotz oder wegen mehrerer Geliebter, mit Eigenheim und Landhaus. Die wiederholten Einbrüche auf seinem Autohof kann die Polizei zwar nicht aufklären, aber das scheint Willenbrock nicht ernsthaft zu stören. Ihn beschäftigt eher die Studentin Anna, die Tochter seines Nachtwächters. Als er aber eines Nachts in seinem Landhaus von zwei Einbrechern zusammengeschlagen wird und auch seine Frau nicht vor dem Überfall zu schützen vermag, beginnt seine Welt zu zerbrechen. Weder Polizei noch Alarmanlagen können die Sicherheit, in der Willenbrock mit seiner Frau bislang scheinbar lebte, zurück bringen.

Willenbrock

Während Heins Roman nun personal fast ausschließlich aus der Sicht des Titelhelden erzählt und keine andere Figur – es sei denn aus dessen Sicht – betont, kehrt der Film diese Strategie in das Gegenteil; hier werden neben Willenbrock gleich mehrere Figuren zentriert. Die Studentin Anna (Anne Ratte-Polle) etwa, die in dem Roman nur zweimal und unter anderem Namen am Rande vorkommt, wird im Film zu einer wichtigen Beziehung Willenbrocks, die aber genauso zerbrechen wird wie die zu der Professorin Vera (Dagmar Manzel), einer Kompilation dreier Frauenfiguren des Romans. Was dem Film hier gelingt, ist die Vernetzung mehrerer Personen zu einem Beziehungsgeflecht, das sich am Ende überraschend und etwas überstürzt entwirren wird und eine einzelne, nicht nur verlassene, sondern einsame Figur sichtbar werden lässt: Willenbrock. Axel Prahl gelingt das Kunststück, völlig konträre Charaktereigenschaften dieser Figur glaubwürdig ineinander zu binden. Sein Willenbrock ist Frauenheld und monogamer Ehemann, sich seines Glückes bewusst und der Überzeugung, alles sei käuflich, er ist unverwundbar und verletzlich zugleich; der Mantel, den er im ersten Drittel des Filmes ständig trägt, wirkt dabei wie ein Panzer, den er sich zugelegt hat, um seine Verletzbarkeit zu tarnen.

Filmisch äußert sich dieses Interesse an den Figuren – den Menschen – in der Dominanz der Nahaufnahmen. Dresens Kameramann Michael Hammon hat in Cinemascope gefilmt, dabei aber ab dem Überfall auf die Willenbrocks die Bilder überwiegend mit der Handkamera eingefangen. Dadurch entstehen sehr intensive Aufnahmen, die das Innenleben der Personen genauso abzuzeichnen vermögen, wie die immer wieder – bis zum Schlussbild hin – gezielt eingesetzten Totalen, in denen die Einsamkeit, ja fast Verlorenheit der Figuren sehr expressiv veranschaulicht wird.

Willenbrock

Besondere Bedeutung kommt dabei dem Ehepaar Bernd und Susanne Willenbrock zu. In Heins Buch führt Susanne nur ein scheinbar eigenes Leben; was wir über sie erfahren, sehen wir zumeist mit Bernds Augen. Bei Dresen werden wir Zeuge ihres inneren Kampfes. Hier will und kann sich Susanne nicht mehr gegen Willenbrock behaupten; der Fatalismus, der aus ihrer späten Zurücknahme der Trennung von ihrem Mann spricht, ist auch ein Ausdruck ihrer Angst, die in dem Nervösen und Fahrigen, das Inka Friedrich in ihre Darstellung der Susanne einfließen lässt, seine Entsprechung hat. Die unterschiedlichen Ansichten, die das Paar über die Gemälde des Malers Waldersee (Christian Grashof) hat, verdeutlichen das. Jener hat sich ganz dem Thema des Todes verschrieben und während Susanne mit diesen Bildern den Tod als Teil des Lebens offenbar akzeptiert und nicht verdrängt, fragt Bernd Waldersee ungläubig: „Wieso malen sie nicht das Leben? Das Leben ist doch schön.“

Das Buch Christoph Heins ist in erster Linie ein politischer Roman. Er erzählt von der Krise des Rechtsstaates; nicht von ungefähr wurden in der Literaturkritik Vergleiche zu Kleists Michael Kohlhaas geführt. In Andreas Dresens Film spielt diese politische Komponente, die im Roman zudem mit der Bespitzelung des Helden in DDR-Zeiten seinen Anfang nimmt, nur mehr eine untergeordnete Rolle. Er erzählt allgemein und zugleich ganz konkret von der Krise der Menschlichkeit, der Krise kommunikativer und zwischenmenschlicher Beziehungen; darin wohl am ehesten mit den Arbeiten Ingmar Bergmans vergleichbar. Die „Fantasien einer fürchterlichen Verteidigung“, die der Roman-Willenbrock träumt, sind dem Film-Willenbrock zwar nicht fremd – auch er bedient sich einer Schusswaffe –, bei Dresen geschieht die Tat aber zu einem Zeitpunkt, als Willenbrocks Welt ohnehin bereits in sich zusammengebrochen ist.

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