Wie sehr liebst Du mich?

Mit einem Lottogewinn kauft sich François die Dienste der Prostituierten Daniela für ein ganzes Leben – doch nicht nur ihr Zuhälter muss von dem Geschäft überzeugt werden. Mit dieser poetisch-skurrilen Komödie ist der Außenseiter Blier nach zehn Jahren Pause endlich wieder auf deutschen Leinwänden zu sehen.

Wie sehr liebst Du mich?

Bertrand Blier, der französische Meister des Absurden, holt seit über 40 Jahren die größten französischen Schauspieler vor seine Kamera, darunter Gérard Depardieu, Charlotte Gainsbourg, Alain Delon und Carole Bouquet. Insbesondere der Zusammenarbeit mit Depardieu seit Les Valseuses (1974) verdankt das französische Kino einige legendäre Momente: einen Auftritt des leicht untersetzten Interpreten in einem knappen Tigerlook-Tanga in Abendanzug (Tenue de soirée, 1985) zum Beispiel. Trotzdem ist der Filmemacher dem deutschen Publikum weitgehend unbekannt. Von seinen fast zwanzig Filmen hat gerade mal eine Handvoll den Sprung über die Landesgrenze geschafft. Zuletzt lief Mein Mann (Mon homme, 1996) mit Anouk Grinberg in den hiesigen Kinos.

Wie letzterer dreht sich auch Wie sehr liebst du mich? (Combien tu m’aimes?, 2005) um Prostitution. Dank eines gigantischen Lottogewinns erfüllt sich der schüchterne François (Bernard Campan) seinen Lebenstraum: Er kauft die atemberaubend schöne Prostituierte Daniela (Monica Bellucci) nicht für einige Stunden, sondern bietet ihr Geld für ein ganzes Leben zu zweit. Daniela willigt ein und sitzt kurze Zeit später in lasziver Pose auf dem Sofa in François’ grauer Junggesellenwohnung. Doch so einfach will sich das Glück nicht einstellen: François’ Arzt und einziger Freund André (Jean-Pierre Darroussin) rät ihm aufgrund seines schwachen Herzens dringend vom Umgang mit dem erotischen Busenwunder ab. Seine Arbeitskollegen werden ob seiner ungekannt guten Laune misstrauisch und statten dem Paar einen Hausbesuch ab. Und Danielas Zuhälter Charly (Gérard Depardieu) lässt sich nicht einfach so abservieren und fordert eine gebührende Entschädigung.

Wie sehr liebst Du mich?

Genauso wie Bliers frühere Filme ist Wie sehr liebst du mich? eine wirre, narrative Grenzen austestende Komödie mit verstörend direkten Szenen und scharfen Dialogen. Der Filmemacher schafft es aber, der vulgären Sprache eine geistreiche literarische, gar poetische Qualität zu verleihen und beispielsweise zum weiblichen Orgasmus einen pointenreichen Schlagabtausch im Treppenhaus zu entwickeln. An anderer Stelle zitiert Depardieu als alternder Zuhälter – allein seinetwegen lohnt sich der Kinobesuch – in einer karikaturhaften Darbietung des Liebhabers seinen entsprechenden Auftritt in Les Valseuses.

Ähnlich wie in Mein Mann ist der filmische Raum bühnenhaft geschlossen und farblich konnotiert: François’ graues Appartement kontrastiert mit der tiefroten Wohnung des Zuhälters. Sehr bewusst wird mit fantastischen Elementen und emotionsintensiven Effekten filmischer Mittel gespielt. Es dominieren Großaufnahmen von den Gesichtern der Protagonisten und erotische Detaileinstellungen von Danielas Körper. Rückblenden mischen Imaginäres und Surreales in den Handlungsverlauf. Einzelne Einstellungen werden für den Moment eines Paukenschlags überbelichtet, um einen emotionalen Höhepunkt zu markieren. Alles andere als unschuldig ist der exzessive Einsatz von Musik. Italienische Opernarien erzeugen eine leidenschaftliche Überhöhung der Liebe: Während sich zum Beispiel Daniela und François im Bett räkeln, ertönt die Arie „Lasciate mi morire“ aus Monteverdis L’Arianna.

Wie sehr liebst Du mich?

François, Daniela und Charly verhandeln mögliche Konstellationen in einem Blier-typischen Dreieckskonflikt. Seine weiblichen Figuren waren immer schon Prostituierte oder Flittchen, die männlichen entweder deren potente Zuhälter und Liebhaber oder arme Verlierer. Auf dieses Schema reduziert, seziert Blier wie kein anderer die Mechanismen der Beziehung zwischen Mann und Frau. Als Abbild des traditionellen Rollenmodells eines zahlenden Mannes und einer dienenden Frau ist die Liebe zunächst ein knallhartes Geschäft, in dem Sex gegen Geld gehandelt wird und sich der Wert der Marktteilnehmer am Umfang von Geldbeutel und Oberweite misst.

Doch der Liebeshandel ist immer auch irrational, weil Emotionen im Spiel sind. Auf dieser Ebene weicht alle oberflächliche Vulgarität der Menschlichkeit: Nicht zufällig leidet François an Herzschwäche und will sich das Ende seiner Einsamkeit erkaufen. Daniela sehnt sich nach Zärtlichkeit und Respekt und gesteht Charly vorwurfsvoll, dank François ein lange verlorenes Schamgefühl wiedergefunden zu haben. Hinter dem komödiantischen Ton des Films verstecken sich eine existentielle Traurigkeit der Figuren und die Angst vor dem seelischen Verkümmern in einem Leben ohne Liebe. Das Thema der Einsamkeit, das in Wie sehr liebst du mich? insbesondere durch François’ Freund André repräsentiert ist, zieht sich von Les Valseuses (Jeanne Moreau als Jeanne) über Notre Histoire (Alain Delon als Robert) und Mon homme (Anouk Grinberg als Marie) durch das gesamte filmische Werk Bertrand Bliers – und oft enden seine surrealistischen Melodramen traurig. Für einen kurzen Augenblick hadert auch Wie sehr liebst du mich? mit dem glücklichen Ende seiner Figuren, um dann im letzten Moment einzulenken und den Konflikt in einem Feuerwerk von Möglichkeiten in einer überdrehten Party aufzulösen.

 

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