Whores' Glory - Ein Triptychon zur Prostitution

„Mit einem Eiswürfel im Arsch, da blöken die Männer wie verrückt.“ Der Dokumentarfilm Whores’ Glory inszeniert Rituale der Prostitution in Thailand, Bangladesch und Mexiko.

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Der Film endet in Reynosa, Mexiko, in einer Toleranzzone für Prostitution nahe der Grenze zu Texas. Es ist Dezember. „Es gibt Geschenke für die ganze Familie, und wir werden gefickt.“ Mit einer Szene im Privaten, bei der zwei Huren halbnackt und auf Crack ihr gemeinsames Leid klagen, entlässt einen Whores’ Glory. Und plötzlich scheint es, als kippe der Film, als lasse er seine Protagonistinnen die Fassung verlieren, ihre Maske ablegen, die Fratze der Verzweiflung, der Scham und des verletzten Stolzes an die Oberfläche drängen. Ehre, Pracht oder Ruhm, die im Titel anklingen, sind vergessen. Das mentale Bild, das hier entsteht, ist die Zuspitzung eines Films, der sich der Macht von Worten und Bildern sehr bewusst ist.

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In dem Alltagsporträt von Prostituierten dreier Regionen der Welt herrscht Beiläufigkeit: in den Erzählungen der oft unbekümmerten Frauen und ihrer Freier, durch ritualisierte Wiederholungen und wegen der vielen Ellipsen – denn bis kurz vor Schluss bleibt der Geschlechtsakt ausgeblendet. Beiläufigkeit steht hier allerdings nicht für eine nüchterne Erzählweise, ganz im Gegenteil: Whores’ Glory überhöht das Dokumentarische konsequent, durch stilisierte Bilder und dominante Singer/Songwriter-Lieder, die zwischen modernem Blues, Folk und Rock changieren. In vielen Momenten hält der Film das zarte Gleichgewicht von offenbarender Beharrlichkeit und respektvoller Zurückhaltung.

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Anekdoten wie der eingangs zitierte Tipp zur Befriedigung von analsensiblen Männern können das triste Themas auflockern, aber auch davon ablenken, sie bleiben jedoch glücklicherweise die Ausnahme. Statt für die erinnerte Realität interessiert sich der Film viel mehr für die gelebte. Wie sich die Frauen in den dunklen Fluren des Gebäudekomplexes „Stadt der Freude“ in der Provinz von Bangladesch bewegen, miteinander interagieren, sich feilbieten und mit den Männern verhandeln. Wie die Frauen hinter einer Glasscheibe im „fish tank“ ihre Lage reflektieren, Contenance bewahren oder mit Lichtstrahlen die Aufmerksamkeit von Passanten zu wecken suchen. Wie freimütig die jungen Freier in Mexiko von ihrer Fetischen erzählen und ihre Tattoos in die Kamera halten, wie ein älterer Mann seine Beziehung zu den Huren romantisiert, wie die Frauen ihre eigenen Regeln aufstellen, um das Gesicht zu wahren.

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Whores’ Glory kommt seinen meist namenlos bleibenden Protagonistinnen sehr nahe, fängt Situationen ein, die ein komplexes Bild des Berufsstandes an den drei exemplarischen Orten zeichnen. Ebenso wertvoll ist seine Bescheidenheit: Nie gibt er vor, über die Eindrücke hinaus ein umfassendes oder repräsentatives Puzzle darzustellen oder auch nur die Frauen ganz zu erfassen. In Montagesequenzen deutet der Film immer wieder an, wie viel mehr es noch zu ergründen gäbe. Da geht es etwa um Hygiene-Rituale oder auch die Präsenz der Religion in allen drei Episoden, vom Buddhismus über den Islam bis hin zur Anbetung der Santa Muerte, der „Heiligen Frau Tod“. Dass er die private Sphäre weitgehend meidet, gereicht ihm zum Vorteil, da es die Mitwirkenden vor Entblößungen, so weit es geht, schützt. Und auch sein Desinteresse für faktische Eckdaten, die politisch-legale Dimension oder übergreifende Mechanismen und Hintergründe des Geschäfts vermisst man kaum. Schließlich sind das auch just die Elemente, die in jedem Krimi zum Thema als Erstes präsentiert werden.

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Wie die dokumentarischen Vorgänger von Autor und Regisseur Michael Glawogger – Megacities (1998) und Workingman’s Death (2005) – verortet sich auch Whores’ Glory fernab vom Pädagogischen, Didaktischen oder Journalistischen – allesamt Modi, die die Dokumentarfilmproduktion beherrschen. Dennoch will Glawogger mit seinen globalen Sujets die Welt durchaus erklären. Nur setzt er den Vermittlungsakt des Dokumentarischen auf einer nicht rein intellektuellen, sondern vornehmlich affektiven Ebene an, indem er mit den genuin filmischen Mitteln von aufwändigen Bewegungskompositionen arbeitet und auf eine mitunter assoziative Bild- und Ton-Montage zurückgreift. Das heißt aber auch, dass es letztlich unangemessen ist, von Glawoggers Film zu sprechen, wie es die Usancen der Filmkritik befördern. Whores’ Glory lebt nämlich stark von zwei Namen, die auf dem Plakat nur im Kleingedruckten erscheinen: Wolfgang Thaler und Monika Willi. Wie schon bei Workingman’s Death und Megacities zeichnet Thaler, bekannt auch für seine Arbeit mit Ulrich Seidl etwa bei Import/Export (2007), für Licht und Kamera verantwortlich. Willi, die unter anderem Hanekes Das weiße Band (2010) geschnitten hat, ist künstlerische Beraterin und Cutterin. Es ist eine Binsenweisheit, dass Dokumentarfilme nicht selten überhaupt erst am Schneidetisch entstehen. Im Fall von Whores’ Glory dürfte es der Montage zu verdanken sein, dass die unterschwelligen Botschaften, das Weiterwirken des Films im Unbewussten, nicht demagogisch, nicht leichtsinnig und nicht zu wuchtig geraten sind. Mehr als um die Ehre der Huren geht es schließlich um ihre Würde.

Trailer zu „Whores' Glory - Ein Triptychon zur Prostitution“


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