Why Don't You Play in Hell?

Als der Maschinengott noch Schicksal hieß: Agitprop für wilde Amateurfilmemacher in Sion Sonos jüngstem Reigen.

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Wieder mal ein Film übers Filmemachen, mag man ächzen. In Sion Sonos Why Don’t You Play in Hell marodiert eine Gang aus ewig pubertierenden Filmnerds durch das Dickicht der Erzählfäden, kamerabewehrt, Rollschuhe unter den Füßen, und von dem Traum geschüttelt, sich selbst zu Ruhm und das japanische Kino aus der Krise zu katapultieren. Fuck Bombers heißen die vier, und ihre vollkommene Selbstaufgabe ans Bilderfangen macht sie zu einer echten Gang mit Mission, ganz ähnlich dem hochheiligen Orden der Panchira-Upskirt-Fotografen aus Love Exposure (2009). Nur an Talent mangelt es den Balgen, wie auch an Geld.

Aber Why Don’t You Play in Hell ist nicht nur ein Film übers Filmemachen, sondern ebenso ein Aufruf zum Filmemachen: egal wie, egal wo, egal mit welchen Mitteln. Das Kino ist hier noch Tempel rebellischer Cinephiler, großväterlich überwacht von einem zigarrenrauchenden Projektionisten. Charmant und hintersinnig flicht Sono dabei auch eine Eloge ans absterbende analoge Filmemachen mit ein. Dass der Großteil von Why Don’t You Play in Hell digital gedreht wurde, wie überhaupt Sonos absurde Produktivitätsrate (fünf Filme in drei Jahren) sowie seine wild zusammenimprovisierten Inszenierungen ohne die unendlich verfügbaren Bilder aus 1 und 0 unrealisierbar wären: geschenkt. Widersprüche sind das Letzte, was hier bedeutsam wäre. Sono wird vom gleichen naiven Schaffenstrieb bestimmt wie seine Filmgang, gefräßig arbeitet er sich an der schmalen Linie von Wirklichkeit und Wahn durch die japanische Gesellschaft und die japanische Filmgeschichte.

Ein bisschen Warnruf à la Mann beißt Hund (Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoodre, 1992) ist zwar auch dabei, wenn die Jungfilmemacher einen mit dem Tod ringenden Gangster begeistert abfilmen und am Ende „Bilder schießen“ und „Menschen schießen“ ein und dasselbe bedeutet. Klar, die Welt filmen heißt auch immer, in sie einzugreifen, und die in Bildwelten allerlei Provenienz ertrinkenden Kids von heute kriegen das manchmal nicht so gut hin, zwischen Fantasie und Fakt zu unterscheiden. Aber wie Sion Sono auch schon in Suicide Circle (2001) seine Auseinandersetzung mit den erschreckenden Selbstmordraten unter Japans Jugend von Anfang an durch grotesken Splatter in abseitigen Sehgenuss wendete, so ist auch in Why Don’t You Play in Hell die Freude an Blutfontänen, abgetrennten Körperteilen und sonstiger Comicgewalt viel zu ungebremst, um sich ganz ernst mit ihren Effekten befassen zu wollen.

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Sonos Gonzo-Attitüde, der (je nach Beobachterverfassung) nichts oder alles gleichermaßen heilig ist, wirkt nach ihren eigenen Gesetzen. Da kommt man als Zuschauer ins Schwitzen, und dem Kritiker gelingt es höchstens mit Aufzählungen, dem Gewusel aus schrillen Situationen, Typen und Anspielungen Herr zu werden. Schöne Einsicht: Das Seherlebnis eines Sono-Films lässt sich nur äußerst unbefriedigend verschriftlichen, so hochfrequent ist das Staccato, mit dem die Erzählung feuert, und so ungerade sind die Taktzahlen, mit denen sie zwischen ihren Konflikten herumhüpft.  Ein paar willkürliche Kostproben: Da tanzt ein weiß bestrumpftes Mädel in einem See aus Blut, während sie einen Werbesong für Zahnpasta trällert (dessen Refrain „Beiß die Zähne aufeinander und los geht’s“ durch den ganzen Film geistert); zwei Yakuzagangs inszenieren ihr gegenseitiges Abschlachten für die Kameras, erst, weil’s besser aussieht, mit Samuraischwertern, dann mit Knarren; eine sitzen gelassene Schönheit küsst ihren Ex mit einem Mund voll Glassplittern Goodbye – und das sind längst nicht alle Bonbons für den Asia-Extreme-Markt. Allerlei Fetzen aus High- und Low-Kultur, aus Yakuza-Noir und Jidaigeki-Kostümfilm werden hier im Schleudergang zu einem grellbunten Mischmasch verwirbelt.

Wer sich jetzt kurz den Kopf kratzt und fragt, ob derartige Filme nicht schon zur Genüge den Weg in europäische Heimkinos oder Festivals gefunden haben, wird von Sonos neon-barockem Stil voll unsinniger Seitenpfade und aufgeblähter Figurenriegen schnell niedergebügelt. Ferne Fanbase samt Gier nach Grenzüberschreitungen hin oder her: Es gibt, außer vielleicht Takashi Miike, keine Filmemacher, die wie Sono zwischen Metakino und Crowdpleasing, zwischen Exploitation und Kitsch navigieren können. Das Ganze kommt daher wie eine auf Spielfilmlänge kondensierte Soap-Opera. Drei-Akt-Struktur? Eher dreihundert. Exposition? Die hört entweder nie auf oder fängt nie an, so viele Charaktere und Plottwists müssen eingeleitet werden. Peripetie? Man suche den Moment, wo hier nicht alle Verhältnisse kippen.

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Der Deus ex Machina heißt bei Sono noch Schicksal, weil er unablässig kleine Tragödien und Komödien gebiert. Doch sein Wirken wird dem Publikum immer wieder halb augenzwinkernd, halb stolz vorgeführt. Ob die Fuck Bombers zum „Movie God“ beten, auf dass er ihnen das Meisterwerk beschere (was er, das nimmt ein Voice Over schon vorweg, zehn Jahre später tun wird), ob in Love Exposure ein Timer aus allerlei Erzählrichtungen auf „Das Ereignis“ hinzählt, mit dem das Figurenkarussell angeworfen wird: Konsequent wird die Konstruiertheit der Geschichten nach außen gekehrt, wird sie als Attraktion ausgestellt. Das läuft vor allem gegen die ungeschriebenen Gesetze des gediegenen Erzählkinos, in dem die Geschaffenheit tunlichst verheimlicht werden, die Welt als Welt wie automatisch ihre Situationen gebären soll; aber auch gegen störrisches Genussverweigerungskino, weil es letztlich nicht um die Verfremdung geht, sondern immer nur um Story und um die Freude an den unerschöpflichen Ressourcen der Fantasie.

Trailer zu „Why Don't You Play in Hell?“


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