Wild Side

In Presque Rien (Sommer wie Winter…, 2000) erzählte Sébastien Lifshitz eine Initiationsgeschichte Homosexueller - damals mit dem jungen französischen Schauspieler Stéphane Rideau in der Hauptrolle. In Wild Side ist es dem Regisseur erneut gelungen, sich nicht auf Gender-Themen zu beschränken, sondern in einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte von der Universalität der Gefühle zu erzählen.

Wild Side

Wer mit Wild Side einen klassisch französischen Film im Stil von Claude Chabrol, Patrice Leconte oder François Ozon erwartet, wird in dem neuen Film von Sébastian Lifshitz nicht auf seine Kosten kommen. Der Regisseur verlegt seine Handlung in eine öde provinzielle Landschaft und in das harte und kalte Paris der Immigranten und gesellschaftlichen Außenseiter, das nichts mit der romantischen Seite der französischen Hauptstadt gemein hat.

Der Film konzentriert sich auf drei eigenartige Charaktere: eine Transsexuelle (Stéphanie Michelini), deren Mutter im Haus der Familie im Sterben liegt, auf einen Stricher nordafrikanischer Abstammung (Yasmine Belmadi) und auf einen russischen Immigranten (Edouard Nikitine), die alle drei eine Liebesbeziehung miteinander verbindet. Wenn schon in der ersten Szene die Transsexuelle nackt gezeigt wird, so liegt das laut dem Regisseur an einem bewussten Willen, das Interesse des Films nicht von dem Thema der sexuellen Identität abhängig zu machen. Genauso wenig geht es um die Thematisierung von Prostitution oder Immigrantenschicksalen. Die drei Charaktere bleiben über den Film hinweg untypisch genug, um die feste soziokulturelle Kategorie zu entbehren.

Wild Side

Als Rahmen für die Geschichte dieses außergewöhnlichen Trios dient der baldige Tod der Mutter. Die Rückkehr ins Familienhaus bietet der Transsexuellen - begleitet von ihren zwei Partnern - die Möglichkeit, wieder an die Vergangenheit anzuknüpfen und Erinnerungen hervorzurufen. Diese Aufnahmen ihrer Kindheit gehören zu den schönsten des Films: In minimalistisch gedrehten mit Schwermut beladenen Bildern sieht man den kleinen Pierre im Feld herumrennen. Diese Einstellungen wirken nie, wie so oft beim Einsatz von Rückblenden, als dienten sie nur dazu, dem Zuschauer biographische Informationen zu liefern, sie tragen vielmehr zu dem allgemeinen Eindruck eines gelungenen poetischen Stiles bei. Ebenso geschickt ist die Struktur des Drehbuchs, in der die Vergangenheit und das Zusammentreffen der drei Protagonisten episodenhaft erzählt werden. In dieser Hinsicht bleibt Wild Side einer filmischen Mode verhaftet, die die Erzählstruktur dekonstruiert, fällt dabei aber nie in ein einfaches Puzzle, wie es Amores Perros (2000) und 21 Grams (2003) vorgeworfen werden könnte.

Der Gegenstand dieser Geschichte scheint nicht eindeutig, und bleibt glücklicherweise der Apologie einer so genannten Anormalität vollkommen fern. Der Zustand von Außenseitern im allgemeinsten und existenziellen Sinne des Wortes ist hier der Gegenstand, kein soziales Argument über die Verteidigung der Ausgeschlossenen. Es sind Außenseiter, bei denen jeder auf seine Art und Weise auf der Suche nach dem Glück, der persönlichen Erfüllung und der Liebe ist. In dieser Hinsicht stellt die Transsexuelle eine Synthese ihrer beiden Freunde dar.

Wild Side

Sie ist diejenige, der es gelingt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, sie zu verarbeiten und zu überwinden. Gleichzeitig ist sie keine karikative Darstellung der starken Figur, die alles spottet und die Gesellschaft in Frage stellt, wie beispielsweise in Oskar Roehlers

Agnes und seine Brüder</em>

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