Der große Trip – Wild

Selbstfindung ohne Ergebnis: Aus Cheryl Strayeds Bestseller-Bericht über eine extreme Wanderung nach extremem Schicksalsschlag ist ein überraschend unextremer Film geworden.

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Reese Witherspoon ungeschminkt, oder besser: auf ungeschminkt geschminkt. Sie lächelt eher selten in diesem Film. Und sie ist älter geworden, klar. Ihrem Gesicht tut das alles gut, das All-American-Girlige verschwindet aus seinen Zügen. Der große Trip – Wild (Wild) lässt erahnen, dass die „reife“ Witherspoon eine interessante Schauspielerin werden kann, recht mühelos füllt sie die freilich dankbare Rolle mit Leben, ohne die emotionalen Ekstaseangebote zu sehr auszukosten oder ihre Figur an die Wand zu spielen. Witherspoon wollte diesen Part unbedingt, hat sich früh die Rechte für Cheryl Strayeds Bestseller gesichert, in dem diese sich an ihren fast 2000 Kilometer langen Wandertrip über den Pacific Crest Trail erinnert. Und nachdem die eigentlich vorgesehene Lisa Cholodenko (The Kids Are All Right) ausgestiegen ist, hat sich Witherspoon einen Regisseur ans Bord geholt, dessen letztes Werk bei der diesjährigen Oscar-Verleihung gleich zwei Darsteller-Preise einheimsen konnte. Dass Jean-Marc Vallées neuem Film die Projekt-Kalkuliertheit weniger anzumerken ist als dem sich durch Thema und Casting ziemlich anbiedernden Dallas Buyers Club, hat nicht nur mit Witherspoons im Vergleich zu den prämierten Method Actors McConaughey und Leto dezenterem Spiel zu tun, sondern auch mit Strayeds Vorlage und deren Bearbeitung durch Nick Hornby. Auch wenn Der große Trip – Wild zwischendrin ein wenig gefällig daherkommt, ist sein unbekümmerter Erzählton – gerade im Vergleich zu anderen verbisseneren und oft überdeutlichen Stücken über Trauerarbeit und Selbstfindung – die größte Stärke des Films.

Arbeit am Trauma

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Die Einblendung „Tag 1“, während Cheryl gerade losstapft, ist ein Ablenkungsmanöver. Für das Zeiterleben auf der fast drei Monate dauernden Wanderung interessiert sich Vallée wenig, versucht das Extreme der Unternehmung nicht über eine entsprechend extreme Seherfahrung zu beschwören. Die Dramaturgie von Wild ist dementsprechend nicht linear, sondern exponentiell: Auf Tag 1 folgt Tag 2, dann geht es rasch zu Tag 5 und Tag 12, dann zu Tag 30. Mit unnachgiebiger Regelmäßigkeit wird der Naturgenuss durch Rückblenden gestört: Cheryl mit ihrer Mutter Bobbi, mit ihrem Ex-Mann, mit anonymen Liebhabern, mit sich allein. Schicksalsschläge, die in den Bergen Kaliforniens nachhallen: eine Trennung, ein familiärer Trauerfall mit anschließenden Drogenexzessen, Reue, Schuld. Das ist freilich alles etwas zu heavy, um es in ein paar kurzen Segmenten auf den emotionalen Punkt zu bringen; das sich langsam zusammensetzende Mosaik ist dennoch ein gelungener filmischer Modus für Strayeds Geschichte. Die Degradierung der Erinnerungen zu Puzzlestücken nimmt ihnen zwar die Intensität, erschwert aber auch ihre Überformung in allzu leicht erkennbare Psycho-Klischees. Wild hebt weder das Kathartische des Trips noch die Last vergangener Ereignisse zu stark hervor, spricht vielmehr aus einem Dazwischen, schaltet sich als vermittelnde Instanz zwischen die Präsenz der Wanderung und die Heimsuchung durch die Vergangenheit. Trauma und Verarbeitung werden nicht filmisch gegeneinander ausgespielt, sondern gehören gleichberechtigt einem Leben an. In einem liegt nicht mehr Wahrheit oder Bedeutung als im anderen.

Rucksack von Gewicht

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Ihre physische Entsprechung findet die Last der Vergangenheit in Cheryls überdimensionalem Wander-Rucksack, den die Protagonistin durch die von Yves Bélanger in ebenfalls angenehm bescheidenen Bildern eingefangene Landschaft trägt. Um sich das Teil aufzusetzen, geht sie in die Knie und kommt dann nicht mehr hoch, ringt mit dem Rucksack wie mit einem Tier, mit dem man erst mal den Platz im Rudel ausfechten muss. Das sprichwörtliche Päckchen, das wir durchs Leben zu tragen haben, ist zwar nicht gerade eine subtile Metapher, bildet aber dennoch ein passendes Leitmotiv für einen Film, den man auch als weiblich-materialistische Korrektur des männlich-idealistischen Into the Wild (2007) verstehen kann. Der anfangs noch auffälligste Unterschied zwischen diesen beiden auf realen Schicksalen basierenden Geschichten – dass Christopher McCandless die ganze Gesellschaft satt hat und Cheryl Strayed „nur“ ihr eigenes Leben – ist noch als Aktualisierung konservativer Privat-Öffentlich-Dichotomien lesbar. Mit der zunehmenden und doch behutsamen Akzentuierung von Cheryls Frau-Sein im kumpeligen Tracking-Milieu schiebt sich aber eine andere Ebene in den Vordergrund. War der (reale oder metaphorische) Rucksack von McCandless eine nicht weiter beachtete Größe, lassen Cheryl Strayeds Erfahrungen in Wild keinen Zweifel daran, dass der symbolische Ballast von vornherein sehr ungleich auf den Rücken Alleinreisender verteilt ist; und dass man sich die vermeintlich geschlechtslose Geste des radikalen Ausstiegs leisten können muss. Dabei verzichtet der Film sowohl auf Gender-Plattitüden zur Zielgruppenoptimierung wie auf Opfer-Rhetorik: Witherspoons ungeschminkte und doch unbestreitbare Weiblichkeit heißt hier auch: fluchen, stinken und horny sein.

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„Es tut mir leid, dass du diesen Trip machen musst, nur um ...“: Cheryls Ex bricht ab am Telefon. Ein bisschen rollt man mit den Augen, als man gewahr wird, dass der Film sich nun anschickt, diesen Satz zu vervollständigen. Doch spätestens nach einem ziemlich abrupten Ende – gerade hatte man es sich eingerichtet in Cheryls Welt – ist klar: Der große Trip – Wild lag weniger die Vervollständigung des Satzes auf der Zunge als der Verzicht auf einfache Erklärungen am Herzen.

Trailer zu „Der große Trip – Wild“


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