Wickie und die starken Männer

Schlauheit siegt vor Brachialgewalt: Wenigstens in Wickies Welt ist das so. In Bullys jetzt auch?

Wickie

Vor ein paar Jahren unterhielt ich mich auf einer Party mit einer Frau, die steif und fest behauptete, die TV-Figur „Wickie“ sei ein Mädchen. Alle Einwände waren zwecklos. Dabei hätte sie sich nur einmal den Titelsong genau anhören müssen („die Angst vorm Wolf macht ihn nicht froh ...“) – doch davon abgesehen wird der Irrtum dem Stoff durchaus gerecht. Denn die Frage, was ein „richtiger Junge“ sei, ist das zentrale Thema in Wickie und die starken Männer. Anders gesagt, Wickies bärenstarker Vater Halvar hätte der These zum Geschlecht seines Sprösslings wahrscheinlich seufzend zugestimmt – und das nicht nur, weil die Zeichentrickfigur, schmächtig, langhaarig und berockt, ihrer kleinen Freundin Ylvi schon optisch ähnlicher sah als den anderen Jungs im Dorf. Von den großen Wikingern ganz zu schweigen.

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Wer stets mit klopfendem Herzen in den Sportunterricht ging und Schulhofprügeleien weiträumig mied, für den lag in der Gestalt des kleinen Wikingers immer ein gewisser Trost. Genugtuend war es, zu sehen, wie der schwächliche Hänfling den stumpf in ihr Unglück fahrenden Meisterseglern ein ums andere Mal das Leben rettete, wie er den begriffsstutzigen Muskelmännern mit Engelsgeduld noch die banalsten Angelegenheiten zur Not zehnmal erklärte. Schlauheit siegt vor Brachialgewalt: Dieses so sympathische wie hoffnungslos utopische Sujet ist sicher auch ein Grund, warum die erstmals 1974 ausgestrahlte TV-Serie bis heute ein Dauerbrenner ist.

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Pläne für eine Realverfilmung gab es bei der Produktionsfirma Constantin schon länger. Dass die Wahl für die Regie auf Michael Bully Herbig fiel, ist leicht einzusehen. Man muss kein Liebhaber von Bullys Humor sein, um bemerkt zu haben, dass in Der Schuh des Manitu (2001), Lissi und der wilde Kaiser (2007) usw. ein Filmemacher zu Werke war, der sich manisch detailversessen und, wenn man so will, völlig stilsicher den jeweils parodierten Filmstoff aneignete – wie platt die darin erzählten Witzchen dann auch sein mochten.

In der Liebe zum Detail folgt Wickie seinen Vorgängern, in Sachen Humor nimmt der Film einen Kurswechsel vor. Statt einem kalauerndem Wortspiel à la (T)raumschiff Surprise (2004) trägt er den Namen des Originals. Bully hat das Genre gewechselt: Wickie ist keine Parodie, sondern eine „ernsthafte“ Adaption, ein Abenteuerfilm für Kinder mit komödiantischen Einlagen. Unvermeidliche Bullyismen gehen vor allem auf das Konto des vom Regisseur selbst gespielten Congaz, der als Chronist die Ereignisse kommentiert. Die extra für den Film erfundene Figur ist einigermaßen sinnfrei und für den Plot völlig überflüssig, sie stört aber auch nicht weiter.

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Denn ansonsten sind Stil und Ambiente des Originals sehr genau getroffen. Was die Ähnlichkeit der (großteils in einer TV-Show gecasteten) Darsteller von Halvar, Faxe, Snorre & Co. mit den Vorbildern betrifft, schlägt der Film beispielsweise die Asterix-Realverfilmungen um Längen. Auch im Produktionsdesign wurde nicht gespart; Constantin wird nicht müde zu betonen, dass es sich um die „bis dato teuerste Family-Entertainment-Produktion“ handelt. Für diese merkwürdige Kategorie lassen sich natürlich schwer Vergleiche finden, doch in jedem Fall gelingt es dem Film, das Flair von Flake und Umgebung vorlagengetreu auf die Leinwand zu bringen.

Der Anfang, ein Wettkampf zwischen Wickie (Jonas Hämmerle) und seinem Vater (Waldemar Kobus) – wer gewinnt, dürfte klar sein –, entspricht der ersten Folge der Serie, Versatzstücke vieler weiterer Episoden durchziehen den Film. Der Hauptplot wurde indes neu geschrieben: Alle Kinder im Dorf bis auf Wickie werden von maskierten Unholden entführt, und die Wikinger machen sich auf, sie zu suchen. Mit an Bord: Wickie auf seiner ersten Seefahrt. Hinter der Entführung steckt, wie schnell herauskommt, der Schreckliche Sven, Oberbösewicht der Serie wie des Films (hier mit spürbarem Vergnügen gespielt von Günther Kaufmann). Denn um den sagenumwobenen Goldschatz von Töle zu finden, braucht er ein Kind, das noch nie gelogen hat.

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Die Chancen, mit dieser Story ins Herz der Zielruppe zu treffen, stehen nicht schlecht. Die entführten Kinder nehmen ihre Rettung am Ende weitgehend selbst in die Hand, die Großen sind vor allem als Schlepp- und Prügeltrupp einsetzbar und stehen ansonsten bestenfalls nicht im Weg. Abenteuerfilmzutaten gibt es reichlich – eine Schatzinsel, ein Geisterschiff, ein geheimnisvoller Nebel –, und nebenbei erfindet der Titelheld noch die bemannte Luftfahrt. Als Diskursstoff mag Wickie und die starken Männer, rundweg brav und ohne doppelten Boden, wenig hergeben (höchstens Zitatesucher haben einiges zu tun), doch einwenden kann man gegen diesen liebevoll gemachten Film wenig. Und 90 Minuten Bully ohne einen Schwulenwitz, das ist doch auch schon mal was.

Trailer zu „Wickie und die starken Männer“


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