Whity

Fassbinder goes Wild Wild West. Und bleibt sich treu.

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„Read your Westerns more“ empfahl einstmals der 27. US-Präsident William Howard Taft seinen Bürgern, wollten sie sich selbst und das Gesellschaftssystem ihres Landes der unbegrenzten Möglichkeiten besser begreifen. Als Rainer Werner Fassbinders Genre-Beitrag Whity 1970 abgedreht war, wurde dem deutschen Publikum die Möglichkeit einer solch autodidaktischen Medien-Aneignung nicht zuteil. Die Produktion fand keinen Verleih, und auch das eng mit Fassbinders frühem Erfolg verknüpfte Fernsehen zeigte kein Interesse. Bis auf wenige Kritiker und Besucher der Berlinale 1971 bekam den Film niemand zu sehen.

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Der Vorwurf der damaligen Filmkritik, Fassbinders bereits siebter Langfilm seit seinem Debüt Liebe ist kälter als der Tod 1967 entbehre eines für den deutschen Zuschauer relevanten Bezugssystems und sei eine Hollywood frönende „Edelschnulze ohne Tiefgang“, erscheint im Nachhinein und mit Blick auf das Frühwerk des Regisseurs recht oberflächlich. Denn auch wenn Fassbinder seine Geschichte in den nordamerikanischen Westen des Jahres 1878 verlegt, arbeitet er sich doch auch in Whity an den Themen seiner vorherigen Filme ab: Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit, Eifersucht und sexuelle Abhängigkeit, verbittertes Intrigantentum und übertriebene Gewalt. Und das nicht einmal allzu subtil.

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Vorrangiger Schauplatz des Geschehens ist das Gutshaus des wohlhabenden Ben Nicholson (Ron Randell), das von einem herausfordernd künstlichen und von der Norm abweichenden Figurenkabinett bewohnt wird. Im Zentrum steht der uneheliche Sohn des Gutsbesitzers und dessen afroamerikanischer Köchin, von allen nur Whity (Günther Kaufmann) genannt. Er arbeitet im Haus als treu dienender Sklave der Familie und wird nach Lust und Laune ausgenutzt und drangsaliert: Während sein Vater ihn auspeitscht, wenn ihm danach ist, machen sein homosexueller, unsterblich in ihn verliebter Stiefbruder Frank (Ulli Lommel) und die intrigante und nymphomanisch veranlagte zweite Ehefrau von Nicholson (Katrin Schaake) ihm sexuelle Avancen. Beide wollen Whity dazu bringen, den despotischen Nicholson umzubringen, um so an dessen Vermögen zu kommen. Einzig der geisteskranke zweite Stiefbruder (Harry Baer) und die Bartänzerin Hanna (Hanna Schygulla) scheinen etwas außerhalb dieses Sumpfes aus Habgier, Lust und Gewalt zu stehen, dem sich Whity zunächst demütig und bedingungslos aussetzt: Es ist doch die Familie.

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Mit der auffälligen Gewichtung des Melodramatischen erscheint die Genre-Folie des Westerns im Film fast beliebig. Fassbinder, der Whity selbst als Hommage an die Südstaatendramen Raoul Walshs verstand, inszeniert keine weiten Prärien oder spannungsgeladenen Pistolenduelle, vielmehr präsentieren sich dem Zuschauer kammerspielartige Szenen in den Innenräumen des Guthauses und des Saloons. Die spärlichen Dialoge geben den Raum frei für Posen und Blicke, das improvisierte Schauspiel von Fassbinders Antiteater-Ensemble kann in teilweise ungemütlicher Länge wirken. Eingefangen wird das alles in schwenk- und zoomdurchsetzten Einstellungen von Michael Ballhaus’ ultrafluider Kamera – Kumulationspunkt sind dabei zwei gespiegelte Plansequenzen im ersten und letzten Drittel des Films, die jeweils in höchster handwerklicher Genialität die Protagonisten in einer Art Familienrat-Situation einfangen. Nach anfänglicher Abneigung Fassbinders erwuchs aus diesem ersten gemeinsamen Projekt mit dem späteren Weltkameramann eine kongenial-produktive Zusammenarbeit.

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Mit dem im spanischen Almería in der Kulissenstadt des Italowestern-Klassikers Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il West, 1968) gedrehten Whity gelingt Fassbinder eine stilistisch wie thematisch sehr persönlich-spezifische Form der Genreaneignung, die auch viele seiner weiteren Filme auszeichnet. Bis auf einige klassische Motive – das Grillenzirpen und die Country-Musik auf Sound-Ebene gleich zu Beginn, die Saloon-Schlägerei als Standard-Szene des Westerns – entkernt er Form wie Inhalt und implementiert seine gesellschaftskritische Sicht auf die perverse Boshaftigkeit des Menschen, die so trotz des protestlerischen Impetus der ausgehenden 60er Jahre vor allem auch in ihrer Zeitlosigkeit noch deutlicher zutage tritt. Dass der Film kurz nach seiner Fertigstellung gleich wieder im Archiv verschwand und erst durch eine Fernsehausstrahlung 1989 zu einer öffentlichen Auswertung kam, mag durchaus auch mit der unbändigen Schaffenskraft Fassbinders in Zusammenhang gestanden habe – allein in den Jahren 1971/72 brachte er insgesamt acht Kino- und Fernsehfilme heraus. Whity markiert trotzdem einen entscheidenden Punkt im Schaffen des Regisseurs und wurde für diesen auch ganz persönlich wichtig.

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Der Film war Fassbinders erster großer Misserfolg, vielleicht das größte Fiasko seiner Karriere. Daneben markiert Whity nicht nur durch die Zuwendung zur Bildsprache und Erzählweise Hollywoods einen Bruch im Werk des Regisseurs, auch produktionsästhetisch kam es aufgrund der Zustände bei den Dreharbeiten zu einem Umdenken: Fassbinder musste einsehen, dass seine Utopie eines kommunenartigen Clan-Lebens mit der immer gleichen Entourage auf lange Sicht, ähnlich wie die sich behutsam zuspitzende Situation im Gutshaus von Whity, zur Explosion verdammt war. Nachfolgend arbeitete er dann auch vermehrt mit anderen Schauspielern zusammen. Die von zahlreichen Streitigkeiten, Eskapaden und Finanzierungs-Problemen bestimmten 20 Drehtage von Whity in Almería verarbeitete Fassbinder ein Jahr später auf seine Weise: im Meta-Film Warnung vor einer heiligen Nutte (1971). Watch your Fassbinders more!

Trailer zu „Whity“


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