Wiegenlieder

Ein Film ohne echtes Thema, aber mit viel Meinung.

Es ist wahrscheinlich einer der zentralen Fragenkomplexe, dem sich jeder Dokumentarfilmer früher oder später gegenüber sieht: In welche Beziehung setzt man Konzept und Wirklichkeit? Wie viel an einem Film ist planbar, wie genau können Themen vorher umrissen werden, welchen Spielraum räumt man dem Leben in seinen unablässig geschehenden Unvorhersehbarkeiten ein?

Wiegenlieder

Tamara Trampe und Johann Feindt wollten für ihre Gemeinschaftsarbeit Wiegenlieder ganz offensichtlich so wenig planen wie möglich, anders ist die Unbestimmtheit  ihrer Thematik schwer verständlich. An sich mag es eine löbliche Einstellung sein, dem Leben nicht im Vorhinein eine Form aufzwingen zu wollen, sondern es sprechen und eigene Geschichte entwickeln zu lassen. Aber ohne beschränkendes Korrektiv, ohne eine sinnstiftende Einhegung irgendeines Bereiches der Welt führt ein solcher Ansatz schnell zu dröger Beliebigkeit. Filmschaffen erfordert ausschließende Grenzziehungen als Schnitte durch Zeit, Schnitte durch Raum und, ja, Schnitte durchs Leben. Letzteres geht in Wiegenlieder vollkommen schief.

Wiegenlieder

Alles hier ist vage, ist richtungslos, vor allem der thematische Raum. Im weitesten Sinne interessieren sich Trampe und Feindt für Kindheit und deren Spuren im Alter, insgesamt aber anscheinend für Menschen an und für sich, Menschen in Berlin. Die namensgebende Suche nach Erinnerungen an die Schlaflieder der Mütter tritt schnell in den Hintergrund, die Protagonisten berichten über Erlebnisse im Gefängnis, über den Tschetschenienkrieg, über Gefühle überhaupt.

Das kann man ihnen jedoch keineswegs zur Last legen. Eher ist Tamara Trampes naiv-gefühlsduseliges Fragen, das sich in geradezu brutaler Direktheit nach essenziellem Empfinden erkundigt, für diese qualitätslose Offenheit verantwortlich zu machen. „Was war der schönste Moment deines Lebens? Was bedeutet ‚Scham‘ für dich? Was fällt dir ein zum Wort ‚Liebe‘?“ So und ähnlich erklingen die Sätze aus dem Off.

Wiegenlieder

Die Auswahl der Gesprächspartner ist so heterogen, dass man als vereinenden Gedanken nur das Streben nach gesellschaftlicher Breite anzunehmen vermag. Ein tschetschenischer Poet, ein Komponist der Neuen Musik, ein HipHop-MC mit Knastvergangenheit. Die meisten hatten eine nicht unproblematische Kindheit, viele kommen aus den ehemaligen Ostbezirken Berlins. Doch ihre individuellen Erinnerungen verbindet wenig mehr als derlei externe Information. Erneut: Den Menschen ist nichts zur Last zu legen, man bedauert ausschließlich, dass sie durch die Filmform in einen derart willkürlichen Sinnzusammenhang gezwungen wurden.

Wiegenlieder

Unentschieden ist auch die Inszenierung: Die Bilder sind tendenziell gerade so knapp überbelichtet, dass sie in ihrer kontrastarmen, graustichigen Mattheit zwar die farbliche Dominante Berlins ganz gut treffen, aber unentschlossen wirken, weder handwerklich gut sind noch ästhetisch aufschlussreich. Dazu liegt der Fokus permanent irgendwo zwischen Gesprächspartner und Hintergrund. Auch dieses Dazwischen deutet nirgendwo hin, stört aber den Zugang zu den Bildern ununterbrochen.

Am gelungensten erscheint noch die Postproduktion des Films, seine nachträgliche Formung. Die Montage ist nicht ohne Charme, hier wird die Idee des Musikalischen durchaus effektvoll transportiert: visuelle Leitmotive, freie Wechsel zwischen den Episoden und gelegentliche fast abstrakte Abschnitte funktionieren ziemlich gut. Doch dann gibt es auch abrupte Gegenüberstellungen, oftmals wird eine Szene durch die folgende ironisch kommentiert, sodass man spürt, wie hier im Nachhinein genau der Sinnzusammenhang gestiftet werden sollte, der dem Projekt von Beginn an abging.

Kommentare


Jeanne

Mich hat es sehr bewegt. Ich möchte vor allem wissen, wer dieser tschetschesnische Dichter ist. Bitte, wer kann mir sagen, wo ich seine Texte herbekomme?






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