Wilde Maus

Als werde die österreichische Komödie unter die Dusche geschickt. In Josef Haders Regiedebüt sieht man zwar den Prater zu wenig, dafür aber einen Film, in dem es erstaunlicherweise ums Ganze geht.

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Obwohl ihm im Wiener Konzerthaus einmal die Augen feucht werden, ist, oder besser, war, Georg Ertl offensichtlich einer jener Musikkritiker, die ausschließlich dafür berühmt wurden, den ersten Geiger eines Streichquartetts im Nachgang seiner Leistung sprachlich so lange zu verdreschen, bis dieser seinerseits zurückdrischt – mit der Pfanne gegen das Auto des tippenden Aggressors zum Beispiel. Es passt wunderbar in die arg polarisierenden Weltentwürfe eines bestimmten österreichischen Kinos, dass es zwischen der grantigen Kunstkritik und der dumpfbackig-genügsamen Totalindifferenz junger Redakteure gegenüber jeder Art künstlerischen Ausdrucks (hier verkörpert von Nora von Waldstätten) schlicht nichts gibt; dass das Schlechtere nicht unbedingt ein Besseres ablöst und dass alles auf eine fiese, nihilistische Art und Weise vollends wurscht ist. Josef Hader aber – und man kann das fast emanzipatorisch nennen – ist noch nicht einmal alles wurscht; er treibt sein Regiedebüt sogar tatsächlich einer Schlusseinstellung entgegen, bei der man das Gefühl bekommen kann, gerade eine Neunziger-Jahre-Romcom mit Meg Ryan gesehen zu haben.  

Es ist wurscht!

Wilde Maus 4

Hader, der auch den im Zentrum des Films wurschtelnden Musikkritiker spielt, legt es auf eine gänzlich andere Art einer finalen Harmonisierung an, als es die Kollegen David Schalko (Aufschneider, 2010) oder Wolfgang Murnberger (Silentium, 2004, Der Knochenmann, 2009), mit denen er auch regelmäßig arbeitet, im Blick haben würden. Nicht selten liegt der Witz dieses bestimmten österreichischen komödiantischen Kinos darin, dass Provinzialität ins Inzestuös-Libidinöse verzerrt wird, dass Hinterweltlertum als groteskes erotisches Kraftfeld aufgespannt wird. Das Personal der Filme zeigt sich immer als ein irgendwie erotisch vernetztes; wenn am Ende zwei Figuren sexuell noch leer ausgegangen sind, werden diese quasi durch eine Zwangserotik verklammert. Immer wieder geht es um Impotenz, und immer wieder geht es um die Potenz des deutschen Invasors. Filme wie Der Knochenmann oder Aufschneider zelebrieren aber nicht nur mit allen Tricks der Negation eine politische Inkorrektheit, sie schaffen vielmehr ein Setting, in dem gewissermaßen gar nichts Korrektes mehr vorausgesetzt werden kann, was sich dann verneinen ließe. Darin liegt möglicherweise die Radikalität dieses Kinos – und darin, dass sie stets mit der Affirmation dieses Zustands enden. Es ist eben wurscht! Auf das Schlechtere folgt kein Besseres und andersherum auch nicht. Passt eh!

Liliputbahn und Eisprungsex

Wilde Maus 2

Wilde Maus hat sich in dieser Grundkonstellationen prächtig eingerichtet. Georg wird von seinem freilich aus Deutschland stammenden Chef gefeuert und schwört Rache. Er droht noch mit Leserprotesten, aber Leserproteste sind eben wurscht, sie interessieren keinen Menschen – abgesehen davon, dass es so etwas wie Leserproteste ohnehin nicht gibt. Seine um einige Jahre jüngere Frau Johanna (Pia Hierzegger) schlürft sich zuhause die Abende erträglich und bestellt den Göttergatten kurzerhand zum Eisprungsex, damit endlich der langersehnte Nachwuchs das Baucherl wölbt. Georgs Spermien sind jedoch anscheinend zu langsam – ein Gag, den sich Hader aus seinem eigenen Kabarettprogramm entliehen hat: Impotenz. In der Liliputbahn im Prater lernt er Erich (Georg Friedrich) kennen, den Lokführer, mit dem er zur Schule gegangen ist. Zusammen organisieren sie Anschläge auf das Haus und das Auto des bundesdeutschen Chefredakteurs und nebenbei renovieren sie eine heruntergekommene Wilde Maus im Wurstelprater. Es ist vielleicht das stärkste Motiv dieses Films, dass ihm ausgerechnet der Wurstelparter nicht wurscht ist, und dass mit der Instandsetzung dieser Achterbahn tatsächlich mehr auf dem Spiel zu stehen scheint als die gelassene Affirmation des Provinziellen. Kaum eine städtische Freifläche steht historisch so für einen wachsenden Kosmopolitismus wie der Prater. Da ist es fast schade, dass Hader seinen Film am Ende doch relativ wenig an diesem Ort spielen lässt und stattdessen mehr an den tragikomischen Stellschrauben der terroristischen Rachefantasie dreht.

Ein Riss durchs Bild

Wilde Maus 3

Inmitten des altbekannten Kraftfelds, inmitten auch der immer gleichen Schauspielerfamilie (über Marie Hofstätter kann man sich jedes Mal freuen), poliert Hader das Motiv der Existenzkrise wieder heraus, so lange, bis sich tatsächlich Hollywood’sche Affekte in die Szenerie mischen. Den Prater aufzuhübschen ist ein bisschen so, als würde die österreichische Komödie unter die Dusche geschickt werden. Wenn Georg mit einem gelben Schrottauto in den Krieg zieht, wenn er mit einer Pistole bewaffnet zum Bundesdeutschen düst, laut den Beethoven aufdreht, aufs Lenkrad trommelt, wenn er das Auto vor einer Alm zum Stehen bringt, aussteigt, die Pistole zückt, der Beethoven noch weiter donnert, dann geschieht da tatsächlich so etwas wie eine Veroperung des provinziellen Komplexes. Georg kann sich mit seinem Schicksal nicht abfinden, die Krise ist tatsächliche Krise, sein Zustand lässt sich nicht affirmieren. Am Anfang des Films sehen wir ihn von rechts kommend einen schneebedeckten Hang hinunterstapfen, bis er links wieder aus dem Bild tritt. Die Spur, die er hinterlässt, ist – klar! – ein Riss, der durchs Bild geht. Und vielleicht steckt hinter diesem Riss auch die Forderung an die österreichische Komödie, wieder zu Situationen, Konstellationen und Erzählungen vorzustoßen, in denen das Existieren nicht völlig wurscht ist.

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Kommentare


Jiub

Die Schauspielerin heißt Pia Hierzegger, nicht Pia Herzberger


Lukas Stern

Das stimmt natürlich – Dankeschön! Das sieht nach Autorkerrektur-Fehler aus.






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