Wild

La Inconformista oder Frau trifft Wolf: Nicolette Krebitz erzählt mit ihrem Team um Reinhold Vorschneider und Bettina Böhler die Flucht aus der deutschen Hölle als epochale Initiations- und Liebesgeschichte.

Wild 01

Trostlos. Ania (Lilith Stangenberg) lebt in einer Hochhauswohnanlage, jobbt in einem Arrangement irgendwo zwischen Dauerpraktikum, Aushilfskraft und Bedeutungslosigkeit. In einer chauvinistischen Hölle zwischen PR und IT. Die junge Frau wird ausbrechen, einen Entgrenzungsversuch starten. Dessen Verlauf orientiert sich aber keinesfalls an der Logik einer Sozialstudie. Orientiert sich nicht an Plattitüden, denkt nicht in Plattenbau oder Prekariat. Anias Platz befindet sich in der nach unten gerutschten sozialen Mitte einer BRD, welche angesichts Sigmar Gabriels linker Mitte die Frage aufwirft, wo es noch einen rechten Rand geben soll. Ania ist weder ein Fall für die AfD noch für das Sozialamt. Sie ist empathisch, bei Verstand und im Besitz eines Arbeitsplatzes – welcher zunächst einmal alle Insignien des Ordinären aufweist. Sie ist sogar einigermaßen integriert. Die Grausamkeit lauert gerade und insbesondere hinter oder unter dem Gewöhnlichen und Alltäglichen.

Wild 04

Wild skizziert unsere Gesellschaft, Deutschland 16, als Hölle der Normalität und Leere. Ein erbarmungsloser Mief des Angepassten. Richtig, es geht uns gar nicht so schlecht. Aber geht es überhaupt noch? Der Albtraum ist hier nicht die Arbeitslosigkeit, sondern die Routine und Leere der Arbeit, die Worthülsen, der Wahnsinn von Ambition und Mediokrem. Irgendwann, da hat Ania bereits einen anderen Aggregatzustand erreicht, weist sie ihren Chef (Georg Friedrich) auf die schlechte Luft und den Filzteppich hin. Es ist der deutsche Teppichboden, dem die Säfte des Ekligen entsteigen. Wild nimmt hier durchaus eine Umkehrung vor, denn wenn wenig später in diesem Büro – das nicht geschmacklos wegen seiner Einrichtung wäre, sondern eben weil es ein Büro ist, mit der funktionalen Architektur der Macht des kleinen Mannes – auf dem Schreibtisch ausgeschieden wird, dann ist das ein Akt der Grazie. Überhaupt umgibt Ania immer mehr ein Hauch von Grazie, während sie immer ungewöhnlichere Dinge tut. Der Ausgangspunkt dafür ist die Begegnung mit einem Wolf. Ania fühlt sich zu ihm hingezogen. Sie möchte ihn fangen, doch soll nicht er domestiziert werden, sondern sie ist es, die sich seiner Wildheit anschließen und ausliefern möchte.

Love at first sight

Wild 08

Die Geschichte der Liebe einer Frau zu einem Wolf zu erzählen, klingt auf dem Papier nach einer Skurrilität. Wild ist jedoch alles andere als das. Der dritte Langspielfilm von Nicolette Krebitz ist ein Kinoereignis von größtmöglicher Wucht, Schönheit und Ehrlichkeit. Und würde man hinzufügen: „wie es das deutsche Kino seit langem nicht mehr gesehen hat“, dann wäre das irreführend. Denn zwar ließe sich tatsächlich vortrefflich an Wild beschreiben, woran es manch anderen am Fernsehen oder Förderplänen orientieren deutschen Produktionen mangelt. Dies hieße aber, ein Kunstwerk von wahrhaft epochalem Ausmaß in einem klein dimensionierten und vielleicht auch kleingeistigen Diskurs versanden zu lassen.

Erotik und Sinnlichkeit statt Sensation

Wild 05

Genauso wäre es kontraproduktiv, dem Impuls nachzugeben, Wild radikal zu nennen. Es widerspräche der Selbstverständlichkeit des Films, seinem so entspannten wie eleganten Erzählen. Er ist konsequent, ohne jemals prätentiös oder sensationalistisch zu sein, da er seine Geschichte mit völliger innerer Notwendigkeit aus sich selbst heraus erzählt. Dabei enthält er Momente großer Musikalität und Anmut. Wild findet Bilder voller Zärtlichkeit und bleibt dabei immer konzentriert, einen großen erzählerischen Sog entfaltend. Ania zu folgen, in ihrer radikalen Verweigerung und Abkehr, hat etwas Befreiendes. Nicht nur das: Die so ungleiche wie zum Scheitern verurteilte und verheerende Liebe findet neben Momenten von Aggression und Brutalität sogar filmische Erotik.

In seiner Eigenwilligkeit und Konsequenz ist Wild beglückend. Eine traumwandlerisch sicher inszenierte Emanzipations- und Initiationsgeschichte, ein tröstendes Leinwandgeschenk.

Trailer zu „Wild“


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Kommentare


Leander

Danke für die Kritik. Hab ihn heute in Bremen gesehen. Kann ihn auch nur empfehlen, guckt ihn euch an, wenn er in eurer Stadt läuft.


Monja

eine wirklich unglaublich gute beschreibung und kritik eines filmes, für den ich irgendwie keine ihm gerechtwerdende worte finden konnte. der trailer ist leider so unpassend und irreführend, dass keiner meiner filmempfehlung nachgehen wollte. ich schick ab jetzt diesen text, danke!


NeroNo

So platt anarchische Floskeln wie "gegen das System" auch erscheinen, so treffend würde es diesen Film beschreiben. Allerdings geht es nicht alleinig um die Opposition gegen ein politisches System oder eine nicht greifbare Obrigkeit, anlässlich derer diese Floskel allzu gerne Verwendung findet. Viel mehr geht es um sämtliche Systeme, die unser Zusammenleben, uns als Individuen strukturieren und limitieren. Die Protagonistin löst sich nach und nach von allem, was uns in unserem Sein in ein Korsett steckt. Seien es naheliegende Dinge wie der Beruf und den damit einhergehenden patriarchischen Mechanismen, oder wirklich intimen Zonen wie der Familie und Sexualrollen. Wie schon in der gelungenen Kritik geschrieben, ist es ein hoher Verdienst dieses Filmes, dass diese Emanzipation so fantasievoll wie selbstverständlich geschieht. Dass das treibende Vehikel dieses Ritus die Liebe zu einem Wolf ist, ist eine konzeptuell und visuell schlaue und beeindruckende Idee.

Ich finde diese Metapher dermaßen beeindruckend, dass ich es weiß Gott nicht verstehen kann, dass viele Leute damals im Kino diesen Film als eine Zoophilie-Studie interpretiert hatten...






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